Ermittlungen gegen rechtsextreme Soldaten MAD gerät wegen Geheimnisverrats eines Agenten unter Druck

Die Affäre um die Weitergabe von Ermittlungsdetails eines MAD-Fahnders wird brisanter. Mindestens acht weitere Soldaten erhielten wohl Zugang zu Geheiminformationen - das befeuert die Theorie eines rechten Netzwerks.
Soldat auf dem KSK-Trainingsgelände in Calw (Archivbild)

Soldat auf dem KSK-Trainingsgelände in Calw (Archivbild)

Foto: Franziska Kraufmann/ dpa

Der Truppengeheimdienst MAD gerät wegen der Weitergabe von geheimen Ermittlungsdetails durch einen MAD-Fahnder an Soldaten des „Kommandos Spezialkräfte“ (KSK) immer mehr unter Druck. Nach SPIEGEL-Informationen hat der MAD bei aktuell laufenden Recherchen herausgefunden, dass Details aus den Ermittlungen, die ein hochrangiger MAD-Fahnder an einen befreundeten KSK-Soldaten weitergegeben hat, innerhalb der Eliteeinheit an mindestens acht weitere Soldaten aus dem Verband weitergereicht wurden.

Damit verstärkt sich der Verdacht, dass Teile der Eliteeinheit während der laufenden Ermittlungen des MAD gegen rechtsextreme Soldaten in den Reihen innerhalb des KSK gewarnt worden sein könnten. Die Enthüllung dürfte auch der These Auftrieb geben, dass es innerhalb der Bundeswehr ein Netzwerk rechtsextremer Soldaten gibt, die sich gegenseitig vor Nachforschungen des Truppengeheimdienstes warnen und auch nicht davor zurückschrecken, geheim klassifizierte Informationen gesetzeswidrig an Kameraden weiterzugeben.

Hektische Aktivitäten hinter den Kulissen: Regierung informiert Abgeordnete in Sondersitzung

Nach bisherigem Kenntnisstand hatte ein Oberstleutnant des MAD eine Lichtbildmappe an einen KSK-Soldaten weitergegeben, den er aus einer früheren Verwendung bei der Bundeswehr kannte. In dessen Garten wurde ein Waffenlager gefunden. Durch weitere Befragungen fand man in den letzten Tagen nun heraus, dass dieser KSK-Soldat danach noch weitere Kameraden der abgeschotteten Einheit über die eigentlich streng geheime Mappe und damit über Details der MAD-Ermittlungen informierte.

Die Affäre rund um den MAD sorgt hinter den Kulissen bereits für hektische Aktivitäten. Am Freitagmorgen kam das Bundestagsgremium zur Kontrolle der Geheimdienste außerplanmäßig zusammen. In der eilig anberaumten Geheimsitzung informierte die Bundesregierung die Abgeordneten über den aktuellen Stand der Ermittlungen. Dabei räumte der Dienst auch ein, dass die sensiblen Informationen aus den MAD-Ermittlungen offenbar nicht nur an einen, sondern an mindestens acht weitere Mitglieder der Eliteeinheit weitergegeben wurden.

Hintergrund der Affäre ist die spektakuläre Razzia bei einem KSK-Veteranen im Mai im sächsischen Collm. Aufgrund von Hinweisen des MAD hatte die Polizei im Mai im Garten des Oberstabsfeldwebels Philipp Sch. in Sachsen ein Waffenversteck mit zwei Kilo Bundeswehrsprengstoff, Tausenden Schuss Truppenmunition, einem Kalaschnikow-Sturmgewehr und reichlich Nazidevotionalien ausgehoben. Der Oberstabsfeldwebel Sch., der schon seit zwanzig Jahren beim KSK diente, sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Zunächst hatte der MAD Mitte der Woche eingeräumt, dass ein Oberstleutnant aus der Abteilung Extremismusabwehr des Geheimdienstes die Lichtbildmappe der gefundenen Waffen an einen befreundeten KSK-Soldaten weitergegeben hatte. Der Oberstleutnant des MAD wurde daraufhin umgehend suspendiert, ihm wurde jeglicher Zugang zum MAD verweigert, zudem wurde eine Disziplinarermittlung wegen Geheimnisverrat eingeleitet. Intern hieß es zunächst, der Oberstleutnant habe gegenüber seinem alten Kameraden vom KSK nur prahlen wollen, wie viele Details er über den Fall kenne. Von einer Warnung könne keine Rede sein.

Der MAD prüft jedoch nach SPIEGEL-Informationen auch Hinweise, nach denen weitere MAD-Mitarbeiter an der Weitergabe von Informationen beteiligt gewesen sein könnten. Bis zum Freitag aber gingen die Ermittler davon aus, dass nur der Oberstleutnant brisante Informationen weitergeleitet hat.

Eine mögliche Warnung von KSK-Soldaten durch MAD-Beamte wäre brisant, da die Fahnder vermuten, dass der in Haft sitzende KSK-Soldat Philipp Sch. sein im Garten verstecktes Waffenarsenal mit Bundeswehrmunition und Sprengstoff nicht ohne Mitwisser oder sogar Helfer beim KSK entwendet haben kann. Mittlerweile haben die Ermittler anhand der Losnummern der gefundenen Munition festgestellt, dass fast das gesamte Waffenlager aus Beständen der KSK in Calw stammt. Folglich könnte die Indiskretion des MAD-Manns durchaus Komplizen gewarnt haben.

Gab der Oberstleutnant des MAD auch andere Informationen weiter?

Die Weiterverbreitung der Lichtbildmappe innerhalb des KSK sehen Fahnder als kritisch an. So könnten mögliche Mittäter bei der Entwendung der Munition oder des Sprengstoffs die Möglichkeit erhalten haben, entsprechende Spuren zu verwischen, so ein Ermittler. Zudem wirke der Vorfall wie ein möglicher Beleg für Theorien über ein Netzwerk von gleich gesinnten Soldaten innerhalb der Bundeswehr, die sich gegenseitig decken. Dieser Verdacht elektrisiert auch die Topbeamten im Verteidigungsministerium.

Der Vorgang rund um den MAD-Fahnder dürfte zudem noch für weitere Recherchen sorgen. So war der Oberstleutnant des MAD nach SPIEGEL-Informationen auch zentral an den Nachforschungen des Bundestagskontrollgremiums zu möglichen Versäumnissen des MAD bei der Suche nach Rechtsextremisten in den Reihen der Bundeswehr involviert und hatte Zugang zu allen entsprechenden Akten. Seit mehr als einem Jahr arbeitet ein Sonderermittler des Gremiums an einem Bericht zu dem Thema, der noch vor der Sommerpause fertiggestellt werden soll.

Bisher ist es nur eine Theorie, doch sie ist heikel. Demnach könnte der MAD-Fahnder seine Insiderkenntnisse der Akten und der Recherchen des Gremiums ähnlich wie im Fall der Lichtbildmappe an Soldaten des KSK weitergegeben haben. Schon in der kommenden Woche, so viel ist sicher, werden die Abgeordneten den Geheimdienst mit Fragen zu diesem Komplex löchern.

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