Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Welches Volk?

Nicht nur rechte Extremisten verachten den Verfassungsstaat - immer mehr Bürger schließen sich an. Sie denken wie im Deutschen Reich: völkisch. Doch das Volk, das sie beschwören, gibt es gar nicht.

Die Flüchtlingskrise wird zur Krise der deutschen Gesellschaft. Sie legt frei, was am Boden der deutschen Seele immer noch schlummert. Rechts der Mitte gab es immer zwei Lager - Konservative und wirklich Rechte. Die Grenze löst sich auf. Das Völkische wird zum verbindenden Element. Das ist nicht nur eine Beobachtung aus dem Feuilleton. Es ist die Einschätzung von Verfassungsschützern. Einer aus Sachsen-Anhalt sagt, es sei erschreckend, dass "das Bürgertum überhaupt nicht mehr differenziert."

Auf Twitter kann man gerade das Bild eines kleinen blonden Kindes sehen, umgeben von schwarzhaarigen, orientalisch gekleideten Menschen, darunter die Frage: "Woher kommst Du denn?" Darüber die Zeile: "Deutschland 2030". Erika Steinbach hat das in die Welt geschickt. Sie ist Mitglied im Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe und offenbar Rassistin. Aber sie ist nicht allein.

Die Angst vor der "Umvolkung" - so nannten die Nazis einst das, was sie mit den Slawen vorhatten - breitet sich im deutschen Bürgertum aus. Auf der Netzseite des Monatsmagazins "Cicero" fragt der Autor Alexander Kissler: "Sind wir Zeuge einer demokratisch nicht gedeckten, fundamentalen Veränderung des Staatsvolkes?"

Kissler zitiert einen Staatsrechtler der Universität Freiburg, der von der "Umstrukturierung der Bevölkerung Deutschlands" spricht. Es werde gerade "aus der nach Sprache, Kultur und Geschichte deutschen Mehrheitsbevölkerung eine multikulturelle Gesellschaft ohne einheitliche Sprache und Tradition." Und Kissler raunt: Wenn Merkel an der Veränderung des Staatsvolkes arbeitet, "wer hätte das Recht und die Pflicht, ihr in die Speichen zu greifen?" Von da bis zum Ruf nach dem nationalen Widerstand ist es nicht mehr weit.

Demnächst feiern sie bei "Cicero" Hermann den Cherusker als Stammvater der Deutschen und Julfest statt Weihnachten. Man kennt solche Töne bislang nur vom äußersten rechten Rand, von Leuten wie Götz Kubitschek, Publizist und Pegida-Propagandist, der in seinem "Positionspapier Leipzig" tönt: "Wir stellen fest, dass Deutschland das Land der Deutschen ist und dass dies so bleiben soll." Oder von Björn Höcke, dem wirren AfD-Hetzer: "Erfurt ist schön deutsch, und schön deutsch soll Erfurt bleiben." Man kannte solche Töne bislang nicht aus der Mitte des Bürgertums.

"Cicero"-Chefredakteur Christoph Schwennicke war immerhin mal bei der "Süddeutschen Zeitung" und beim SPIEGEL. Jetzt vertreibt er völkische Propaganda.

Die Radikalisierung des Bürgertums

Das ist die Radikalisierung des Bürgertums. Die Rechten wollen die "kulturelle Hegemonie" erobern - sinnvollerweise geht das Konzept auf den Marxisten Antonio Gramsci zurück. Das ist eine konservative Revolution. Bislang wehte der Geist links. Rechts und intellektuell, das passt schlecht zusammen. Bei den Rechten werden Bücher eher verbrannt als gelesen. Wer als Intellektueller zum rechten Publikum spricht, endet im Selbsthass oder im Zynismus.

Mit den Fakten haben es die Rechten nicht so. Aber das Volk, um das sie sich sorgen, das gibt es gar nicht. Der Soziologe Hans-Georg Soeffner hat neulich in der "FAZ" noch mal erklärt, dass der "Wir sind das Volk"-Ruf ins Mythisch-Leere geht: "Seit 1945 führten Flüchtlingsbewegungen, Aus- und Rückwanderung, Armuts- und Arbeitsmigration, politische Asylsuche und gezielte Anwerbung von Fachkräften dazu, dass sich, bezogen auf die jüngsten vier Generationen, fast in jeder dritten deutschen Familie Zuwanderer finden. Heute ist jeder achte Einwohner Deutschlands im Ausland geboren und innerhalb der vergangenen 60 Jahre als Einwanderer nach Deutschland gekommen. Schon 2013 lebten 10,7 Millionen Einwanderer aus 194 Ländern in Deutschland."

Deutschland ist eine Verfassungsnation. Auf dem Grundgesetz gründet der deutsche Patriotismus nach dem Krieg. Und diesem Staat ist auch die DDR beigetreten. Wir leben im Staat des Grundgesetzes, nicht im Deutschen Reich. Unsere Kultur und unsere Werte sind von solcher Art, dass man ihnen beitreten kann. Es ist eine Bekenntniskultur, keine Abstammungskultur.

Und es gibt keine geheimnisvolle Substanz, die nur von Deutschen an Deutsche weitergegeben wird und die man nur durch Geburt erlangt, und danach nicht mehr.

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Foto: SPIEGEL ONLINE