Rechenfehler Peinliche Pannen bei der Hamburg-Wahl

Stolz berichteten die Hamburger von einer enorm hohen Beteiligung an der Bürgerschaftswahl am Sonntag. Aber die Statistiker verrechneten sich – es wurden weit weniger Stimmen abgegeben als bei der vorigen Wahl. Das war nicht die einzige Panne: In einem Wahllokal fanden Bürger Stimmzettel vor, auf denen die CDU bereits angekreuzt war.




Peinliche Panne bei der Hamburger Bürgerschaftswahl
DDP

Peinliche Panne bei der Hamburger Bürgerschaftswahl

Hamburg - "Wir bitten um Entschuldigung", blieb einem Mitarbeiter des Statistischen Landesamtes nur noch zu sagen. Und Wahlleiter Herbert Neumann beeilte sich mitzuteilen: "Dies ist kein grundlegender Fehler, der sich auf das Endergebnis auswirkt." Neumann meinte die peinliche Panne der Statistiker bei der Ermittlung der Beteiligung an der Hamburger Bürgerschaftswahl.

Denn entgegen der Meldungen vom Sonntag gaben doch weniger Menschen ihre Stimme ab als bei der vorangegangenen Wahl. Die Wahlbeteiligung lag lediglich bei 68,7 Prozent und damit 2,3 Prozentpunkte unter dem Ergebnis von 2001, wie das Statistische Landesamt für Hamburg und Schleswig-Holstein am Montag mitteilte.

Damit wurde keine Topquote, sondern sogar die zweitniedrigste Wahlbeteiligung seit 1957 verzeichnet. Zurückzuführen sei die Panne auf die falsche Eingabe von Zahlen im Landeswahlamt. Schuld sei ein "kleiner Rechenfehler" gewesen, sagte das Vorstandsmitglied des Statistischen Amtes Nord, Wolfgang Bick. Gleich zu Beginn seien falsche Zahlen in den Rechner eingegeben worden, sagte ein Mitarbeiter der Behörde.

Am Sonntag war die Wahlbeteiligung nach Schließung der Wahllokale zunächst auf 78,8 Prozent hochgerechnet worden. In der Nacht wurde diese Zahl offiziell auf 69,3 Prozent korrigiert. Im dem am Montag veröffentlichten vorläufigen Ergebnis waren es dann nur noch 68,7 Prozent.

Der Fehler entstand nach Angaben Neumanns aus zwei Gründen: Als Basis für die Hochrechnung der Wahlbeteiligung wurden in 20 Wahllokalen die abgegebenen Stimmen gezählt. "Die Stichprobe war wohl zu klein, wir werden das ändern." Außerdem hätten rund 150.000 Bürger Briefwahlunterlagen angefordert, aber längst nicht alle hätten die Stimmzettel zurückgeschickt, was erst bei der Auszählung auffiel.

Zu Spekulationen, dass der frühere Innensenator Ronald Schill nach seiner Niederlage die Wahlen wegen dieses Fehlers anfechten werde, wollte Wahlleiter Neumann keine Stellung nehmen. Schill habe zunächst keinen Kontakt mit dem Landeswahlamt aufgenommen. Schill hatte am Sonntagabend getönt, er wolle die Wahl anfechten, weil sie "unter sehr undemokratischen Verhältnissen" stattgefunden habe. Deshalb müsse sie "juristisch überprüft" werden. Seine Partei sei benachteiligt worden, "weil 90 Prozent der Plakate zerstört wurden".

Doch der Rechenfehler ist nicht die einzige Panne bei der Hamburg-Wahl. Die in den Listen für die Wahlbezirke addierten Prozentzahlen der Parteien würden mehr als 100 ergeben, berichtet das "Hamburger Abendblatt". Das Statistikamt Nord habe den Fehler zugegeben. Die Werte für die Partei Pro DM/Schill wurden auch zu den sonstigen Parteien gerechnet, kommen also doppelt vor, sagte Statistiker Bick.

Eine weitere Panne ereignete sich im Stadtteil Neugraben-Fischbek. In dem Wahllokal Am Kiesbarg seien Wahlzettel verteilt worden, auf denen bereits die CDU mit Kugelschreiber angekreuzt war, berichtet das "Hamburger Abendblatt". "Ich bemerkte es erst, als sich mein Vordermann aufregte. Wer weiß, wie oft das passiert ist, und wie viele es nicht gemerkt und trotzdem ihr Kreuz gemacht haben?", wird die Wählerin Silke Jülich, 32, zitiert. Bei zwei Kreuzen wäre der Stimmzettel ungültig. Eine Erklärung für den Vorgang gab es zunächst nicht.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.