Razzia in Moschee Verein wehrt sich gegen Vorwürfe

Einen Tag nach der Großrazzia gegen eine von Marokkanern besuchte Moschee in Frankfurt wehrt sich der Trägerverein gegen den Vorwurf des Extremismus. Gewaltverherrlichende Videos habe es in der Moschee nie gegeben. Die Staatsanwaltschaft will nun die sicher gestellten Materialen prüfen.


Durchsuchung in Frankfurt: Hinweis einer Lehrerin
AP

Durchsuchung in Frankfurt: Hinweis einer Lehrerin

Frankfurt - "Bei uns wird keine Gewalt gepredigt", sagte der stellvertretende Vorsitzende des "Marokkanischen Vereins für die Förderung des geistigen und kulturellen Gutes", Ahmed Ayaou. Auf den beschlagnahmten Computern, Datenträgern und in den Büchern werde die Polizei keine gewaltverherrlichenden Inhalte finden, versprach Ayaou. Für diesen Fall stellte der Vereinssprecher auch schon Forderungen auf. "Wir erwarten eine öffentliche Entschuldigung innerhalb weniger Tage", sagte er.

Am Sonntag hatte die Polizei die vereinseigene Moschee und mit alle Nebenräume mit rund 200 Beamten durchsucht und dabei umfangreiches Material beschlagnahmt. Dabei ging es um den Verdacht, dass Kindern in dem Verein gewaltverherrlichende Videos gezeigt worden seien. Eine Lehrerin auf einer Frankfurter Schule will dies von einem neunjährigen Mädchen erfahren haben, das den Verein mehrmals besuchte.

Nach den Aussagen der Lehrerin wurde in der Schule auch ein Video gezeigt, dass die Enthauptung eines Menschen zeige. Außerdem seien Kinder im Koranunterricht geschlagen worden. Nachdem die Lehrerin mehrere Aktennotizen über die angeblichen Vorkommnisse in dem Verein angelegt hatte, schaltete sie schließlich die Staatsanwaltschaft ein.

Zweites Ermittlungsverfahren

Am Montag nach ihrer Groß-Razzia äußerten sich die Ermittler zurückhaltend. Zuerst müsse das Material ausgewertet werden. Insgesamt seien 19 Computer, schriftliche Unterlagen sowie zahlreiche Videos und DVDs sichergestellt worden. Festgenommen wurde niemand. Die Analyse werde aber vermutlich mehrere Wochen dauern, da die zahlreichen Videos, DVDs und PC-Festplatten erst aus dem Arabischen übersetzt werden müssten.

Einmal allerdings war die Moschee schon aufgefallen. In einem anderen Ermittlungsverfahren war schon vor einiger Zeit ein Video sichergestellt worden, in dem zum "Heiligen Krieg" aufgerufen wurde. Mittlerweile gebe es Hinweise, dass dieses Band in der Moschee des Kulturvereins gekauft worden sein soll. In dem Film sollen auch so genannte Märtyrer gezeigt worden sein. Zu dem Videoband sagte die Staatsanwaltschaft am Montag nur, es handele es sich um ein Verfahren "von außerhalb".

Gebetsraum des Vereins: Angeblich keine Koran-Schule
DPA

Gebetsraum des Vereins: Angeblich keine Koran-Schule

Die Betreiber der Moschee sind empört. "Für uns war die Durchsuchung wie ein Schlag", sagte Ayaou. Die Polizisten seien rüde vorgegangen, mit vorgehaltenen Maschinenpistolen hätten sie die anwesenden Gemeindemitglieder auf den Boden gezwungen. Der Verein klagt auch, dass der Teppich des Gebetsraums ausgewechselt werden müsse, da die Polizisten sich nicht die Schuhe ausgezogen hätten.

Politiker lobt Verein als Vorbild für Integration

In allen Punkten wies der Verein die Vorwürfe zurück. Der ausschließlich Marokkanern zugängliche Verein betreibe keine Koranschule im engeren Sinne, sagte Funktionär Ayaou. Den Kindern werde ihre Heimatsprache Arabisch in Wort und Schrift beigebracht, damit diese dann selbstständig den Koran lesen könnten. Die meisten der beschlagnahmten Computer dienten zu allgemeinen EDV-Schulung und einem Internet-Angebot für Mitglieder, die sich selbst keinen Computer leisten könnten. Auf Bildern der ARD war in keinem der Räume ein Video-Recorder zu sehen, auf dem die vermeintlichen Gewalt-Videos hätten gezeigt werden können.

Auch in der Frankfurter Politik genießt der Verein einen guten Ruf. Der Frankfurter Integrationsdezernent Albrecht Magen lobte die Arbeit des Kulturvereins ausdrücklich. "Die Taqwa-Moschee arbeitet vorbildlich mit uns zusammen", sagte der CDU-Stadtrat. "Wir veranstalten dort zwei Kurse 'Mama lernt Deutsch' und einen für Männer. Das ist sehr selten", sagte Magen. Daneben gebe es ein Beratungsangebot für Eltern, die ihre Kinder in der Schule fördern wollten.

Nach den Terroranschlägen von Madrid im März habe der Verein eine Friedensdemonstration organisiert. Im Gebäude gäben Lehrer der Volkshochschule Deutschkurse. Magen warnte vor einer Vorverurteilung und vor vorschnellen Schlüssen einer "aufgeregten Gesellschaft". "So lange es kein Urteil gibt, gilt die Unschuldsvermutung", sagte er.



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