Erdogan in Köln Versöhner für ein paar Minuten

Tausende Polizisten, Anhänger und Gegner von Erdogan: Köln ist beim Besuch des türkischen Präsidenten im Ausnahmezustand. Der Gast hält eine zunächst sanfte Ansprache - doch dann redet er sich in Fahrt.

REUTERS

Aus Köln berichtet Christian Parth


Die Anhänger des türkischen Präsidenten haben sich schon in den frühen Morgenstunden vor der Kölner Zentralmoschee postiert. Stundenlang schwenken sie Halbmond-Flaggen, halten Transparente mit dem Erdogan-Konterfei in die Höhe, manche posieren in T-Shirts mit dem Vierfinger-Gruß der Muslimbrüder, den der türkische Staatschef auch bei seiner Ankunft am Berliner Hotel Adlon zeigte.

"Erdogan, Erdogan", skandieren sie. Nur den Mann, auf den sie so lange sehnsüchtig gewartet haben, sollten sie gar nicht erst zu Gesicht bekommen. "Niemand wird auch nur in die Nähe der Moschee kommen", hatte die Stadt Köln vor der Feier erklärt, und ließ das Gelände wegen eines mangelnden Sicherheitskonzepts des Veranstalters weiträumig abriegeln.

Fotostrecke

15  Bilder
Letzter Tag des Deutschlandbesuchs: Erdogan in Köln

Am späten Samstagnachmittag fährt Recep Tayyip Erdogan angeführt von einem Motorrad-Korso der Polizei an der Moschee vor. Schnell verschwindet er durch einen Nebeneingang in das Gotteshaus, zu dessen Eröffnung er angereist war und der Stadt damit einen Ausnahmezustand bescherte.

"Sie haben Deutschland solch ein schönes Geschenk gemacht"

Kurz nach 17 Uhr hebt er vor 1000 geladenen Gästen zu seiner etwa 40-minütigen Rede an. Die Worte klingen zunächst versöhnlich. Er spricht von einem historischen Moment, von einem großartigen Gebäude, das die Menschen zusammenbringen soll. "Hier gibt es keine Trennung, keine Diskriminierung", sagt Erdogan und bedankt sich bei seinen türkischen Brüdern und Schwestern, die den Bau der Moschee möglich gemacht hätten. "Sie haben Deutschland solch ein schönes Geschenk gemacht."

REUTERS

Doch nach ein paar Minuten redet sich Erdogan in Fahrt. Er wettert gegen die kurdische Terrororganisation PKK und die Gülen-Bewegung, die er für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich macht. Für die in Deutschland lebenden Türken wünsche er sich Integration und keine Assimilation, sagt er und schwenkt dann zu den türkischstämmigen Fußballprofis Mesut Özil und Ilkay Gündogan, mit denen er sich vor der Fußball-WM im Sommer fotografieren ließ. "Özil und Gündogan wurden aus der Gesellschaft ausgestoßen, weil ich mit ihnen ein Foto gemacht habe." Solcher Rassismus müsse "ein Ende haben". Die Erdogan-Anhänger, die seine Rede hinter den Absperrgittern über Handys mitverfolgen, jubeln.

Wie in Berlin gilt auch in Köln die höchste Sicherheitsstufe. Mehr als 3000 Polizisten sind auf der Straße, Scharfschützen auf den Dächern. Dutzende Mannschaftwagen stehen vor der Moschee, an vielen klebt noch der vertrocknete Morast aus dem Hambacher Forst, wo sie kurz zuvor noch im Einsatz waren. Ein paar Kilometer entfernt, auf der anderen Rheinseite, hat sich das Bündnis "Erdogan not welcome" versammelt. 7000 Menschen haben die Organisatoren angekündigt, am Ende sind es nach Angaben der Veranstalter etwa 2000.

Die Staatskanzlei war verärgert

Viele von ihnen gehören Minderheiten an: Kurden, Jesiden, Alewiten. Spontan ergreift Moro Nazlier das Mikrofon. "Wie kann man diesem Menschen in Berlin den roten Teppich ausrollen und seine schmutzigen Hände schütteln", empört sich der 73 Jahre alte Kurde. "Erinnert man sich nicht mehr an Hitler, der ganz Europa in Schutt und Asche gelegt hat? Ein Faschist wie Erdogan hat in Deutschland nichts zu suchen." Applaus brandet auf. Der Vergleich mit dem Nazi-Führer wird von Erdogans politischen Gegnern an diesem Tag sehr häufig bemüht.

"Ich hätte mir gewünscht, dass der Ministerpräsident und die Oberbürgermeisterin hier gewesen wären und auch Reden gehalten hätten", sagt Erdogan. Dass die politische Führung von Stadt und Land nicht anwesend waren, hatte der Islamverband Ditib weitestgehend selbst verschuldet. Die Eröffnung der Moschee durch den türkischen Staatspräsidenten sorgte im Vorfeld für heftigen politischen Tumult. In einer Pressemitteilung hatte die Ditib überraschend mitgeteilt, dass auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet kommen werde, um an Erdogans Seite der Zeremonie beizuwohnen.

Die Staatskanzlei war mächtig verärgert und verschickte eilig ein Dementi. Schließlich trafen sich die beiden doch noch, im schmucklosen Gebäude der Flugbereitschaft des Verteidgungsministeriums am Flughafen Köln/Bonn. In dem etwa einstündigen Gespräch habe er Erdogan "deutlich gemacht, dass wenn die Beziehungen sich normalisieren und die wirtschaftlichen Beziehungen vertieft werden sollen, dass dafür Rechtsstaatlichkeit eine ganz wichtige Voraussetzung ist", sagte Laschet.

Auch in der Kölner Stadtspitze erhitzte die Informationspolitik der Ditib die Gemüter. Bis zuletzt ließ die Ditib Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Unklaren darüber, welche Rolle sie bei der Feier spielen könne und ob sie eine Rede halten dürfe. Schließlich sagte das parteilose Stadtoberhaupt entnervt ab und warf dem Verband "mangelnden Respekt" vor. Die Ditib, munkelte man hinter den Kulissen, wollte die Eröffnungsfeier nicht für ein Fest der Versöhnung, sondern allein zu einem aus Ankara orchestrierten politischen Affront nutzen.

"Ich werde nicht Staffage für Erdogan spielen"

Dabei war einst alles ganz anders gedacht. Die Zentralmoschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld sollte zum Zeitpunkt der Planung ein Vorzeigeprojekt für den interreligiösen Dialog sein, eine offene Begegnungsstätte für Christen und Muslime. So hatte sie der renommierte Architekt Paul Böhm gestaltet. Zwei große Minarette, in deren Mitte sich die Kuppel aus Sichtbeton wie eine Blüte öffnet, dazu ganz viel Glas als Symbol für Transparenz.

Doch mit dem Aufstieg Erdogans und seiner AKP änderte sich auch die Politik der Ditib. Die Vorstände des Vereins, der maßgeblich von der türkischen Religionsbehörde Diyanet finanziert wird, wurden mehrfach ausgetauscht, der Dialog mit Bürgern und Politikern wurde gleichsam eingestellt, Presseanfragen nur noch widerwillig und barsch beantwortet. Die Zentralmoschee in Köln, eine der größten Europas, geriet unter der neuen Ditib-Herrschaft immer mehr zum Außenposten Ankaras. Nicht zuletzt die Spitzelaffäre um Ditib-Imame, die Erdogans Denunzierungsapparat mit Namen von politischen Gegnern aus Deutschland fütterten, sorgte für einen Stillstand in der politischen Zusammenarbeit. Bund und Land strichen Fördergelder, der Dialog wurde weitestgehend ausgesetzt. Inzwischen prüft das Bundesamt für Verfassungsschutz, ob die Ditib-Zentrale beobachtet werden soll.

VIDEO: Erdogans Staatsbesuch in der Analyse

SPIEGEL ONLINE

Josef Wirges hat sich ebenfalls vor der Moschee postiert. Der Bürgermeister des Stadtbezirks Ehrenfeld, beinahe eine kölsche Ikone, war einst flammender Befürworter des Moscheebaus und hat geholfen, ihn gegen teils heftigen Widerstand von Rechtsaußen, aber auch gegen Bedenkenträger aus der bürgerlichen Mitte durchzusetzen.

"Wir waren damals alle begeistert, der Dialog mit der Ditib funktionierte", sagt er. Aber die Zeiten hätten sich geändert, eine Kommunikation sei kaum noch möglich. "Ich werde nicht Staffage für Erdogan spielen", sagt er. Wirges habe zwar eine Einladung bekommen, habe sich aber zum Boykott entschlossen. Wie es nun nach dem Besuch Erdogans weitergehen soll, wisse er noch nicht. "Wir werden wieder einmal den Scherbenhaufen, den Erdogan hinterlassen hat, zusammenkehren."

Und dann werde er das tun, was er all die Jahre versucht hat: Den Dialog suchen.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.