Erdogan kritisiert Redeverbot "Deutschland begeht Selbstmord"

Auf Wunsch des türkischen Präsidenten trifft sich Angela Merkel vor dem G20-Gipfel mit Recep Tayyip Erdogan. Streitpunkte für das Treffen gibt es genug. In einem Interview verschärft der Staatschef nochmals den Ton.

Merkel und Erdogan in Ankara (Archiv)
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Merkel und Erdogan in Ankara (Archiv)


Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg die Bundesregierung scharf kritisiert. In einem Gespräch mit der "Zeit" bemängelte er, nicht vor Landsleuten in Deutschland sprechen zu können. "Deutschland begeht Selbstmord", zitiert das Blatt Erdogan. "Deutschland muss diesen Fehler korrigieren", forderte er.

Um diese und ähnliche Veranstaltungen zu verhindern, hatte die Bundesregierung zuletzt ein Verbot für Auftritte ausländischer Politiker erlassen. Künftig ist eine extra Genehmigung erforderlich. Erdogans Sprecher hatte gesagt, das Verbot sei "nicht vereinbar mit freundschaftlichen Beziehungen".

Auf Wunsch der türkischen Seite trifft sich Kanzlerin Angela Merkel nun bereits vor dem Gipfel zu einem persönlichen Gespräch mit Erdogan. Die Zusammenkunft mit dem türkischen Staatsoberhaupt werde vermutlich am Donnerstag stattfinden, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Auch mit US-Präsident Donald Trump trifft sich Merkel vorab.

Merkel fordert weiter Freiheit für Deniz Yücel

Die Beziehungen der beiden Nato-Partner sind seit Monaten stark belastet. Die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel sorgt für zusätzliche Spannungen mit der Türkei. "Dass Frau Merkel überhaupt die Rettung eines Terrorverdächtigen auf die Tagesordnung bringt, war für mich auch sehr, sehr sonderbar", sagte Erdogan der "Zeit". Ein Journalist, der einen Terroristen interviewe, mache sich laut Erdogan selbst schuldig: "Sie leisten damit Beihilfe zur Propaganda der Terroristen. Das wird auch von den Anklageorganen überall auf der Welt so bewertet".

Der türkische Präsident hob in dem Interview aber auch die Bedeutung der türkisch-deutschen Beziehungen hervor: "Wir brauchen einander", sagte Erdogan - auch angesichts der drei Millionen Türken in Deutschland. Persönlich habe er kein Problem mit der Kanzlerin. Allerdings seien die Beziehungen in der Regierungszeit von Altkanzler Gerhard Schröder "wirklich sehr anders" gewesen. "Ich hoffe, dass wir wieder dahin kommen", sagte er.

"Mir liegt unser gutes Zusammenleben mit türkischstämmigen Menschen hier in Deutschland sehr am Herzen", sagte Merkel in einem Interview, das in derselben Ausgabe der "Zeit" erscheint. "Ebenso wünsche ich mir vernünftige Beziehungen zur Türkei." Sie sei dazu bereit, "immer wieder aufeinander zuzugehen", sagte Merkel der "Zeit". "Als deutsche Bundeskanzlerin werde ich deswegen aber nicht darauf verzichten, die Freilassung von Deniz Yücel und anderen Journalisten zu fordern, im Gegenteil."

Außer für die Treffen mit Trump und Erdogan will Merkel den Gipfel unter anderem auch für Gespräche mit Russlands Präsident Wladimir Putin und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron nutzen. Mit ihnen will sie noch ein Gespräch über die Ukrainekrise führen. Bereits am Mittwoch sprach die Kanzlerin mit Chinas Staatschef Xi Jinping über einen Ausbau der Handelsbeziehungen.

apr/AFP



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