Skinhead-Gruppe in Bayern Braunes Idyll

Wie groß ist die Gefahr von rechts? Die Szene ist nicht nur im Osten bestens organisiert - sondern auch dort, wo man es eher weniger erwartet. Zum Beispiel im Allgäu.

Mitglieder der Kameradschaft "Voice of Anger": "Es ist ja bekannt, dass die nicht gerade zimperlich sind"
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Mitglieder der Kameradschaft "Voice of Anger": "Es ist ja bekannt, dass die nicht gerade zimperlich sind"

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Unterallgäu, Voralpenland, Urlaubsregion. Es ist ein unscheinbares Haus, ein umgebauter ehemaliger Stadel, renoviert, neuer Anstrich, neue Fenster. Nichts deutet darauf hin, dass dort, in der Gemeinde Wolfertschwenden, zwischen Bahngleisen, Maisfeldern und der Autobahnauffahrt, ein einschlägiger Onlineversandhandel beheimatet ist. Dass hier die Musik des rechtsextremistischen Plattenlabels "Oldschool Records" vertrieben wird, dazu Fanartikel und Merchandise aus dem rechtsextremistischen Milieu. Schon öfter hat es hier Razzien der Polizei gegeben.

Betrieben wird der Onlinehandel von einem führenden Mitglied von "Voice of Anger", "Stimme des Zorns", der größten Neonazi-Gruppe Bayerns. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet und zählt etwa 60 Mitglieder. Der Kreis der Sympathisanten dürfte weit größer sein. Gegründet 2002, gehen die Wurzeln von "Voice of Anger" bis in die Neunzigerjahre zurück. Einige Akteure haben Verbindungen zu der verbotenen Neonazi-Organisation "Blood and Honour". Jenem Umfeld, dem auch Mitglieder und Unterstützer der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) anhingen.

Das Allgäu - ein Idyll für Neonazis?

"Es vergehen keine zwei Tage ohne eine rechtsradikal motivierte und als solche registrierte Straftat im Allgäu", sagt Sebastian Lipp. Er recherchiert mit seinen Kollegen seit Jahren zur rechten Szene im Allgäu, dieser Region im Südwesten Bayerns, die sonst eher für ihre Berge und das Schloss Neuschwanstein bekannt ist. Lipp sammelt rassistische, antisemitische Delikte, beobachtet Rechtsrockkonzerte. Und dokumentiert die Aktivitäten auf seinem Blog "Allgäu Rechtsaußen".

Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: Mehrere Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Der Fall auf dem Tänzelfest in Kaufbeuren, wo ein Mann aus Kasachstan von einem Neonazi zusammengeschlagen wurde und an den Verletzungen starb. Der Fall eines Mannes in Memmingen, der sich über die Neonazi-Musik seines Nachbarn beschwerte und dann von diesem mit einem Bajonett erstochen wurde. Oder auch: Ein Facebook-Eintrag, der "Voice of Anger"-Anhänger bei Schießübungen zeigt. Als Zielscheibe diente ihnen das Foto eines Rabbiners.

Die Zahlen

"Auffallend ist nach wie vor die hohe Gewaltbereitschaft", mit diesen Worten zur rechtsextremistischen Szene legte Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang kürzlich den Verfassungsschutzbericht 2018 vor. Eine Vorstellung, die im Zeichen des Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke stand.

In Deutschland gibt es etwa 24.100 Rechtsextremisten - rund 100 Personen mehr als noch 2017. Mehr als die Hälfte davon wird als "gewaltorientiert" eingestuft. In Bayern gingen rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten 2018 leicht zurück. Genauso in der Region Schwaben Süd/West, dem Kerngebiet von "Voice of Anger". Wie die Polizei auf Anfrage des SPIEGEL angab, fiel die Zahl rechter Gewaltdelikte von 2017 auf 2018 von 16 auf 8.

Warum existiert die Skinheadgruppe bis heute?

Die Behörden seien das Problem in der Region nie strukturell angegangen, sagt Lipp. Die Szene sei bis heute aktiv, trete militant auf, sei gewaltbereit. Zwar wurde die Vorgängergruppe von "Voice of Anger" - "Skinheads Allgäu 88" - in den Neunzigerjahren verboten. Im Untergrund habe die Szene "einfach weitergemacht", sagt Lipp, und: "Es gab auch nie eine Zivilgesellschaft, die dieses Problem aktiv angegangen ist." Die Gefahr, die von der rechten Szene ausgehe, werde unterschätzt.

Die Anhänger seien in der bürgerlichen Gesellschaft integriert. Hätten gute Jobs, eigene Unternehmen, Familien, wohnten im Reihenhaus. Auch äußerlich hätten sie sich gewandelt, trügen nicht mehr die skinheadtypischen Springerstiefel, "die Jungen sind hipper, sie sind bei Instagram", so Lipp. Das bedeute: Jemand könne eine rechtsextremistische Gesinnung haben und trotzdem Teil der Allgäuer Gesellschaft sein.

Wie eng die Verflechtungen manchmal sein können, zeigt auch ein Beispiel aus Illertissen. Dort kauften zwei Männer eine ehemalige Kirche, um sie als Partyraum für Hochzeiten zu vermieten. Einer der Geschäftspartner: ein rechtsextremer Musiker. Erst Lipps Recherchen deckten die Sache auf.

Das Allgäu sei aber auch ein optimaler Rückzugsraum: "Das Allgäu ist total weitläufig. Wenn man ein Rechtsrock-Konzert veranstaltet", sagt Lipp. "kriegt das eventuell gar niemand mit. Das könnte man in enger besiedelten Gebieten nicht so leicht machen."

Wie organisiert sich die Szene?

Über den Versandhandel mit Artikeln und Platten durch "Oldschool Records" sichert sich die Gruppe Einnahmen, genauso durch Tickets für die einschlägigen Rechtsrockkonzerte und private Spenden. Nachwuchsprobleme habe Voice of Anger nicht, so Lipp. Gerade auf den Konzerten - die auf privaten Grundstücken ausgerichtet werden - würden potenzielle neue Anhänger rekrutiert.

Beim 15-jährigen Jubiläum der Gruppierung im Jahr 2017 erschienen bis zu 250 Personen aus der Neonazi-Szene - auch aus dem europäischen Ausland. "Voice of Anger"-Mitglieder seien bundesweit unterwegs, etwa bei Aufmärschen in Berlin. Und die Szene sei international vernetzt. "Bands von Oldschool Records sind bis nach Südamerika geflogen, um auf Tour zu spielen", sagt Lipp.

Lipp und sein Team beobachten, dass die Neonazi-Szene in den letzten Jahren auch durch gesellschaftliche Veränderungen Rückenwind erfährt. "Spätestens seit Pegida und der 'neuen Rechten' sind flüchtlingsfeindliche und rechtsradikale Äußerungen wieder viel mehr im öffentlichen Raum präsent." Das spüren auch Lipp und seine Kollegen, wenn sie in der Szene recherchieren. Nachdem ein Kollege eine Veranstaltung der NPD dokumentiert hatte, wurde er erst von einem Neonazi verfolgt, später fand er die Scheibe seines Pkw eingeschlagen.

"Man setzt sich bei dieser Arbeit schon auch was aus", sagt Lipp. "Aber man weiß, worauf man sich einlässt. Es ist ja bekannt, dass die nicht gerade zimperlich sind."

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