Deutschlandkarte An diesen Orten trifft sich die Rechtsrock-Szene

Die Zahl rechtsextremer Konzerte hat zugenommen - und ist so hoch wie seit 2005 nicht mehr. Das zeigt eine SPIEGEL-Auswertung. Die Szene bevorzugt den Osten.
Rechtsextreme bei Neonazi-Konzert

Rechtsextreme bei Neonazi-Konzert

Foto: imago/Michael Trammer

Am Geburtstag Adolf Hitlers soll den Besuchern des rechtsextremen Festivals im sächsischen Ostritz braune Vielfalt geboten werden: Glatzköpfige Kickboxer steigen in den Ring, Tätowierer bieten ihre Künste an, begleitet von politischer Agitation einiger NPD-Größen wie Thorsten Heise und Udo Voigt. Mit 750 Besuchern rechnen die Organisatoren der zweitägigen Veranstaltung "Schild und Schwert" rund um den 20. April. Es könnte eines der größten Events der rechten Szene in diesem Jahr werden. Untermalt wird das Treffen mit dem Kitt der Szene: Rechtsrock.

In dem 2500-Einwohner-Ort im Südosten Sachsens geht die Angst um: Die Bewohner fürchten, dass die Besucherzahlen höher ausfallen könnten. So wie im thüringischen Ort Themar. Dort schlugen im Juli 2017 plötzlich mehr als 6000 Neonazis bei einem Rechtsrockfestival auf.

In Deutschland ist derzeit ein erschreckender Trend zu beobachten: Die Zahl von Neonazi-Musikveranstaltungen hat im vergangenen Jahr stark zugenommen.

Das geht aus Antworten des Bundesinnenministeriums (BMI) auf Anfragen der Linksfraktion hervor, die der SPIEGEL ausgewertet hat. Demnach fanden im vergangenen Jahr 289 Konzerte, Liederabende und andere Veranstaltungen mit Musikbeiträgen statt. Die Zahl ist damit so hoch wie seit 2005 nicht mehr - im Vergleich zum Vorjahr wuchs die Zahl um 30 Prozent. 2016 waren es noch 223 Veranstaltungen.

Hochburgen: Thüringen und Sachsen

Die mit Abstand meisten rechtsextremen Musikveranstaltungen im Jahr 2017 gab es laut BMI in Thüringen (40) und Sachsen (37).

Es folgen Nordrhein-Westfalen (13), Niedersachsen (zehn), Baden-Württemberg (acht), Bayern und Brandenburg (jeweils sieben), Rheinland-Pfalz (vier), Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland (jeweils drei), Berlin und Sachsen-Anhalt (jeweils zwei), sowie Schleswig-Holstein (eine). Für Hamburg und Bremen führte das Ministerium keine Veranstaltungen auf.

Video: Neonazi-Konzerthochburg Themar - Rechtsrock spaltet die Stadt

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Eine Mischung aus Alkohol und Aggression

Die Hälfte der 289 bundesweiten Rechtsrock-Veranstaltungen lässt sich den Bundesländern allerdings nicht zuordnen. Das Ministerium macht dazu keine Angaben, sondern gibt nur Infos über Musik-Treffen weiter, die von der Szene öffentlich angekündigt wurden - und nicht beispielsweise von V-Männern stammen.

Bei seiner Auswertung beruft sich die Behörde zudem auf vorläufige Zahlen, die von den Landesämtern für Verfassungsschutz zugeliefert wurden. Veränderungen sind also noch möglich.

Rechte Livemusik schweißt die Neonazi-Szene zusammen. Bei Konzerten und Liederabenden werden Verbindungen geknüpft, neue Anhänger rekrutiert und Einnahmen generiert - die Rechtsextremen sind knapp bei Kasse, insbesondere seit die NPD aus den Landesparlamenten flog und zusehends an Mitgliedern verliert.

Für Neonazis sei die Musik eine politische Meinungsform, die ihnen näher sei, als die "normale" Politik. Hier "vermischen sich Alkohol, Aggression und Kultur - und das ist ausdrücklich erwünscht", sagt Rechtsrock-Experte Jan Raabe. Der Diplom-Sozialpädagoge hat mehrere Bücher über das Thema veröffentlicht.

Mit Konzerteinnahmen werden dann auch schon mal Prozesskosten beglichen - so wie für den im Münchener NSU-Prozess mitangeklagten Ralf Wohlleben, für den die Szene eigene Solidaritätskonzerte veranstaltete.

Der SPIEGEL hat sich zudem die Daten der vergangenen vier Jahre genauer angeschaut und die Hochburgen in Deutschland identifiziert.

Die Auswertung zeigt: Auch in der längeren Betrachtung sind die Rechtsrock-Hotspots besonders in Thüringen und Sachsen zu finden. Dazu zählt etwa die Stadt Eisenach und Orte wie Kirchheim sowie Kloster Veßra.

Neonazis und mutmaßliche Sympathisanten besitzen dort Immobilien und vermieten sie an Kameraden - einige von ihnen treten auch gleich selbst als Organisatoren auf. So wie Tommy Frenck im Ort Kloster Veßra.

In Sachsen etwa bietet sich ein ähnliches Bild: Der Ortsteil Staupitz der Stadt Torgau gilt seit Jahren als Zentrum der Rechtsrock-Szene. Im Westen der Republik finden sich aber ebenfalls kleinere Hotspots.

Darauf weist auch Raabe hin und nennt Städte wie Hamm und Dortmund. Allerdings sei die Verankerung solcher Veranstaltungen im Osten seit Jahren tiefer. "Großveranstaltungen wie in Themar würden in Nordrhein-Westfalen nicht funktionieren", sagt Raabe.

In Thüringen und Sachsen herrschten häufig für derartige Veranstaltungen günstige Rahmenbedingungen: Laut Raabe findet man dort nahe rechten Musikzentren meist eine starke rechte Szene, die im ländlichen Raums selten auf den Widerstand von Bürgerinitiativen stößt. Zudem seien Thüringen und Sachsen in der Vergangenheit nicht hart gegen solche Veranstaltungen vorgegangen.

Inwiefern die Zahlen der Landesämter für Verfassungsschutz die Realität widerspiegeln, darüber gehen die Meinungen auseinander. Denn meist decken diese sich nicht mit den Beobachtungen von regionalen Initiativen, die die Neonazis in den Blick genommen haben. So zählte die "Mobile Beratung in Thüringen" (Mobit) mehr Konzerte und Liederabende als der Thüringer Verfassungsschutz: Sie kommen auf 59 Veranstaltungen. Die Schlussfolgerung ist am Ende jedoch dieselbe: Thüringen liegt beim Rechtsrock bundesweit weit vorn.

Doch wie ist der starke Anstieg nun zu erklären?

Einen Grund sieht das Bundesamt für Verfassungsschutz in einem überproportional starken Anstieg von Liederabenden mit etwa 60 Besuchern. Die seien einfacher zu organisieren als "klassische" Konzerte. Gab es 2016 bundesweit noch 71 Liederabende, waren es 2017 schon 105 - das bedeutet einen Zuwachs von 48 Prozent und ist damit der höchste Wert seit mindestens 20 Jahren.

"Szene wird mutiger"

Der Verfassungsschutz stellt auch eine Veränderung bei der Organisation fest: Früher seien diese Events zu großen Teilen von der NPD oder den Jungen Nationaldemokraten ausgerichtet worden. Nun seien neue rechtsextremistische Kleinstparteien wie "Die Rechte" und "Der Dritte Weg" hinzugekommen.

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Rechtsrock in Thüringen: Tausende Neonazis, Dutzende Gegner

Foto: Bodo Schackow/ dpa

Rechtsrock-Experte Jan Raabe nennt weitere Gründe: So gebe es mehrere etablierte Orte in der Hand von Rechten, an denen eine Vielzahl der Veranstaltungen stattfinde - etwa in Themar, Kirchheim oder Torgau. Zudem könne sich die Szene auf eine gewisse Rechtssicherheit verlassen, etwa wenn sie ein Event mit Musik als politische Veranstaltung anmelde. Dadurch sinke die Gefahr, dass die Polizei das Treffen auflöst. "Die Szene wird mutiger", stellt Raabe fest.

Von einem Wachstum der Szene will er aber nicht sprechen, er sieht eher eine Verstetigung. "Schauen Sie sich die Bilder von den Konzerten an, da sind viele Personen im Alter von 30 bis 50 Jahren zu sehen." Früher seien die Anhänger mit steigendem Alter irgendwann ausgestiegen, nun blieben sie im Neonazi-Spektrum. Das sei durchaus gefährlich. Denn die Älteren verfügten eher über Geld und Einfluss.

Ulla Jelpke

Ulla Jelpke

Foto: Bernd von Jutrczenka/ picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa

Als "musikalische Anleitungen zu Mord und Todschlag" bezeichnet die Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke solche Events. Sie hat die Daten bei der Bundesregierung abgefragt. Wenn es an rechtlichen Möglichkeiten fehle, diese zu unterbinden, müssten sich Bund und Länder dazu verständigen.

Sie gehe jedoch davon aus, "dass mit besserer Abstimmung und konsequenter Anwendung bestehender Möglichkeiten dieses Treiben der rechten Szene eingeschränkt werden kann."

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