Reaktionen der SPD-Basis "Ich kenne den Ministerpräsidenten von Sachsen"

Am Tag nach der Nominierung des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck zum neuen Parteichef reibt sich die SPD-Basis erstaunt die Augen. Besonders in den westdeutschen Landesverbänden ist Platzeck ein unbeschriebenes Blatt.


Berlin - "Ich weiß nicht, wofür er steht", lautet die häufigste Antwort, wenn man sich heute in den Ortsvereinen nach Platzeck erkundigt. Renate Kleinhans, Vorsitzende des Ortsvereins Versbach in Würzburg sagt: "Ich kenne den Ministerpräsidenten von", dann zögert sie, "Sachsen? zu wenig, aber ich vertraue einfach dem, was da entschieden wurde". "Dass er aus dem Osten kommt, stört mich überhaupt nicht. Diese Ost-West-Diskussion nervt sowieso." Auch Markus Schupp, Ortsvereinsvorsitzender in Haslach bei Freiburg, will dem unbekannten Platzeck einen Vertrauensvorschuss geben. "Platzeck ist sicher der Richtige", sagt er. Aber er werde es schwer haben. "Es ist keine glückliche Situation, wenn man so zu einem Posten kommt."

In Nordrhein-Westfalen hätte man den rheinlandpfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck bevorzugt, der gestern auch noch im Gespräch war. "Den verfolgt man ja schon länger im politischen Leben", sagt Heinz-Norbert Benterbusch, Vorsitzender des Ortsvereins Datteln-Ahsen im Ruhrgebiet. "Platzeck kann ich nicht einschätzen."

In einem jedenfalls sind sich die meisten einig. "Die Forderung an Müntefering, seine Entscheidung noch mal zu überdenken, ist kompletter Schwachsinn", sagt Markus Brandewinder, Vorsitzender des Ortsvereins Essen-Rüttenscheid. "Münte jetzt zu beknien wäre ein Armutszeugnis." Die Initiative www.wir-wollen-franz.de hatte Müntefering mit einer Unterschriftensammlung zum Weitermachen bewegen wollen.

Den Schock über den Abgang Münteferings hat die Partei noch nicht verdaut. Der Rücktritt sei ein "derber Schlag", sagt Benterbusch. Allerdings trifft der Zorn weniger Nahles als vielmehr den Parteichef, der es zum Fiasko kommen ließ. "Ich bin bitter enttäuscht von dem Sauerländer Sturkopp", sagt Benterbusch. "Man tritt doch wegen so einer Kleinigkeit nicht zurück. Wir leben doch in einer Demokratie." Statt zurückzutreten hätte Müntefering "lernen müssen, mit Frau Nahles umzugehen".

"Müntes Verhalten ist eine Frechheit", sagt der Essener Brandewinder. "Es kann nicht sein, dass er beleidigt wie ein kleines Kind aufstampft und die Brücke verlässt." Müntefering hätte erkennen müssen, dass die Partei "diese Basta-Mentalität, die er da schon seit längerem an den Tag legt", eben nicht mehr mitmache. Nahles' Vorgehen findet Brandewinder "völlig legitim". "Sie hat ja lange genug überlegt, ob sie kandidieren soll. Da hätte man noch mit ihr reden können."

Auf Unverständnis stößt das Verhalten des Parteivorstands, der zuerst Nahles wählte und hinterher seine Wahl bereute. "Das Verhalten einer Frau Vogt spricht nicht dafür, dass da im Vorstand die richtigen Leute sitzen", sagt Brandewinder. "Es geht doch nicht, dass sie mit Tränen in den Augen sagt, sie hätte anders gewählt, wenn sie vorher gewusst hätte, dass Münte dann abtritt." Auch Benterbusch ärgert sich über das "Hickhack" in dem Gremium. "Die sollte man alle zusammen einsperren, bis weißer Rauch rauskommt."



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