Streitkultur Mehr Franz Josef Strauß wagen!

Links und Rechts sind keine Begriffe der Vergangenheit. Das wollten uns nur die Leute einreden, die aus der Politik ein Schlaflabor gemacht haben. Plädoyer für eine neue Kultur des Streits.

Franz-Josef-Strauß auf dem Münchner Oktoberfest (undatierte Aufnahme)
DPA

Franz-Josef-Strauß auf dem Münchner Oktoberfest (undatierte Aufnahme)

Eine Kolumne von


Franz Josef Strauß hat mich politisiert. 1980 wollte er Bundeskanzler werden. Ich war damals 13 Jahre alt. Radikaler ist man nie. Strauß hatte seine Rechnung ohne mich gemacht. "Stoppt Strauß!" war ein klarer Auftrag. Der Aufkleber kam auf den Ranzen direkt neben "Atomkraft? Nein danke!". Von meinem Kinderzimmer aus betrachtet war der schimpfende, schwitzende Bayer tatsächlich so gefährlich wie ein Kernkraftwerk. Es dauerte dann noch mal 13 Jahre, bis ich selbst mal ein paar leibhaftigen CSU-Politikern gegenüberstand. Ich war platt: durchaus nicht nur fiese Finsterlinge. Es waren lustige Zeitgenossen darunter. Nur über Ausländer durfte man mit ihnen nicht reden. Und über Homosexuelle. Und über Frauen. Und erst recht nicht über Gerechtigkeit. Da waren die Gegensätze nicht zu überbrücken. Heute weiß ich: Das war gut so.

Links und Rechts - es ist nicht lange her, da schien dieser Gegensatz aus der Mode gekommen. Aber das war ein Trick der Leute, die die Politik in ein Schlaflabor verwandeln wollten. In Deutschland vorne mit dabei: Frau Dr. Merkel, lange Jahre als Chefanästhesistin im Kanzleramt tätig. Wer das Denken in den Kategorien von Links und Rechts ablehnt, will in Wahrheit nur die Frage verwischen, die am Anfang aller Politik liegt: Wer bekommt was?

Es gibt eine Szene im Roman "Seelenarbeit" von Martin Walser, da leidet der Chauffeur Zürn wie ein Hund darunter, dass er nachts an seinen Chef denkt und weiß, der denkt nicht an ihn. Damit ist das Unausgleichbare beschrieben. Das ist die Definition von Abhängigkeit. Man kann das allgemeiner formulieren: Die Beschäftigten fürchten die Entscheidungen ihrer Vorgesetzten - aber die Vorgesetzten fürchten nicht die Entscheidungen der Beschäftigten. "Links" bedeutet, dieses Missverhältnis zum Ausgangspunkt aller Politik zu nehmen.

Die Große Koalition schwächt die Demokratie

Politik muss darum ein Streit sein. Mit dem Streit aber ist es eine sonderbare Sache: Wenn man sich zu nahe ist, kann man nicht streiten - wenn man zu weit entfernt ist, auch nicht. Für die Gesellschaft bedeutet das: Gibt es zu wenig Streit, schläft die Demokratie ein. Gibt es zu viel, zerreißt sie. Ja, es wird gestritten in Deutschland. Über die richtige Balance zwischen Offenheit, Vielfalt und Fremdem, über die europäische Währung, über die gerechte Gesellschaft oder die neue Rolle Deutschlands in einer undurchschaubaren Welt voller Krisen. Aber immer öfter wird dieser Streit in unversöhnlichem Ton ausgetragen, mit kaum verhohlener Wut auf den anderen - ob Politiker, Journalist oder einfach nur Nachbar.

Immer öfter wird der Streit zum Hass.

Wirtschaftlich prosperiert Deutschland. Geistig darbt es. Ein neuer rechter Populismus hat Erfolg damit, seine simplen Gedanken in enthemmte Sprache zu kleiden. Es gibt eine Radikalisierung der bürgerlichen Gesellschaft. In ihren Netz-Foren, ihren Verschwörungsmagazinen oder auf ihren öffentlichen Märschen gegen das verhasste "System" stacheln sich die Verächter der Demokratie gegenseitig auf.

Die Demokratie schwächt sich in der Großen Koalition selbst. Es ist die Politik der Mitte, die der Demokratie die Luft abschnürt. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler spricht von einer "politischen Horizontverengung". Gerade die großen Parteien werden sich immer ähnlicher - und stärken so die Radikalen, deren Narrativ ja heißt: David gegen Goliath, wir gegen "das System". Dieses "System" wird von Parteien dominiert, die freiwillig auf ihre Unterscheidbarkeit verzichtet haben. In Sachsen-Anhalt ist inzwischen schon eine Koalition aus Grünen, CDU und SPD notwendig, um die rechtspopulistische AfD von der Regierung fernzuhalten.

Politische Polarisierung ist das beste Mittel gegen politische Radikalisierung. Darum muss die SPD endlich gemeinsam mit Grünen und Linkspartei eine linke Alternative für Deutschland (sic!) anbieten. Und darum würde die CDU dem Land - und sich selbst - einen Gefallen tun, wenn sie sich wieder zu ihren konservativen Wurzeln bekennt.

Franz Josef Strauß hätte das verstanden.

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insgesamt 202 Beiträge
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Seite 1
tmhamacher1 13.10.2016
1. Linke Mehrheit ....
Wie kläglich die Linken aufgestellt sind, hat sich gerade wieder gezeigt: Käßmann als Bundespräsidentin! Das ist, um es mit Heiner Geißler zu sagen, ein Anschlag auf unsere Verfassung. Es geht hier nicht um eine Streitkultur, es geht darum, dass linke Sektierer den Staat an sich reißen wollen, um Sozialexperimente durchzuführen wie mit Versuchskarnikeln. Zum Glück wollen die Menschen das noch nicht in Deutschland!
mfgkw 13.10.2016
2. das ich das nch erleben darf
Jakob Augstein kann FJS etwas gutes abgewinnen. (Ich trotzdem noch nicht, auch wenn ich es ein Stück weit nachvollziehen kann. Grund: FJS ist nicht angeeckt, weil er wirklich streitbar war, sondern weil er einfach zu egozentrisch war.)
eigene_meinung 13.10.2016
3.
Irgendwie hat Augstein ausnahmsweise recht - aber anders, als er denkt.
pacificwanderer 13.10.2016
4. oder
die Antwort auf links oder rechts heisst: Oder. Weder links noch rechts sondern eine vernuenftige Mitte welche sich an den Beduerfnissen der Menschen (des Volkes) und nicht an den Beduerfnissen der Investoren und Bankiers orientiert.
irobot 13.10.2016
5.
Ein Mann wie Strauß würde in der heutigen Medienlandschaft und Gesellschaft keine 3 Monate überleben. Genau so wenig wie ein Herr Wehner. Die Zeiten sind vorbei.
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