Ratzmann vs. Özdemir Baby entscheidet Zweikampf bei den Grünen

Kind statt Karriere bei den Grünen: Volker Ratzmann zieht seine Bewerbung für den Bundesvorsitz zurück, weil er Vater wird. Damit ist der Weg für den Favoriten Cem Özdemir frei. Jetzt loben alle die Fairness des Zweikampfs - das war nicht immer so.

Berlin - Als Volker Ratzmann seinen Parteifreunden die frohe Kunde übermittelte, "haben sich alle gefreut". Der 48-jährige Grünen-Politiker wird zum ersten Mal Vater. Im März soll seine Lebensgefährtin, die Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae, 39, ihr gemeinsames Kind zur Welt bringen.

Özdemir, Ratzmann (Archivbild): "Ich will, dass Cem das macht"

Özdemir, Ratzmann (Archivbild): "Ich will, dass Cem das macht"

Foto: AP

Die Freude über den grünen Nachwuchs ist allerdings nur der private Teil der Nachricht. Denn Ratzmann zieht aus der bevorstehenden Familienvergrößerung eine politische Konsequenz, die in der Partei zwar alle respektieren, einige aber auch bedauern: Kind statt Karriere - mit dieser Entscheidung ist Volker Ratzmann aus der Sommerpause zurückgekehrt. Am Donnerstag zog der Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus seine Bewerbung um den Bundesvorsitz der Grünen zurück.

Mit dem Verzicht ist der Zweikampf um den Spitzenposten zum Sololauf für Cem Özdemir geworden. Der Europaabgeordnete ist nunmehr einziger Kandidat des Reformerflügels für die Nachfolge von Grünen-Chef Reinhard Bütikofer, der beim Parteitag Mitte November in Erfurt nicht mehr antreten will. Bütikofer will ins Europaparlament wechseln, für die Parteilinke in der traditionellen Doppelspitze möchte Claudia Roth an der Spitze bleiben.

"Selbstverständlicher" Schritt

Ratzmann unterstützt mit seinem Schritt die politischen Ambitionen seiner Partnerin Kerstin Andreae. Die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion will im nächsten Jahr wieder für den Bundestag kandidieren, darum habe er sich entschlossen, als Fraktionschef im Berliner Landesparlament zu bleiben. "Die Verantwortung für das Kind können nur wir beide übernehmen; die Verantwortung für die Grünen kann auch jemand anderes tragen", sagte Ratzmann auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz im Abgeordnetenhaus.

Als "stilbildend" für die Grünen will er den Vorzug der Familie nicht verstanden wissen, vielmehr als "selbstverständlich". Dabei steht Ratzmann mit dem Entschluss, lieber Vater als Parteichef zu sein, in der Partei nicht allein: Auch Robert Habeck, 39, Landeschef in Schleswig-Holstein, war als Bütikofer-Erbe im Gespräch - und verzichtete, weil er sich nicht von der Familie trennen wollte. Ähnliche Gründe führte Antje Hermenau an: Als die Grünen-Fraktionschefin in Sachsen nach ihren Ambitionen gefragt wurde, verwies sie stets auf ihren kleinen Sohn.

In der Partei zollte man Ratzmann am Donnerstag großen Respekt. "Volkers Entscheidung verdient wirklich Anerkennung", sagte Parteichefin Roth. Bundestagsfraktionschefin Renate Künast nannte den Verzicht "eine respektable Entscheidung aus persönlich höchsterfreulichen Gründen".

Auch Fraktionsvize Jürgen Trittin lobte das "große Verantwortungsbewusstsein" Ratzmanns, bedauerte aber zugleich das Ende der Kampfkandidatur: "Für die Grünen ist es schade, dass sie nun nicht zwischen zwei hochqualifizierten Kandidaten wählen können", sagte der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion. Er sei aber überzeugt, dass Cem Özdemir ein Parteichef sein werde, "um den uns unsere Konkurrenz beneiden wird".

Ratzmanns Rivale Özdemir meldete sich am Donnerstagmittag mit einer kurzen Erklärung auf seiner Homepage zu Wort. "Mit aller Hochachtung" dankte der Europa-Politiker seinem Konkurrenten für den "außerordentlich fairen" und für die Partei "insgesamt sehr fruchtbaren" Wettbewerb der vergangenen Monate.

Fruchtbar und fair - genauso charakterisierte auch Ratzmann die Auseinandersetzung um den Vorsitz. Sie habe "zur politischen Kultur der Grünen beigetragen", sagte er. Beide Kandidaten hätten so die "Tür aufgestoßen, dass es leichter wird, um Spitzenämter zu konkurrieren".

Machtspielchen hinter den Kulissen

Im persönlichen Verhältnis war es tatsächlich ein Wettstreit der Gentlemen, wie ihn sich die Kontrahenten zuvor versprochen hatten. Inhaltlich gab es auch kaum Reibungspunkte, mit denen der eine sich vom anderen hätte abgrenzen können: Beide kommen vom Reformerflügel, wenn auch Ratzmann seine Wurzeln im linken Lager hat, beide können sich schwarz-grüne Kooperationen vorstellen, beide sind gegen Kohle, beide finden, dass es nicht sozial genug zugeht im Land.

Hinter den Kulissen allerdings wetzten die Unterstützer der Kontrahenten vor allem zu Beginn des Wettstreits die Messer. Schnell waren über Özdemir Gemeinheiten zu lesen: Der 43-jährige "anatolische Schwabe" mache zwar in Talkshows eine gute Figur, auf Akten allerdings reagiere er eher allergisch, wurde kolportiert. Und früher sei er sowieso ein "Hallodri" gewesen, erinnerten sich angebliche Vertraute gegenüber Journalisten. Ob so einer wohl als Parteichef taugt, war die implizite Frage. "Manchmal fände ich es schön, wenn die Grünen die Grundsätze des Pazifismus auch im innerparteilichen Umgang anwenden würden", zitierte der SPIEGEL Özdemir noch im Juli.

Als wichtigste Unterstützerin Ratzmanns galt Renate Künast. Mit ihr sitzt er als Anwalt in einer Berliner Bürogemeinschaft und sie war es auch, die ihn einst aufforderte, in die Politik zu gehen. Für Künast, die gemeinsam mit Ex-Umweltminister Trittin als Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl vorgesehen ist, wäre ein Parteichef Ratzmann machtstrategisch optimal gewesen.

Andersherum wäre nach der öffentlichen Unterstützung eine deutliche Niederlage Ratzmanns am 14. November in Erfurt zur Schlappe für Künast geworden. Und die Favoritenrolle war zuletzt klar verteilt - zugunsten Özdemirs.

Selbst wenn Ratzmann noch am Donnerstag von einer bis zum Schluss "sehr offenen Situation zwischen uns beiden" sprach. Die Rechnung, dass er als einstiger Parteilinker auf die Stimmen eben jenes Flügels setzen könnte, ging offenbar nicht auf. Vielleicht hat man ihm die Wandlung zum pragmatischen Realpolitiker nicht verziehen. Somit sorgt der Ratzmann-Nachwuchs am Ende wohl für den denkbar harmonischsten Ausgang der grünen Kampfkandidatur.

Ratzmann hat Bundespolitik weiter im Blick

Künast warb am Donnerstag wortkarg dafür, nun zum ersten Mal einen türkischstämmigen Politiker an die Spitze einer deutschen Partei zu wählen. "Jetzt gibt es nur noch einen Kandidaten, und alle Reformer sind aufgerufen, Cem Özdemir zu unterstützen", erklärte Künast.

Das wird auch Ratzmann nach Kräften tun. "Ich will, dass Cem das macht", sagte er. Gleichzeitig kündigte er an, dass er mit seinem Verzicht seine bundespolitischen Ambitionen nicht für alle Zeiten abgehakt hat. "Niemals", betonte er. "Wer weiß schon, was kommt."