Rau Hoffen auf Traumjob

Johannes Rau steht als Favorit für das Amt des Bundespräsidenten fest. Mit Spannung wird aber das Abstimmungsverhalten der Parteien erwartet: Stimmt die FDP geschlossen für CDU-Kandidatin Schipanski oder gibt es doch einige Abtrünnige, die den SPD-Kandidaten im ersten oder zweiten Wahlgang zum Präsidenten machen?


Berlin - Der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) geht an diesem Pfingstsonntag als eindeutiger Favorit in die Wahl des achten Bundespräsidenten der Bundesrepublik. Rau hat sich optimistisch über einen Sieg bei der Bundespräsidentenwahl am Sonntag gezeigt. "Ich bin zuversichtlich", sagte Rau am Samstag zum Auftakt eines SPD-Treffens zur Vorbereitung der Wahl.

Einen Tag vor der Sitzung der Bundesversammlung im Reichstag in Berlin, die auf den fünfzigsten Geburtstag der Bundesrepublik fällt, gab es wegen der Mehrheit von SPD und Grünen keine Anzeichen, wonach ein Sieg des 68jährigen zumindest im dritten Wahlgang gefährdet sein könnte. Dort reicht die einfache Mehrheit der Stimmen.

Mit Spannung wird jedoch erwartet, ob Rau schon im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen erhält, wenn er auf Zustimmungen aus anderen Parteien angewiesen ist.

Gegen Rau tritt für die CDU/CSU die parteilose Thüringer Physik-Professorin Dagmar Schipanski (55) an. Die PDS hat die Essener Theologin Uta Ranke-Heinemann (71), Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, nominiert.

Rau braucht neun Stimmen anderer Parteien, um im ersten oder zweiten Wahlgang erfolgreich zu sein. Alle Fraktionen trafen sich am Samstag in Berlin, um noch einmal über die Abstimmung zu beraten.

Signale für Rau gab es vor allem aus der FDP-Fraktion. FDP-Chef Wolfgang Gerhardt warb bislang vergeblich in den eigenen Reihen dafür, geschlossen für die Unions-Kandidatin zu stimmen. Insbesondere eine Reihe von FDP-Vertretern aus Nordrhein-Westfalen will sich für Rau entscheiden. Die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte am Samstag im Deutschlandfunk, sie rechne mit zehn bis 15 Stimmen aus ihrer Partei für Rau.

Die PDS stellte klar, ihre Fraktion werde in allen Wahlgängen für Ranke-Heinemann votieren. PDS-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch sagte, er sehe darüber hinaus Chancen, Protest-Stimmen aus dem rot-grünen Lager zu gewinnen.

Die SPD zeigte sich indessen von der Wahl Raus überzeugt. Der Fraktionschef im Bundestag, Peter Struck, sagte, Rau habe nicht nur die volle Unterstützung der Koalitionsparteien, sondern könne auch mit Sympathien aus Union und FDP rechnen. Dies entspreche auch seiner breiten Anerkennung in der Bevölkerung. Er werde ein "Bürgerpräsident in der Tradition Gustav Heinemanns" sein.

Trotz der nach wie vor großen Beliebtheit in der Bevölkerung hat Rau nach Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Forsa seinen Popularitätshöhepunkt überschritten. Vor fünf Jahren, als er Amtsinhaber Roman Herzog unterlag, sei er populärer gewesen, sagte Forsa-Chef Manfred Güllner.



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