Rassismus in Deutschland Herr Krause fürchtet um sein Leben

Die Nation war geschockt, als sich die Mordserie an Ausländern als gezielter rechtsextremer Terror entpuppte. Wie aber fühlt es sich an, wenn man selbst permanent bedroht wird, Todesangst hat, wenn es keinen Schutz gibt - mitten in Deutschland? Eine Geschichte über alltäglichen Rassismus.

Angst um das Leben: "Ich fühle eine unberechenbare Bedrohung"
Corbis

Angst um das Leben: "Ich fühle eine unberechenbare Bedrohung"

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Berlin - Vier Wochen, das Timing war perfide.

Vier Wochen sind lang genug, um zu verdrängen, sich ein wenig zu beruhigen. Um zu denken, vielleicht war es nur ein dummer Scherz. Vier Wochen sind aber auch zu kurz, um die Angst wieder loszuwerden.

Vier Wochen lagen zwischen den beiden Morddrohungen, die im Briefkasten der Familie Krause* landeten. Im August 2011 kam der erste Brief. Der Absender hatte Buchstaben aus einer Zeitung ausgeschnitten, die sagten, dass Herr Krause und seine Familie getötet werden sollten, falls sie nicht weggingen aus Deutschland.

Weil Frau Krause und die beiden Kinder des Ehepaars dunkle Haut haben, weil Frau Krause aus Ostafrika kommt.

Im September, beim zweiten Brief, machte sich der Absender nicht mehr viel Mühe. Er malte auf das weiße Papier nur vier Kreuze - für jedes der Familienmitglieder eins. Für den Sohn, für die Tochter, für Herrn Krause und für Frau Krause. Der Absender muss die Krauses beobachtet haben, aber er hat eine falsche Hausnummer auf den Brief geschrieben - dass er ein Nachbar ist, ist unwahrscheinlich.

Seitdem ist vorbei, was sich Herr Krause, ein Hochschullehrer mittleren Alters, vorgenommen hatte: es nicht gleich so schwer zu nehmen, wenn es mal Anfeindungen gibt. Nicht überzureagieren. Denen, die Angst säen wollen, nicht auch noch ihren Wunsch zu erfüllen. Seitdem bekannt wurde, dass Neonazis jahrelang unbehelligt mordend durch Deutschland zogen, ist es um seine Gelassenheit endgültig geschehen. Die Täter suchten sich gezielt Opfer aus, die nicht aus Deutschland stammen. Mindestens neun von ihnen waren Einwanderer. "Ich habe Angst", sagt Krause, ein Mann mit großer Brille, Fleecejacke, kurzen Haaren. "Ich fühle eine unberechenbare Bedrohung."

"Dass jemand verrückt ist, schließt nicht aus, dass er gefährlich ist"

Eigentlich ist Krause kein Mensch, der sich scheuen würde, irgendetwas öffentlich anzuprangern, er ist ein wacher Bürger, er sagt: "Ich will Beleidigungen nicht akzeptieren." Aber jetzt will Krause nicht, dass man seinen richtigen Namen schreibt, noch nicht mal die Stadt, aus der er kommt. Herr Krause fürchtet um das Leben seiner Frau und seiner Kinder - und um sein eigenes.

Die Behörden haben ihn gebeten, die Geschichte kleinzuhalten, nur den allerengsten Freunden von den Drohungen zu erzählen. Alles andere könnte unabsehbare Folgen haben. Die Drohbriefe liegen bei den Sicherheitsbehörden. Und die hätten, sagt Krause, abgelehnt, aktiv zu werden. Personenschutz etwa oder Polizisten vor dem Haus soll es nicht geben, Krause sei dafür einfach nicht prominent genug, habe es geheißen. Er solle einfach an die drei "L" denken - nur dahin gehen, wo Licht ist, Lärm und wo Leute sind. Und beim Autofahren immer in den Rückspiegel schauen. Im Übrigen passiere so etwas ständig, und es handele sich vermutlich einfach um einen Verrückten.

Auch Anders Behring Breivik könnte man geisteskrank nennen, den Mann, der in Norwegen fast 80 Menschen ermordete, Sozialdemokraten, darunter viele Migranten. Herr Krause sagt: "Dass jemand verrückt ist, schließt ja nicht aus, dass er gefährlich ist." Er glaubt nicht daran, dass es Einzelfälle waren mit den Neonazis aus Zwickau. "Und es ist falsch, dass sie Dumpfbacken sind. Sie sind amoralisch, aber intelligent."

Herr Krause, Wirtschaftwissenschaftler, lebt mit Frau und Kindern in einem gutbürgerlichen Stadtteil einer deutschen Großstadt, Einfamilienhaus, Garten.

"Bin ich zu empfindlich?"

Vor zwei Jahren zog Krauses Ehefrau, Medizinerin aus einem ostafrikanischen Land und damals hochschwanger mit dem zweiten gemeinsamen Kind, mit der älteren Tochter, zu ihrem Mann. Schon wenn Herr Krause erzählt, wie er seine Frau 2004 kennengelernt hat, wird deutlich, dass er sich oft gegen Vorurteile wehren muss. Nein, sie sei keine Prostituierte, die er in einem Hotel kennengelernt hat, nein, sie habe auch nicht auf den reichen Deutschen spekuliert, sie komme selbst aus einer wohlhabenden Familie. Ins Gespräch gekommen seien beide auf dem Weg zur Uni.

Krause hat sich gefreut, seine Frau nach Deutschland zu bringen. Weil es hier sicherer ist, weil es hier gute Ärzte gibt, Arbeit, Zukunft, weil er das Land mag. "Deutschland ist ein schönes Land, das ein großes Potential bietet, um friedlich und freundlich zu leben", sagt er. Herr Krause ist viel herumgekommen in der Welt, er weiß, dass es anderswo viel schlimmere Gewalt gibt, Rassismus auch. Naiv wollte er aber nicht sein. Er hat seiner Frau gesagt, dass es passieren könne, dass sie in Deutschland als Dunkelhäutige angefeindet wird.

Es ist schlimmer gekommen als befürchtet. Die zwei Morddrohungen sind nur die Spitze des Eisbergs.

Familie Krause erlebt das, was man sich als Mensch mit heller Haut in Deutschland nicht vorstellen kann. Was aber fast jeder erzählt, der "ausländisch" aussieht. Das demonstrative Nicht-bedient-Werden an der Kasse. Eltern auf dem Spielplatz, die dem Nachwuchs zuzischen, er solle mit dem dunkelhäutigen Kind doch nicht spielen. Der Nachbar, der dem Israeli freundlich vom Nebenbalkon zuruft: "Ihr Juden habt doch immer irgendwo Geld her." Oder offene Angriffe. Da wird eine asiatisch aussehende Frau auf offener Straße angespuckt.

Das passiert nicht nur im Osten Deutschlands.

Der Nachbar mit dem Hitlergruß

Herr Krause hat viele dieser Nadelstiche dokumentiert, er hat an Ämter geschrieben. Er will sich wehren. "Es geht um die Summe der relativ kleinen Ereignisse, wo man sich fragt: Bin ich zu empfindlich? Aber das Gegenteil von empfindlich ist unempfindlich, und das will ich nicht sein", sagt Krause.

Seine ältere Tochter geht in einen Kindergarten. "Es sind alle sehr nett dort, die Eltern, die Erzieherinnen", sagt Krause. Aber einmal habe ein Kind zu seiner Tochter gesagt: "Du bist schwarz, schmutzig und schlecht." Woher kommt das? "So eine Aussage bringt niemanden um, aber sie ist ein Hinweis darauf, dass es vielleicht doch eine gar nicht so wenig verbreitete Geisteshaltung gibt."

In einem Kaufhaus, so erzählt es Krause, habe die Verkäuferin, als sie seine dunkelhäutige Frau sah, laut zu ihrer Kollegin gesagt: "Armes Deutschland."

Auf einem Parkplatz einer Drogerie fuhr ein Auto bedrohlich nah an die Familie heran, stoppte nicht, als die Frau mit Baby und Kleinkind den Weg überquerte. Krause stellte sich dann vor seine Familie, vor das Auto. Da stieg der Fahrer aus, habe ihn bedrängt, sagt Krause. "Er beschimpfte uns als 'Affenärsche'."

Eine Beschwerde deshalb wurde von den Ämtern zurückgewiesen.

"Der Beschuldigte bestreitet, Sie und Ihren Ehemann als Affenärsche bezeichnet zu haben. Unabhängig davon würde diese Äußerung nicht den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Allein der Umstand, dass jemand eine Person beleidigt, die Teil einer bestimmten Bevölkerungsgruppe ist, reicht dafür nicht aus, wenn die Beleidigung überhaupt keinen Bezug zu dieser Bevölkerungsgruppe darstellt."

An der Verfolgung einer möglicherweise von dem Beschuldigten begangenen Beleidigung besteht kein öffentliches Interesse, heißt es in dem Amtsbrief.

Seine Frau beobachtete einen Nachbarn - einen ehemaligen Lehrer, der wegen rechtsextremer Äußerungen versetzt wurde - wie er einen Bekannten mit Hitlergruß begrüßte. "Aber vielleicht hat meine Frau es ja auch falsch interpretiert, vielleicht ist ihm einfach die Hand ausgerutscht."

Leidet er unter Verfolgungswahn? Krause fragt sich das oft - und er will alles zweimal prüfen. Er betont auch die andere Seite. Er erzählt von einer älteren Dame, die seinen beiden Kindern im Supermarkt zwei Stofftiere schenkte. "Sie wollte wohl einfach zeigen, dass wir extra willkommen hier sind", sagt Krause. Er kämpft in diesem Moment mit den Tränen.

Und doch kann er nicht mehr schlafen. Jede Nacht zwischen 2 und 3 Uhr steht Herr Krause nun am Fenster. Einmal hat er einen Mannschaftswagen der Polizei gesehen, er parkte eine halbe Stunde vor dem Haus.

Krause weiß nicht, was das zu bedeuten hat.

*Name geändert

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