RAF-Gefängnis Stammheim Geheimdokument belegt bislang unbekannte Abhöraktion

Die Abhörmaßnahmen gegen die in Stammheim einsitzende RAF-Führung waren umfangreicher als von den Behörden bislang eingeräumt. Nach SPIEGEL-Informationen belauschten Ermittler 1976 Häftlinge und Verteidiger, um mehr über die Flugzeugentführung nach Entebbe in Uganda zu erfahren.


Dass Ermittler in den siebziger Jahren RAF-Terroristen im Gefängnis Stammheim belauscht haben, wird von offizieller Seite nicht bestritten. Allerdings soll es nur genau zwei solche Abhöraktionen gegeben haben - so zumindest die offizielle Darstellung.

RAF-Spitze Raspe, Ensslin, Meinhof, Baader: Im Zusammenhang mit Flugzeugentführung abgehört
AP

RAF-Spitze Raspe, Ensslin, Meinhof, Baader: Im Zusammenhang mit Flugzeugentführung abgehört

Offenbar haben die Ermittler die Terroristen jedoch mehr als nur zweimal belauscht. Dies geht aus einem seit 31 Jahren geheim gehaltenen Dokument hervor, das im baden-württembergischen Innenministerium liegt.

Nach SPIEGEL-Informationen weist das Papier auf eine Lauschaktion im Zusammenhang mit der Entführung einer französischen Linienmaschine im Sommer 1976 nach Entebbe, Uganda, hin. Offenbar ging es dem Landeskriminalamt darum, aus den Gesprächen von Andreas Baader und Gudrun Ensslin mit ihren Verteidigern Hinweise auf die Planungen der Hijacker zu erhalten.

An der Kaperung durch ein Kommando der palästinensischen Terrororganisation PFLP waren auch zwei Mitglieder der mit der RAF gelegentlich kooperierenden Revolutionären Zellen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, beteiligt. Die beiden Deutschen sorgten in Uganda für die Selektion der 97 jüdischen Fluggäste unter den insgesamt 245 Passagieren. Während die übrigen Passagiere freigelassen wurden, drohten die Terroristen mit der Ermordung ihrer jüdischen Geiseln. Bei der gewaltsamen Befreiung durch ein israelisches Spezialkommando wurden drei Geiseln und sieben Terroristen getötet, darunter auch die beiden Deutschen.

Bisher hatten Justiz- und Innenministerium in Stuttgart behauptet, dass es nur zwei Abhöraktionen im siebten Stock in Stammheim gegeben habe: während des Überfalls auf die deutsche Botschaft in Stockholm 1975 und nach der Festnahme des früheren RAF-Verteidigers Siegfried Haag zum Jahreswechsel 1976/77.

Seit der SPIEGEL (37/2007) beide Ministerien mit Aktenfunden konfrontierte, die nahelegen, dass die Lauschaktionen noch bis zu den Selbstmorden der RAF-Führungsspitze am 18. Oktober 1977 fortgesetzt wurden, sind nun Beamte dabei, bisher verschlossene Geheimarchive in Stuttgart zu durchforsten.

Neben dem Entebbe-Dokument wurden weitere Akten gefunden. Diese würden allerdings nicht belegen, dass es eine Abhöraktion gegeben habe, teilte das Justizministerium auf eine Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Rainer Stickelberger mit.

SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und SPIEGEL-TV-Autor Helmar Büchel hatten bei ihren Recherchen starke Hinweise dafür gefunden, dass möglicherweise die Verabredung der RAF-Führung zum kollektiven Suizid im Herbst 1977 über Wanzen mitgehört wurde.

Unklar ist, von welchen staatlichen Stellen. Offen bleibt ebenso, wer dafür die politische Verantwortung trug. Die Frage ist: Wenn die RAF-Terroristen abgehört wurden - warum hat man ihre Selbstmorde nach der gescheiterten Freipressung des entführten Arbeitgeberchefs Hanns Martin Schleyer nicht verhindert? Ex-BKA-Chef Horst Herold hat deshalb bereits einen Untersuchungsausschuss des Bundestags gefordert, um die Vorwürfe zu klären.

hda



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