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02. Mai 2009, 14:00 Uhr

Randale in Berlin

Mehr Verletzte, mehr Festnahmen, mehr Gewalt

Randale stand bei den Protesten am 1. Mai eindeutig im Vordergrund. Die Bilanz des Berliner Innensenators Körting fällt deshalb ernüchternd aus: Die sonst angewandten Deeskalations-Versuche der Polizei bei den Krawallen hätten dieses Mal nicht gewirkt, gab der SPD-Mann zu.

Berlin - Berlins Innensenator Ehrhart Körting sprach von einem Rückschlag. Die Bemühungen, den Tag rund um den 1. Mai in der Hauptstadt friedlich zu gestalten, hätten in diesem Jahr nicht so erfolgreich gegriffen wie in den vergangenen Jahren. Tagsüber seien verschiedene Veranstaltungen noch weitgehend friedlich verlaufen, sagte Körting. Die Demonstration um 18 Uhr habe jedoch schon mit Gewalt begonnen, die bis weit nach Mitternacht angehalten habe. Körting sprach von einer "anderen Qualität" als im vergangenen Jahr.

Die Gewalttäter könnten sich nicht als Protagonisten sozialer Unruhen rechtfertigen, sagte Körting. "Die Randale stand eindeutig im Vordergrund", betonte der SPD-Politiker. "Mit sozialer Unruhe hat das nichts zu tun."

Verdoppelt hat sich die Zahl der Festnahmen. Nach Angaben von Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch wurden 289 Menschen festgenommen nach 139 im Vorjahr. 273 Polizeibeamte wurden verletzt. 2008 waren es 112 Beamte.

Über Stunden hinweg war die Polizei bis in die frühen Morgenstunden am Samstag mit Flaschen, Steinen und Böllern attackiert worden . Auch mindestens zwei Brandsätze mit Benzin wurden auf Beamte geschleudert. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas, Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Rund 6000 Polizisten waren im Einsatz. Im Vorjahr hatte es einen vorwiegend friedlichen 1. Mai gegeben.

Grünen-Politiker Benedikt Lux sagte im rbb-Inforadio, die Polizei habe "sehr zielgenau gehandelt". Auf schweres Gerät wie Wasserwerfer sowie den großräumigen Einsatz von Tränengas sei verzichtet worden. Dadurch seien nur wenige Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen worden.

Die Organisatoren der sogenannten revolutionären 1.Mai-Kundgebung warfen den Sicherheitskräften dagegen "Gewaltexzesse" gegen die Demonstranten vor. Aus dem Aufzug waren am Freitagabend gleich zu Beginn noch vor Einbruch der Dunkelheit Flaschen und Steine geschleudert worden.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft im Beamtenbund, Rainer Wendt, forderte im NDR-Info-Radio "verschärfte Strafen" für Gewalt gegen die Polizei. "Was wir gesehen haben, sind Mordanschläge auf Polizisten", sagte er. An einer Feuerwache in Kreuzberg hatten Randalierer zwei Beamte vor ihren Autos angegriffen. Ein Beamter erlitt einen Schock. "Das ist ein schwerer Fall. Wir setzen alles daran, um die Täter zu finden", sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski.

Die Mai-Ausschreitungen von Linksautonomen sind nach Ansicht des Soziologen Dieter Rucht kein Indiz für mögliche soziale Unruhen. "Auffällig ist aber, dass derzeit Teile der linksradikalen Szene vor Selbstbewusstsein strotzen und meinen, vor dem Hintergrund von Finanz- und Wirtschaftskrise mehr Verständnis in der Bevölkerung zu finden", sagte der Soziologie-Professor vom Berliner Wissenschaftszentrum.

Auch im Hamburger Schanzenviertel hat es in der zweiten Nacht in Folge schwere Krawalle zwischen Linksautonomen und der Polizei gegeben. Etwa 20 Randalierer wurden vorläufig festgenommen. Die Autonomen bewarfen die Beamten über mehrere Stunden hinweg mit Flaschen und Steinen, auch ein Auto habe gebrannt, sagte ein Sprecher des Lagezentrums. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen die Randalierer vor. Erst gegen 3 Uhr beruhigte sich die Lage in dem Szeneviertel.

Die Straßen rund um das Kottbusser Tor in Berlin, die in der Nacht noch ein Bild der Verwüstung geboten hatten, waren am frühen Samstagmorgen wieder sauber. Rund 80 Einsatzkräfte der Berliner Straßenreinigung waren mit Besen und 26 Reinigungswagen angerückt. Innerhalb von zwei Stunden sammelten sie 100 Kubikmeter Müll, Steine und Glasscherben ein.

ler/ddp/dpa

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