S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Was erlaubt sich der Türke?

Guter Despot, böser Despot: Während Wladimir Putin in Deutschland Respekt genießt, hat Recep Tayyip Erdogan hierzulande nicht einen Fürsprecher. Liegt es daran, dass die Türken nie mit dem Panzer im deutschen Wohnzimmer standen?

Recep Tayyip Erdogan
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Recep Tayyip Erdogan

Eine Kolumne von


Auch die Linkspartei ist für die Einhaltung von Menschenrechten. "Mal wieder reist Kanzlerin Merkel in die Türkei und will sich dort mit dem Despoten Erdogan treffen", schrieb die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht vor Kurzem auf ihrer Facebook-Seite. Die Kanzlerin sollte das Gespräch lieber zu Oppositionspolitikern suchen, die für Demokratie und Frieden stünden, "statt für Terrorpatenschaft, Ausgrenzung und Abbau von Grundrechten."

Terrorpatenschaft, Abbau von Grundrechten? Keine Frage, dass da eine gepfefferte Antwort nötig ist. Wenn es um die Verteidigung der Freiheit geht, darf man als Demokrat nicht zurückweichen. Nur, wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Sahra Wagenknecht in der ersten Reihe stehen würde. Kann man sich vorstellen, dass sie so auch über einen Besuch der Kanzlerin in Moskau schreiben würde? Wohl eher nicht. Man muss nur dort, wo der Name Erdogan steht, den Namen Putin einsetzen, um zu erkennen, dass Despot offenbar nicht gleich Despot ist.

Wenn es um die Türkei geht, sind sich alle einig. Von links bis rechts reicht die Empörung über den unverschämten Herrscher am Bosporus. Wenn man eine Liste der größten Unsympathen erstellen müsste, stünde Recep Tayyip Erdogan ganz oben, noch vor Trump, Kim Jong Un und dem chinesischen KP-Chef, bei dem die Kanzlerin diese Woche zu Besuch ist. Erst den deutschen Humor nicht verstehen, dann noch unsere Vergangenheitspolitik madig machen: Das ist schlimmer, als in die Ukraine einzumarschieren.

Kein türkisches Problem

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich hege keine besondere Sympathie für Erdogan und seine Leute. Wäre ich sein Berater, würde ich ihm dringend den Besuch eines Anger-Management-Seminars empfehlen. Wie man weiß, kann ihn schon eine Zeichnung, auf der jemand zwei Finger zum O formt, so in Rage bringen, dass er den Zeichner ins Gefängnis wünscht (angeblich ist der Kreis das heimliche Zeichen für Homosexualität). Zählt man alle Beleidigungsklagen zusammen, die Erdogan seit seinem Wechsel in den Präsidentenpalast angestrengt hat, ärgert er sich drei mal am Tag so sehr, dass er den Anwalt einschaltet.

Anderseits ist Dünnhäutigkeit kein türkisches Problem, die Kränkungsbereitschaft verbindet Erdogan mit vielen mächtigen Männern. Es gibt dabei auch eine regionale Komponente: Je weiter man nach Süden kommt, desto stärker kreist die Welt um Begriffe wie Ehre und Ansehen.

Normalerweise kann sich jeder einigermaßen einflussreiche Despot darauf verlassen, dass sich in Deutschland jemand findet, der ein gutes Wort für ihn einlegt. Die Russen verfügen sogar über eine ganze Partei im Bundestag, die ihre Sache in der Öffentlichkeit vorträgt. Der Türke hat keine Fürsprecher. Vergeblich wartet man auf die ehemaligen ARD-Korrespondentin, die erklärt, warum wir mehr Rücksicht auf die türkische Befindlichkeit nehmen sollten. Es gibt auch keinen brandenburgischen Ministerpräsidenten im Vorruhestand, der die Tiefen der türkische Seele auslotet und vor übereilten Reaktionen warnt, wenn die Erregung hochkocht.

Vor dem Russen habe man Respekt und ein bisschen Angst

Erdogan hat keinen Teil eines fremden Landes annektiert, er führt auch nicht heimlich einen kalten Krieg gegen die Deutschen. Er schwingt wilde Reden. Dennoch gilt er im Vergleich mit dem Mann im Kreml als der schlimmere Despot. Wenn die Deutschen darüber abstimmen könnten, müsste man die Sanktionen gegen Moskau aufheben und sie stattdessen gegen Ankara verhängen. Leider hält es Angela Merkel genau andersherum, was ihren außenpolitischen Kurs bei der Mehrheit der Bürger nicht populärer macht.

Ein Freund, der sich auf Ressentiments versteht, hat mir eine Erklärung angeboten, warum die Deutschen auf Erdogan anders reagieren als auf Putin. Sie ist nicht schön, aber möglicherweise wahr. Vor dem Russen habe man Respekt und auch ein bisschen Angst, sagte er, schließlich stand der schon einmal mit dem Panzer im Wohnzimmer. Außerdem ist der Russe Christ und liebt den Wald, damit kann jeder Deutsche etwas anfangen. Vor dem Türken hat niemand in Deutschland Angst. Er evoziert nie das Bild eines Panzers, sondern immer nur das eines Dönerspießes.

Frau Wagenknecht hat sich am Wochenende in Sachen Türkei wieder zu Wort gemeldet. "Die Nationalität über Blut zu definieren und die Abstammung ins Zentrum zu stellen, das ist wirklich der Kern der Rassenideologie", sagte sie in einem Interview mit dem SWR. Vielleicht tut es ihr ja im Nachhinein leid, dass sie nichts gesagt hat, als sich der russische Präsident als "Sammler russischer Erde" feiern ließ. Ich fürchte allerdings, dass ihr nicht einmal bewusst ist, dass Putin eine ähnliche Blut-und-Boden-Ideologie vertritt, wie sie jetzt bei Erdogan alle zu Recht so schrecklich finden. In dem Fall ist sie ausnahmsweise einmal nicht in der Minderheit.

insgesamt 408 Beiträge
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Herr_Peter 13.06.2016
1. Wieder jemand
der von Otto Normalverbraucher verlangt, alle seine Meinungen und Auffassungen exakt auszubalancieren, auf logische Konsistenz und am besten noch Political Correctness hin abzuklopfen. Das schafft nicht einmal unsere Bundesregierung.
benmartin70 13.06.2016
2.
Putin und Respekt? Der ist genauso albern wie Erdogan. Warum Putin hier in Deutschland Fürsprecher hat kann ich mir nicht erklären.
fredderfarmer 13.06.2016
3. Was wäre eigentlich wenn...
...ein NATO-Mitglied ein NATO-Mitglied militärisch angreift (abgesehen davon, das es nicht gut wäre)?
Bagratuni 13.06.2016
4.
Jan Fleischhauer, den ich sehr schätze, liegt in diesem Artikel falsch. Der Grund, warum er in diesem Artikel fast schon eine Apolegetik einleitet, von ,,WhatAboutism" gänzlich zu schweigen, liegt vllt. eher daran, dass der ,,Deutsche" keine Angst vor Erdogan hat. Sollten Sie jedoch in der Türkei leben, zu den Minderheiten, Kurden oder Liberalen gehören, wird einem Angst und Bange bei Erdgans -nicht nur - rhetorischen Fähigkeiten.
kp229, 13.06.2016
5. Ach Herr Fleischhauer
Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass Herr Putin im Gegensatz zu Herrn Erdogan eben nicht versucht, massiv in unsere Politik einzugreifen. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er Bluttests von Deutschen Staatsbürgern verlangt hat, noch hat er meines Wissens jemals einen wegen Majestätsbeleidigung angezeigt. Vielleicht suchen Sie sich einfach mal ein paar vernünftige Gründe, um hier über Frau Wagenknecht herzuziehen. Langsam wird das echt langweilig.
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