Nikolaus Blome

Realitätsverweigerung Linke "Covidioten"

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Was die Linke den "Covidioten" vorwirft, macht sie nicht selten selbst: bizarre "Wirklichkeiten" erfinden und störrisch verteidigen.
Großdemonstration gegen Corona-Auflagen in Berlin, 1. August 2020

Großdemonstration gegen Corona-Auflagen in Berlin, 1. August 2020

Foto: Stefan Zeitz/ imago images

In der vergangenen Woche wurde viel diskutiert, ob man die widerspenstigen Corona-Demonstranten "Covidioten" nennen darf. Ich finde den Begriff eher lustig, aber das ist natürlich Geschmackssache. Keinesfalls jedoch sollte man ihn verwenden, wenn er auf einen selbst zurückfällt. Wie auf ziemlich viele bei SPD, Linkspartei oder Grünen - in Summe also jene Konstellation, welche die SPD-Vorsitzenden übers Wochenende als künftige Bundesregierung ins Auge gefasst haben. 

Regenbogen- und Reichkriegsflaggen waren bei der Berliner Demo nahe beieinander zu sehen, dazu Pegida, Impfskeptiker, QAnonler, weißhaarige Stuttgart-21-Gegner oder Anhänger von "Reggae-gegen-Rechts" (was immer das ist). "Die­se Pro­tes­te sind ein Ven­til in Ge­stalt der Ab­leh­nung des ge­sam­ten Sys­tems", sagt der kluge Armin Nassehi dazu im SPIEGEL. Für diese Protestler ist Corona eine leichte Grippe und die Maske Freiheitsberaubung; der Staat führt demnach nur Böses im Schilde, indes die allermeisten Bürger nicht begreifen, wie massiv sie zum Narren gehalten werden oder was für Sauereien da sonst noch laufen. Der gemeinsame Nenner sind also Wahn und Wille, in der eigenen Wirklichkeit zu leben und sie gegen den gesunden Menschenverstand zu verteidigen.

Als einer der Demo-Organisatoren, ein schwäbischer Esoteriker, auf der Berliner Bühne von "Liebe" oder "positiver Energie" sprach, antwortete die Menge mit "Liebe!", "Liebe!". Da dachte ich kurz an Robert Habeck: Als er die Kuschelfotos mit den Konik-Pferden machen ließ, schrieb der Grünenvorsitzende auf Instagram: "Das ist so dicht an Magie, wie man kommen kann." Wer Habecks Kitsch für eine politische Botschaft hält, der sollte nicht über "Covidioten" lachen, die "Liebe! Liebe!" rufen, um eine Welt zu umarmen, die der Nebenmann für eine Scheibe hält. Gleiches Recht für alle, auch beim Gefühlstaumeln.

Ist das jetzt allzu polemischer Whataboutism? Nun, erstens gibt es drastischere Parallelen, und zweitens ist der Wunsch, sich die eigene Realität mit den eigenen Regeln zu erschaffen, allemal das neue Brandzeichen unserer Zeit. Früher taten es LSD, ein Ashram oder die Yogi-Flyer. Heute geht man in Parteien, in die linke Großstadtszene, auf Marktplätze oder auf Telegram.  

  • Da wären etwa die Rote Flora in Hamburg oder artverwandte Häuser im Autonomenkiez von Berlin. Bald hundert Prominente sowie diverse Politiker von Grünen und Linkspartei machen sich für das "anarcha-queer-feministische" Hausprojekt "Liebig 34" und die langzeit-besetzte Szenekneipe "Syndikat" stark, wie der "Tagesspiegel" berichtete. Ich unterstelle wohl zu Recht, dass ein "anarcha-queer-feministisches" Hausprojekt eine sehr eigene Welt ist, deren Regeln im konkreten Fall mit Eigentums- und Mietrecht, mit dem Gewaltmonopol des Staates und den gängigen Formen von nachbarschaftlichem Miteinander kollidieren. Und mir fällt auf: Das alles könnte man von vielen "Covidioten" ganz ähnlich sagen - außer, dass sie sich nicht in Häusern verbarrikadieren, die anderen gehören. Ein rechtsfreier Raum ist aber keinen Deut besser als ein vernunftfreier Raum. 

  • In Hamburg scheint es der linksautonomen Szene sogar zu glücken, ihre Welt auszudehnen, etwas, wonach auch viele "Covidioten" streben. Beim "Harbourfront"-Literaturfestival soll die umstrittene Künstlerin Lisa Eckhart nicht auftreten, weil man die Veranstaltung nicht vor den Chaoten zu schützen weiß. Das zieht, gerade auf der linken Hälfte des politischen Spektrums, nicht halb so viel Aufregung nach sich wie die Attacken gegen Journalisten bei der "Covidioten"-Demo in Berlin. Dabei bedeutet beides de facto ein Berufsverbot in der realen Welt, durchgesetzt von den Instanzen einer Parallelwelt.

  • Schließlich sind da die jüngst geäußerten Wünsche der "Fridays for Future"-Bewegung, den Kapitalismus aus Klimaschutzgründen weitestgehend abzuschaffen. Oder der nimmertote "demokratische Sozialismus" im SPD-Parteiprogramm. Oder die Ideen von Noch-Juso-Chef Kevin Kühnert, z.B. BMW zu kollektivieren sowie den Besitz von Wohnungen auf eine zu beschränken. Auch das alles ist eine Welt für sich.

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Im Jahr 2003 schlug der damalige SPD-Generalsekretär übrigens vor, den Begriff "demokratischer Sozialismus" aus dem Grundsatzprogramm zu streichen. Für Olaf Scholz, Feind aller Träumer und Tänzer unter den Linken, war es nämlich nicht von dieser Welt, etwas anzustreben, das es gar nicht geben kann. Auch Gregor Gysi räumte später in einem Interview ein: "Ich kann Ihnen leider kein praktisches Beispiel eines demokratischen Sozialismus nennen, das weiß ich." Mithin existierte der demokratische Sozialismus bislang genauso häufig wie die Erde als Scheibe, und das könnte Gründe haben. Dennoch verlangt die Partei, erneuert durch einen Vorstandsbeschluss vom Februar 2020, u.a. von den Jusos, "für den demokratischen Sozialismus zu wirken". Wo aber liegt der Unterschied zwischen einem, der glaubt, man könne das Coronavirus mit ganz viel Liebe wegtanzen - und einem, der glaubt, im Kommunismus oder Sozialismus gehe es allen Menschen besser?

Jedem Tierchen sein Pläsierchen? Wir lassen die Corona-Demonstranten von ihrer "Freiheit" träumen und die Linke vom Sozialismus oder rechtsfreien Räumen? Auch wenn man sich an Letzteres gewöhnt zu haben scheint: Unserer gemeinsamen Wirklichkeit von Freiheit, Eigentum, Recht, den Grundrechenarten und der Erde als Kugel tut keine Parallelwelt gut. Doppelmoral übrigens auch nicht. Wer als Linker also über "Covidioten" schimpft, sollte sich vorher mal an die eigene Nase fassen.

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