Bundeswehr-Ermittlungen Das Waffenlager des KSK-Kämpfers

Die Ermittlungen gegen einen Elitesoldaten fördern beunruhigende Details zutage. Nach SPIEGEL-Informationen zweigte der altgediente KSK-Mann reichlich Munition und Sprengstoff ab. Wurde ihm geholfen?
KSK-Soldaten nach einer Vorführung im Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf (im Juni 2019)

KSK-Soldaten nach einer Vorführung im Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf (im Juni 2019)

Foto: Björn Trotzki/ imago images

Das Verteidigungsministerium prüft nach der Razzia bei einem Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) im Eiltempo eine Verschärfung der Sicherheitsvorschriften für die Lagerung von Waffen, Munition und Sprengstoff. Nach SPIEGEL-Informationen hat das Ministerium eine breit angelegte "Überprüfung der Bewirtschaftung und Bestandsnachweisführung von Waffen und Munition" eingeleitet. Diese erstreckt sich auf die ganze Bundeswehr, gilt aber für das "KSK im Besonderen", heißt es in einem vertraulichen Bericht für den Bundestag.

Das Papier bestätigt eine SPIEGEL-Meldung aus der vergangenen Woche. Demnach wurden in einem unterirdischen Waffenversteck auf dem Privatgrundstück des Oberstabsfeldwebels Philipp Sch. neben einem AK47-Sturmgewehr und einer Schreckschusswaffe des Herstellers Heckler und Koch auch "mehrere Tausend Stück Gewehr- und Pistolenmunition" gefunden.

"Die bisher bekannten Losnummern konnten Beständen der Bundeswehr zugeordnet werden", heißt es in dem Dossier. Demnach handelt es sich um Munition für Neun-Millimeter-Pistolen und für Sturmgewehre wie das G36.

Noch mehr alarmiert die Ermittler, dass Sch. in seinem Versteck auch hochexplosiven Sprengstoff aus Truppenbeständen hortete. So fand man in dem Waffenlager vier 500-Gramm-Pakete mit PETN-Sprengstoff. Zudem versteckte Sch. zehn Sprengzünder, drei Sprengfolien, eine Sprengschnur, neun Rauchgranaten, Signalpatronen und Zünder für Übungshandgranaten. Auch dieses Material stammt wohl von der Bundeswehr.

Der Militärgeheimdienst MAD war Philipp Sch. bereits seit April 2017 auf der Spur. Damals hatte er an einer Abschiedsparty für einen scheidenden KSK-Kommandeur teilgenommen. Nach einem mehr als geschmacklosen Parcours-Wettbewerb mit Disziplinen wie Schweinekopfwerfen sollen mehrere Soldaten rechtsextreme Lieder gegrölt und den Hitlergruß gezeigt haben. In den zwei Jahren nach dem Vorfall konnte der MAD dem Soldaten nichts nachweisen, trotzdem wurde er weiter beobachtet.

Den entscheidenden Hinweis erhielt der MAD erst 2020. Aus dem Umfeld von Sch. erfuhr man, dass er ein Waffenlager angelegt hatte und in seinem Haus auch Nazi-Devotionalien hortete. Am 11. Februar alarmierte der MAD die zivilen Behörden, daraufhin erließ das Amtsgericht Dresden am 23. März einen Durchsuchungsbeschluss. Am 13. Mai dann durchsuchte die Polizei das Grundstück von Sch., er selbst wurde gleichzeitig in der KSK-Kaserne in Calw vernommen.

Bemerkenswert an dem Fall ist, dass Philipp Sch. schon seit fast 20 Jahren beim KSK diente. Nach einem Eignungstest für die Eliteeinheit, deren Kernaufgabe die Geiselbefreiung im Ausland ist, kam Sch. im Juli 2001 zum Kommando. Zunächst war er dort als Heeresbergführer eingesetzt. 2010 dann wechselte er in das sogenannte "PLEX-Team" und plante Ausbildungen und Übungen. Dass Sch. über die Jahre beim KSK nie als Rechtsextremer auffiel und auch die Diebstähle von Munition und Sprengstoff nicht bemerkt wurden, sorgt nun für erhebliche Unruhe im Ministerium.

Brandbrief des Kommandeurs

In dem vertraulichen Bericht wird betont, dass der MAD das KSK weiterhin als "Arbeitsschwerpunkt" in Sachen Rechtsextremismus bearbeitet. Die Zahl der Verdachtsfälle liege weiter bei 20. Laut einer Aufstellung sind seit Ende 2019 insgesamt vier KSK-Soldaten wegen rechtsextremer Tendenzen aus dem Dienst entlassen worden. Bei weiteren sieben ist eine Versetzung der Soldaten erfolgt oder geplant. In sechs weiteren Fällen hat sich der Verdacht auf eine rechtsextreme Gesinnung indes nicht bestätigt, so das Papier.

Die Ermittler recherchieren nun, ob Sch. Mitwisser oder gar Mittäter unter seinen Kameraden hatte. Dazu wertet man sichergestellte Handys und seinen Computer aus. Erfahrene Bundeswehrsoldaten bezweifeln, dass der Soldat das Waffenlager allein angelegt haben kann, da besonders die Sprengstoffbestände bei der Truppe streng kontrolliert würden. Allerdings bestehe die Möglichkeit, bei Übungen die entsprechenden Listen zu fälschen und so Material abzuzweigen, so Insider.

Für das Kommando ist der Waffenfund bei Philipp Sch. offenbar ein schwerer Schock. Kommandeur Markus Kreitmayr schickte bereits vergangene Woche einen regelrechten Brandbrief an seine Soldaten. Der Verband erlebe "die schwierigste Phase seiner Geschichte", schrieb Kreitmayr darin, die Razzia bei Sch. sei ein "schockierender Höhepunkt". Über den Brief hatte am Dienstag zuerst die Nachrichtenagentur dpa berichtet.

KSK-Brandbrief

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Kreitmayr kündigt in dem Schreiben eine "Null-Toleranz-Linie" an. Laut dem Kommandeur "befinden sich offensichtlich immer noch Personen aus dem rechten Spektrum" beim KSK. "Sie gehören nicht zu uns", schreibt er an seine Soldaten. Diese rief er auf, verdächtige Kameraden zu melden. Soldaten mit rechtem Gedankengut sollten zudem von allein das KSK verlassen. Seinen Aufruf verbindet Kreimeyr mit einer unmissverständlichen Drohung: "Tun Sie es nicht, werden Sie feststellen, dass wir Sie finden und entfernen werden!"

Die Opposition zeigte sich schockiert über die neuen Details. "Wenn ein Soldat des KSK unentdeckt Waffen, Munition und Sprengstoff stiehlt und hortet, ist die Gefahr weitaus größer, als MAD und Ministerium sie bisher dargestellt haben", sagte die Grünen-Sicherheitspolitikerin Agniezska Brugger. Dem Ministerium warf sie vor, jeden Fall von Rechtsextremismus mit immer neuen Statements zu parieren. Eine Strategie gegen die Extremisten bei der Bundeswehr sei indes nicht zu erkennen.

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