Reaktionen auf Eva Herman "Merkwürdige Selbstgeißelung"

Der Feminismus ist Schuld an der deutschen  Familienmisere - so die "Tagesschau"-Sprecherin und Moderatorin Eva Herman. Viele prominente Frauen widersprechen: Von Amelie Fried über Barbara Schöneberger bis Ulla Hahn erntet die Anti-Emanze Kritik.


Amelie Fried
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Amelie Fried

Amelie Fried, Schriftstellerin und Moderatorin, München: "Was für eine merkwürdige Selbstgeißelung der berufstätigen Karrierefrau und Mutter Eva Herman. Natürlich kann rücksichtslose Selbstverwirklichung nicht der Weg sein, aber alle Schuld nun den egoistischen Frauen in die Schuhe zu schieben, die es tatsächlich wagen, neben der Aufzucht von Kindern noch die intellektuelle Herausforderung einer Berufstätigkeit für sich in Anspruch zu nehmen, das ist doch ein starkes Stück. Wie wär's denn, wenn die "überforderten Frauen" (und davon gibt's tatsächlich Heerscharen) mal von ihren Männern unterstützt würden, anstatt dass diese rücksichtslos und egoistisch ihre eigenen Karrieren verfolgen? 

Zu den vielen Scheidungen: In meinem Bekanntenkreis gehen bevorzugt die Ehen in die Binsen, wo die Männer ein aufregendes Jäger- und Sammlerleben führen, und ihre Frauen zu Hause rumsitzen, sich langweilen und darüber selbst langweilig werden. Die schwülstigen Phantasien über ein glückliches und harmonisches Familienleben, das nur dann glücklich und harmonisch sein kann, wenn Männer und Frauen wieder in ihre angestammten Rollen schlüpfen, sind wirklich das Reaktionärste und Dämlichste, was ich in der ganzen Diskussion über den Kindermangel in Deutschland bisher gelesen habe. Wenn die Männer sich endlich mal bemühen würden, auch nur annähernd so gut zu sein wie wir Frauen, hätten wir alle - Männer, Frauen und Kinder - ein leichteres und interessanteres Leben!"

Barbara Schöneberger
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Barbara Schöneberger

Barbara Schöneberger, Moderatorin, Hamburg: "Ich will und will die Hoffnung nicht aufgeben, irgendwo auf dieser Welt einen Mann zu finden, der mir Stärke vermittelt, aber dennoch die Waschmaschine findet, einen Topf von einer Pfanne unterscheiden kann und damit umgehen kann, dass ich mehr verdiene als er."

Seyran Ates
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Seyran Ates

Seyran Ates, Anwältin, Berlin: "Die Emanzipation ist schon aus humanistischen und Menschenrechtsgründen eine unserer wichtigsten Aufgaben. Dass Frauen vorgeworfen wird, auf Kosten der Familie Karriere zu machen, ist nur ein Zeichen dafür, dass Gleichberechtigung in der Gesellschaft nicht akzeptiert ist, dass Frauen, die Kinder haben und Karriere machen wollen nicht unterstützt werden. Nicht die Emanzipation ist schuld, sondern der Fakt dass es keine gibt. Ich finde es frauenverachtend, mit Thesen zu kommen, dass die Emanzipation Frauen von der Familie weggebracht hat. So etwas unterstützt das patriarchale System. Ich bin sicher, dass viele emanzipierte Frauen gerne Kinder haben würden, wenn sie die entsprechende Unterstützung hätten. Aber auch die Entscheidung gegen Kinder gehört zu unseren größten Rechten - die Freiheit!"

Veronica Ferres
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Veronica Ferres

Veronica Ferres, Schauspielerin, München: "Deutschland ist generell ein eher kinderunfreundliches Land und für uns berufstätige Frauen ist es eine wirkliche Herausforderung, Kinder und Beruf vereinbaren zu können. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, die tiefe Erfüllung des Kinderglücks und der Familie zu wollen."

Ulla Hahn
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Ulla Hahn

Ulla Hahn, Schriftstellerin, Hamburg: "Anlass zu dem reaktionären Lamento von Eva Herman ist der derzeit allüberall beklagte Geburtenrückgang. Doch von der wahren Ursache kein Wort. Die liegt nämlich nicht in den politischen Bewegungen für die Gleichberechtigung der Frau. Der erste und wahre Grund für den Geburtenrückgang liegt in der Erfindung der Antibabypille. Wie wir wissen: von einem Mann. Dazu kam die Legalisierung der Abtreibung. Dies sind, wenn man so will, die wirklichen Eingriffe in die 'Schöpfung'. Davon aber, wie gesagt, bei Eva Herman kein Wort. Antibabypille und straflose Abtreibung haben den Frauen mehr Freiheit gebracht - und damit mehr Möglichkeiten zu entscheiden. Mehr Möglichkeiten zu haben, macht das Leben nicht leichter. Dazu kommt: Die Zeiten, wo die Arbeitsbedingungen das Rollenverhalten diktierten - starker Mann für harte körperliche Arbeit, schwache Frau für den (auch psychosozialen) Haushalt - sind vorbei. Mit dem PC kann Frau so gut umgehen wie Mann. Und Mann kann so gut wie Frau ein Baby füttern, wickeln oder 'zeitaufwendig gesund kochen', wie Eva Herman fordert (warum eigentlich 'zeitaufwendig'?). In alte Rollenmuster zurückzufallen, ist keine Perspektive. Andere Länder zeigen, dass die Lust auf Kinder und Familie durchaus mit der Berufstätigkeit von Frau und Mann vereinbar ist. Wenn die Bedingungen stimmen. Die aber beschert uns nicht die 'Schöpfung' sondern eine kluge Familienpolitik."

Katrin Göring-Eckardt
DDP

Katrin Göring-Eckardt

Katrin Göring-Eckardt, Politikerin, Erfurt: "Die Debatte nimmt absurde Formen an, mit einer ernsthaften Ursachenanalyse hat das nichts mehr zu tun. Die Realität ist eine andere: Auch heute verdienen Frauen immer noch weniger als Männer, sie übernehmen den größten Teil der Hausarbeit und der Kinderbetreuung. Erst wenn sich hier etwas ändert kommen wir wirklich weiter, nicht durch die Abschaffung der Emanzipation."

Gisela Bock
FU Berlin

Gisela Bock

Gisela Bock, Geschichtsprofessorin, Berlin: "Auch wenn es mit weiblicher Freiheit und Emanzipation heutzutage nicht besonders gut steht - in der Tat hat die Berufstätigkeit um jeden Preis sie nicht bewirkt -, schreibt Frau Herman 'den Feministinnen' doch allzu großen Einfluss zu. Denn die Prozesse, die sie beklagt, wurden nicht von 'den Feministinnen' bewirkt. Diese scheint Frau Herman auch nicht gut zu kennen: Die meisten haben niemals 'Freiheit' mit Berufstätigkeit gleichgesetzt, und sie haben auch für nichterwerbstätige Mütter soziale Reputation und Selbständigkeit gefordert. Stattdessen empfiehlt Eva Herman, neben 'Natur' und 'Schöpfung' (im Buch Genesis ist allerdings nichts davon zu lesen) das Vorbild der 'zurückliegenden Jahrtausende', als die Männer kraftvoll, stark und beschützend, die Frauen empfindsam, mitfühlend, rein und mütterlich gewesen seien. Naja. Sie sollte wohl ein wenig über die wirkliche Geschichte der wirklichen Geschlechterbeziehungen lesen, und gut wäre es auch gewesen, wenn sie wenigstens die traditionelle Gehorsamspflicht der Ehefrauen gegenüber ihren Männern angezweifelt hätte."

Dagmar Berghoff
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Dagmar Berghoff

Dagmar Berghoff, ehemalige Tagesschausprecherin, Hamburg: "Kinderbetreuung kostet viel Zeit, die jede Mutter sicher gerne investiert, die aber ihren eigenen Bedürfnissen wenig Raum gibt, geschweige denn eine Karriere zulässt. Für dieses Dilemma kann man nicht die Emanzipation verantwortlich machen und schon gar nicht die Zeit zurück drehen! Es ist gut, dass Frauen selbstbewusster geworden sind, sich weiterbilden, einen Beruf ausüben und den Männern auf gleicher Ebene begegnen. Leider greift die Vorstellung einer modernen Frau, sich zu verwirklichen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen nicht mehr, wenn sie ein Kind hat, vor allem als Alleinerziehende. Und das über viele Jahre. Deshalb denke ich, dass nur mit zusätzlichen Kita-Angeboten und Ganztagsschulen beruflich erfolgreiche Frauen in Zukunft gerne bereit sein werden Kinder zu bekommen. Der Vorschlag, Männer sollten sich für viele Monate aus dem Beruf ausklinken und sich um ihren Nachwuchs kümmern, ist vollkommen realitätsfern. Der Arbeitsmarkt spricht eine ganz andere Sprache!"

Gertrud Höhler
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Gertrud Höhler

Gertrud Höhler, Politikberaterin, Berlin: "Wir müssen zwischen Männern und Frauen eine bessere Kooperation erreichen. Unser gemeinsames Ziel kann nur sein, dass bei allen Lösungen die unterschiedliche Weltsicht von Männern und Frauen entscheidungsleitend wird - das ist die Chance, die wir momentan noch verpassen. Die Gesellschaft lebt noch mit einem ungeklärten Frauenbild und einem ökonomistischen Kinderbild. Auch von der Politik diktierte 'Vätermonate' geben Männern nicht die Chance, auf die viele von ihnen seit langem warten: ihre Kinder besser zu kennen und zu verstehen."

Aufgezeichnet von Fabian Grabowsky, Eva Lodde und Anna Reimann



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