Rechtsextremismus "Großes Problem wird kleingeredet"

Die Warnung von Ex-Regierungssprecher Heye barg Zündstoff: Ausländer sollten manche Regionen Ostdeutschlands meiden. Erst am Wochenende wurde wieder ein kurdischstämmiger Politiker angegriffen. Gewaltforscher Heitmeyer erklärt, woher die Fremdenfeindlichkeit rührt.


SPIEGEL ONLINE:  Sind Sie überrascht über die Empörung, die auf Uwe-Karsten Heyes Warnung folgte?

Heitmeyer: Ich finde die Reaktionen von Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und Innenminister Jörg Schönbohm unangemessen. Da soll ein großes Problem zugunsten von Standortinteressen kleingeredet werden. Man muss immer vorsichtig sein mit pauschalen Urteilen, aber im Grundsatz hat Heye recht. Gewalt gegen Fremde wird in Ostdeutschland an manchen Stellen als normal wahrgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Osten tatsächlich fremdenfeindlicher als der Westen?

Heitmeyer: Fremdenfeindlichkeit ist ein gesamtdeutsches Problem. Aber bezogen auf rechtsextreme Gewalttaten liegt der Osten vorn: Brandenburg besonders gemessen an der Anzahl der Einwohner. Und auch die fremdenfeindlichen Einstellungen sind im Osten ausgeprägter als im Westen. 53 Prozent der Ostdeutschen stimmen fremdenfeindlichen Aussagen zu, in Westdeutschland sind es nur 38 Prozent. Das liegt unter anderem an der zunehmenden Angst vor sozialem Abstieg, die im Osten viel stärker ausgeprägt ist.

SPIEGEL ONLINE: Soziale Probleme führen zu Rechtsextremismus - ist der Mechanismus so einfach?

Heitmeyer: Man kann das nicht darauf reduzieren. Im Osten Deutschlands geben aber mehr Menschen als im Westen an, nämlich 56 Prozent, Angst vor dem Abstieg zu haben. Hinzu kommt, dass sich viele zunehmend orientierungslos fühlen: 77 Prozent im Osten und 66 Prozent im Westen. Viele fürchten die soziale Desintegration. Das kommt, vor allem im Osten, zusammen mit dem Verlust von Anerkennung. Ohne Anerkennung kann aber niemand leben - daraus folgt die Abwertung anderer, schwächerer Gruppen.

SPIEGEL ONLINE: Häufig werden die autoritären Strukturen der DDR als eine Ursache für Fremdenfeindlichkeit im Osten identifiziert.

Heitmeyer: Es kommen mehrere Elemente zusammen. Autoritäre Erfahrung und autoritäre Aggression spielen eine Rolle, aber der Autoritarismus steigt auch im Westen. Was im Osten tatsächlich anders ist als im Westen, ist die Siedlungsstruktur. Es gibt viele Dörfer und Kleinstädte und die jungen und gut Ausgebildeten ziehen weg. Die, die zurückbleiben, nähern sich in ihren Lebenslagen an, die Gesellschaft in den Dörfern und Kleinstädten wird homogener.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Folgen?

Heitmeyer: Man wird sich immer gleicher. Nicht nur die Lebenslagen werden sich immer ähnlicher, die Einstellungen passen sich an. Heterogenität ist aber wichtig, um auch mal zu widersprechen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Sonst schweigt der Einzelne, weil die Mehrheit anderer Meinung ist. Und dann wird es irgendwann normal, fremdenfeindliche Äußerungen zu machen oder zu dulden. Und was als normal gilt, das kann man nicht mehr problematisieren.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die Politik gegensteuern?

Heitmeyer: Es ist ja nicht nur die Politik verantwortlich, sondern auch die ökonomischen Eliten und die Medien, die häufig nur noch berichten, wenn die Gewalt eskaliert. Über "normale" Gewalt wird nicht mehr berichtet. Und gegen das schweigende Wegsehen kann jeder etwas tun. Wir sind alle aufgefordert, etwas zu tun und einzugreifen, damit die fremdenfeindlichen Täter nicht die Überzeugung gewinnen, sie agierten im Sinne der Mehrheit.

Die Fragen stellte Anna Bilger.



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