Rechtsextremistische Gewalt Ansichten einer Problemstraße

Die Weitlingstraße im Ost-Berliner Bezirk Lichtenberg gilt als Neonazi-Hochburg und "No-Go-Area". Und das nicht erst, seit Rechte dort am vergangenen Freitag den Politiker Giyasettin Sayan verprügelten. Eine Ortsbesichtigung.

Von Fabian Grabowsky


Berlin - Die Weitlingstraßen gibt es in zwei Versionen. Mindestens. Die eine ist die von Silvo Molkentin. "Das ist eine richtige Nazigegend hier", sagt er. Molkentin, lange Haare, geflochtener Bart, wohnte früher zwei S-Bahn-Stationen entfernt in Friedrichshain. "Als ich hierhin zog, war das für mich der Kulturschock schlechthin", sagt er. "Die meisten merken gar nicht, was hier los ist." Vor allem im Tattoo-Studio "Ost-Zone" und der Kneipe "Kiste". Einmal habe vor ihm jemand mit einem Ring geprahlt, der angeblich Heinrich Himmler gehört habe. Fotografieren lassen will Molkentin sich nicht. "Ich will hier noch länger leben."

Die Lichtenberger Weitlingstraße gilt als rechtsextremistische Hochburg. Seit am vergangenen Freitag zwei Rechtsextremisten den kurdischstämmigen PDS-Politiker Giyasettin Sayan zusammenschlugen, ist das wieder ein Thema. Am Montag danach pöbelte hier ein Radfahrer die Bezirksbürgermeisterin Christiane Emmrich (Linkspartei.PDS) an als sie ein Live-Interview für die RBB-Abendschau gab. Sie solle sich gut überlegen, was sie sage. Und vor einigen Wochen verwüsteten Rechtsextremisten ein vietnamesisches Blumengeschäft. "Heil Hitler, das macht man in Lichtenberg so", sollen sie dabei gegrölt haben. Seitdem gibt es in dem Geschäft eine Videokamera.

Die Probleme mit dem Weitlingkiez stammen aus der Zeit nach der Wende. Damals wohnten Neonazis im Haus Weitlingstraße 122. Unter ihnen Szenegrößen wie Kay Diesner, der heute lebenslang im Gefängnis sitzt, weil er 1997 einen Polizisten erschoss und der spätere Aussteiger Ingo Hasselbach, der dann mit einem Buch über seine Zeit als Neonazi bekannt wurde. Noch heute wohnen viele Rechtsextremisten im Weitlingkiez. Sie fühlen sich hier wohl, sagt ein Polizeisprecher. Die NPD bekam bei der vergangenen Bundestagswahl 3,3 Prozent der Stimmen.

Aber keine Neonazi-Rotten patroullieren, kein Horst-Wessels-Lied krächzt aus offenen Fenstern, kein Hakenkreuzsticker klebt an den Laternenmasten. Statt dessen gibt es türkische Dönerläden, vietnamesische Nippesläden, italienische Restaurants. Und deutsche Läden, wie den Haustierbestatter "Arche Noah" oder den "Lackdoktor". Die übliche billige Berliner Kleinstgewerbemischung. Keine "No-go-area".

Der Rechtsradikalen-Treff "Kiste" hat auch nachmittags noch geschlossen. In seinem Fenster hängt ein Ozzy-Osbourne-Plakat, darunter klebt ein Nirvana-Sticker. Keine Naziband. Vor dem Tattoo-Studio "Ost-Zone", das ebenfalls als rechter Treffpunkt gilt, sitzt ein bulliger Mann mit Glatze. Und langem Kinnbart. Am ehemaligen Neonazi-Haus 122 weht die Regenbogenfahne der Homosexuellenbewegung von einem Balkon. Nur die Ostpreußenfahne, die über einer neu eröffneten Kettenbäckerei hängt, ist ein unmissverständliches Signal. Aber was ist mit der "Deutschen Küche" der "Lichtenberger Bauernstube"? Der Frakturschrift an dem unscheinbaren Kiosk? Dem Deutschandtrikot des dicken Manns vor der Dönerbude?

"Welche Nazis?"

"Welche Nazis? Ich fühle mich nicht bedroht", sagt die Buchhändlerin Ruth Volkmann. Sie finde nicht, dass der Weitlingkiez eine Nazi-Hochburg ist. Ihre Kunden auch nicht. "Die Medien schaffen eine Angst, die es hier vorher nicht gab." Das ist die die zweite Version der Weitlingstraße. Volkmann hat andere Probleme. Diejenige, die Bücher lesen, sind weggezogen. Dafür sind andere gekommen. "Türken, Vietnamesen, Russen", zählt Volkmann auf. "Ich habe nichts gegen die - nur die lesen eben nicht meine Bücher."

Vor dem Kiosk von Thi Hanh Mura steht Nippes in vielen Formen und allen Farben. In ihrem engen, dunklen Laden gibt es billiges Bier, Zigaretten, auch einzelne für 20 Cent das Stück. Das kaufen auch Rechtsextremisten. "Einmal hat mich einer beschimpft, weil ich nicht sofort wusste, wo die Cabinet Menthol stehen", sagt sie. Ihr größtes Problem seien die Ladendiebe. Wenn sie die erwische, beschimpften die sie manchmal als "Fidschi" - "Aber das ist mir egal", lacht sie.

Halil Akyol hat hier seit sechs Monaten ein Internetcafé. "Ich habe noch nichts Schlimmes erlebt", sagt er. Die Stimmung im Kiez sei okay, abends sei es ruhig. Nur die vielen Nazi-Demos störten ihn. Man wisse nie, ob dabei etwas kaputt gehe. Und vor allem könne er dann nicht mit seinem Auto wegfahren, weil die Polizei alles sperre.

Nur ein Stigma?

Vielleicht liegt die Wahrheit zwischen diesen beiden Weitlingkiez-Versionen. Und ist komplizierter. Natürlich gebe es im Kiez viele Rechtsextremisten und deren Kader, sagt Gewerbetreibenden-Sprecher Sito Kranke. Da gebe es nichts zu beschönigen. "Aber zu sagen, dass wir in einem absolut gefährdeten Gebiet wohnen, geht nicht". Schließlich gebe es viele ausländische Geschäfte.

Die große Mehrheit der Anwohner sei gegen die Rechtsextremisten, aber auch dagegen, als Nazi-Hochburg "stigmatisiert" werde. Es gebe auch Gewalt von Linken und Ausländern. Das Zusammenleben mit den Ausländern im Kiez funktioniere, auch wenn nicht alle von ihnen perfekt deutsch sprächen und viele Deutsche sich vor Islamisten fürchteten. Ob er einem Schwarzen raten würde, nach Lichtenberg zu ziehen? "Für den kann ich meine Hand nicht in Feuer legen", sagt Kranke.

Carolin Behrens ist Projektleiterin von Stadtbild Lichtenberg, einem Projekt, dass mit EU-Geld gefördert wird. Die Architektin hat das Gelbe Fest im vergangenen Sommer organisiert, die gesamte Weitlingstraße war bei dem Straßenfest mit gelbem Boden ausgelegt, Bands spielten, es gab Karrusells und Performances. Andere Projekte sind Sonnenblumenlabyrinthe oder ein Kiezgarten, in dem Kinder ihre Geburtstage feiern können.

Dulder und Weggucker

Behrens sagt, der Kiez sei nicht nur sozial "superproblematisch". "Man fühlt sich hier mit seiner rechten Gesinnung wohl ", sagt sie. Oft höre man Sachen, die "nicht so angemessen sind". Und sie sagt, dass meisten hier "Dulder und Weggucker" seien. "Aber das sind wir ja auch - sonst können wir hier nicht arbeiten."

Die meisten Anwohner sähen sich aber nicht als Nazis. Ihnen sei bewusst, dass ihre Gegend als Nazi-Hochburg gelte, und das gefiele ihnen nicht. Man könne doch problemlos durch den Kiez spazieren, sagten sie - und: "Was habt ihr denn?" - "Das kann man ja auch tatsächlich", sagt Behrens. Und die Geschäftsleute beispielsweise hätten auch andere Sorgen. "Die interessieren sich mehr dafür, dass gestern schon wieder keiner in ihrem Laden war." Solange keiner ihr Schaufenster einwerfe, seien die Neonazis für sie kein Problem.

Behrens sagt, der Angriff auf den PDS-Politiker Sayan habe sie nicht überrascht. "Das war eine Frage der statistischen Wahrscheinlichkeit." Sie hat zusammen mit Anwohnern einen Aufkleber entworfen, den die Geschäftsleute jetzt in ihr Fenster hängen sollen. Der Aufkleber ist lustig, gelb und der kleinste gemeinsame Nenner. "Nein zu Gewalt", steht darauf. Von rechtsextremistischer Gewalt steht nichts darauf. "Anders geht es nicht", sagt Behrens. Sonst würden die Anwohner fragen, was denn mit linken Gewalt sei und mit der Gewalt von Ausländern.

Dass sie mit ihrer Arbeit in Lichtenberg viel verändert, glaubt Behrens nicht. "Das ist ein Tropfen auf den ganz heißen Stein."

Einen Stein, den man drehen und wenden kann.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.