Rechtsterrorismus Mitgründer der "Feuerkrieg Division" gefasst

Die rechtsterroristische "Feuerkrieg Division" geriet zuletzt auch in den Fokus deutscher Ermittler. Nun hat die Polizei in Estland einen 13-Jährigen identifiziert, der als Kopf der Vereinigung gilt.
Selbstporträt des 13-jährigen "Commander" aus Estland

Selbstporträt des 13-jährigen "Commander" aus Estland

Foto: DER SPIEGEL

Die Polizei in Estland hat laut einem Bericht der Zeitung "Eesti Ekspress" einen 13-Jährigen aus dem Verkehr gezogen, der im Internet unter dem Namen "Commander" als Anführer der "Feuerkrieg Division" (FKD) aufgetreten ist. Die rechtsterroristische Organisation FKD ist weltweit aktiv und verfügte bis vor Kurzem über rund 70 Mitglieder in 15 Ländern - darunter auch Deutschland.

Der selbst ernannte "Commander" war für die Rekrutierung und die Entscheidung über die Aufnahme neuer Mitglieder zuständig. In internen Chats, die dem SPIEGEL vorliegen, schrieb er einmal: "Mich pisst an, dass sich tatsächlich so viele Idioten bei uns melden anstatt Menschen von Qualität." Er teilte Bombenbauanleitungen, wünschte sich einen Anschlag in London und schlug vor, zum "100. Geburtstag" der NSDAP im Februar militärische Trainingscamps zu organisieren.

Da der Schüler jünger als 14 Jahre ist, kann er in Estland strafrechtlich noch nicht verfolgt werden. "In diesen Fällen müssen andere rechtliche Maßnahmen greifen, um das Kind vor sich selbst und andere vor einer vermuteten Gefahr zu schützen", sagte ein Sprecher der estnischen Polizei auf SPIEGEL-Anfrage. Die Behörden hätten "Commander" bereits im Januar einen Besuch abgestattet. In Haft sei er aufgrund seines Alters aber nicht.

Die von "Commander" im Oktober 2018 mitgegründete "Feuerkrieg Division" verbreitete ihre Propaganda in Form von Videos, Bildern und Schriften über soziale Netzwerke und den russischen Messengerdienst Telegram.

Die Gruppe betrachtet rechte Terroristen als "Heilige" und ruft ihre Mitglieder dazu auf, ihnen zu folgen. Noch im Oktober schrieb die Organisation: "Wir haben keine Angst vorm Tod und wir töten jeden, der sich uns in den Weg stellt."

Zuletzt verkündete die Organisation am 8. Februar ihre Auflösung. In internen Chats hieß es jedoch, dass die Erklärung nur für die Öffentlichkeit gedacht sei und es unter einem neuen Namen weitergehen werde.

Neue Details zu deutschem Anführer

In Deutschland soll die Gruppe nach SPIEGEL-Informationen über sechs Mitglieder verfügen . In ihren internen Chatgruppen nennen sie sich: "Heydrich", "Teuton", "Dekkit", "Napola88", "Wolfskampf" und "Jus-ad-bellum". Ihr Kopf mit dem Kampfnamen "Heydrich" wurde im Februar in Bayern verhaftet. Fabian D., der die deutsche Terrorabwehr Anfang des Jahres auf den Plan rief, lebte noch im Keller seines Elternhauses in einem kleinen Dorf in der Oberpfalz.

Unter seinem Pseudonym "Heydrich" soll sich der 22-jährige nach SPIEGEL-Informationen seit Mitte des vergangenen Jahres zum Wortführer der deutschen Zelle der FKD entwickelt haben. Auf Fotos posiert er maskiert mit einem selbst gebauten Gewehr und einer Ausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf".

Vor zwei Monaten wurden Fabian D. seine Äußerungen in den geheimen FKD-Chats zum Verhängnis. Er wolle "zum Heiligen werden", schrieb er, und fragte seine Kameraden noch nach einem "geeigneten Ort" dafür. Einen Vorschlag lieferte er gleich mit: "Ein Haus des Glaubens schlechter Menschen" wäre eine gute Wahl - wohl eine Umschreibung einer Moschee als möglichem Anschlagsziel.

Ein anderes FKD-Mitglied erwähnte daraufhin die tödlichen Folgen, die Chloringas in geschlossenen Räumen haben kann. "Heydrich" hielt das für keine gute Idee. "Ich würde lieber Werkzeuge benutzen, um es nah und persönlich zu machen", schwadronierte der junge Mann.

Seine Androhung im virtuellen Raum hatte kurz darauf reale Konsequenzen - denn sie erreichte nicht nur seine FKD-Mitstreiter. Wenige Tage nach seinen Äußerungen klingelten Beamte der Kripo Regensburg an seinem Elternhaus. Bei einer anschließenden Hausdurchsuchung fanden die Beamten mehrere Waffen, die Generalstaatsanwaltschaft München leitete ein Verfahren gegen D. ein wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Den bisherigen Ermittlungen zufolge scheint Fabian D. der Prototyp eines neuen Typus potenzieller, netzaffiner Rechtsterroristen zu sein, die Sicherheitsbehörden lange unterschätzt hatten. Wie der Rechtsterrorist von Halle war auch "Heydrich" vor seiner Aktivität bei der FKD nicht auffällig. Verbindungen zur regionalen Neonazi-Szene hat er nach SPIEGEL-Informationen keine.

Vielmehr radikalisierte sich D. offenbar im Internet und in rechten Chat-Gruppen. Bekannte beschreiben ihn als jungen Mann mit wenigen sozialen Kontakten und labiler Psyche, der bis zu seiner Festnahme als Elektriker im Schichtdienst in einem mittelständischen Betrieb arbeitete. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen sei er ein "Waffennarr" und "Sicherheitsfanatiker", der sich kürzlich erst für einen Job im IT-Bereich der Bundeswehr beworben hatte. Zu einem Vorstellungsgespräch kam es allerdings nicht mehr - Fabian D. wurde vorher verhaftet.

Auch in anderen Ländern gerieten Mitglieder der "Feuerkrieg Division" ins Visier der Behörden. Ein 24-jähriges FKD-Mitglied aus dem US-Bundesstaat Nevada gestand im Februar, Anschläge auf eine Synagoge und einen LGBTQ-Klub geplant zu haben. Bereits einige Monate zuvor nahmen Behörden in Kansas einen Soldaten fest, der Anleitungen zum Bombenbau verbreitete und in Chatgruppen über mögliche Ziele für Terroranschläge sprach. In Großbritannien fanden Ermittler bei einem 16-jährigen FKD-Mitglied Anleitungen für den Bau von Waffen und Bomben auf dem Computer.

"Die Täter in der rechtsterroristischen Szene werden immer jünger und immer radikaler", sagt der Oberpfälzer SPD-Bundestagsabgeordnete Uli Grötsch. Der Innenexperte verweist dabei auf die Bedeutung politischer Bildung an Schulen. "Dort können wir das Übel an den Wurzeln bekämpfen, wir brauchen dringend mehr Vermittlung demokratischer Werte im Unterricht."

Laut dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Konstantin von Notz, hat die Organisation und Vernetzung von militanten Rechtsextremen, Rassisten und Antisemiten massiv zugenommen. "Das ist auch eine Auswirkung der völligen Sprachverrohung und Trivialisierung politischer Kontexte durch Rechtspopulisten." In Anbetracht der internationalen Dimension dieser Gefahr für die innere Sicherheit in Deutschland, sollten die Sicherheitsbehörden das Problem ernster nehmen und diesen Umtrieben entschieden nachgehen, fordert von Notz.