Regierungschef Böhrnsen "Wer 13 Punkte vorne liegt, hat gewonnen"

Jens Böhrnsen bleibt der starke Mann in Bremen. Zwar musste seine SPD Verluste hinnehmen, aber der Bürgermeister zeigte sich am Abend selbstbewusst. Denn er kann sich seinen künftigen Regierungspartner dennoch aussuchen.

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Bremen - Der 5. März war der Tag, der das Leben von Jens Böhrnsen auf einen Schlag auf den Kopf stellte. Denn an diesem Montag machte sich seine Frau Luise Morgenthal wie gewohnt in die Justizvollzugsanstalt im Bremer Stadtteil Oslebshausen auf, wo sie als Leiterin des Frauenvollzugs arbeitete.

Böhrnsen im Wahlkampf: Lächeln trotz der Trauer
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Böhrnsen im Wahlkampf: Lächeln trotz der Trauer

In seinem Büro bekam der Bürgermeister dann einen Anruf aus dem Gefängnis: Seine Frau sei gerade zusammengebrochen und der Notarzt gerufen worden. Böhrnsen machte sich umgehend auf. Was zunächst wie ein Schwächeanfall aussah, stellte sich dann als Hirnblutung heraus. Im Krankenhaus rangen die Ärzte vergeblich um das Leben von Bremens First Lady. Sie starb zwei Tage später.

Böhrnsen, 57, befand sich da bereits mitten im Wahlkampf. Eine Woche lang betrat er sein Rathausbüro nicht. Dann arbeitete er weiter und stellte sich trotz seiner Trauer auch dem gnadenlosen Terminstress der Vorwahlzeit. "Meine Frau hätte mir auch den Rat gegeben: Mach weiter", erklärte Böhrnsen SPIEGEL ONLINE damals. Er sagte, "das Sterben und der Tod gehören zum Leben dazu". Ans Aufgeben habe er nie gedacht, sagte der Vater von zwei erwachsenen Kindern.

Die Anteilnahme aus der Bevölkerung sei enorm gewesen, berichtete Böhrnsen. Auch das mag ein Zeichen dafür sein, dass es der frühere SPD-Fraktionschef, der damals als sachlich und ruhig agierender Parteisoldat galt, es geschafft hat, bei der Bremer Bevölkerung aus den buchstäblich überlangen Schatten seines beliebten Vorgängers zu treten. Zwei-Meter-Mann Henning Scherf war durch seine Volksnähe zu einem der beliebtesten Bürgermeister in der Geschichte Bremens überhaupt geworden.

Böhrnsen suchte immer wieder den Kontakt zur Bevölkerung. Zwar radelte er nicht wie Scherf leutselig und immer gesprächsbereit durch die Innenstadt, aber er tingelte von Termin zu Termin, von Verein zu Verein, um sich den Bremern bekanntzumachen. Einen "kompetenten, verbindlichen und sympathischen Eindruck" habe Böhrnsen bei dem Marathonprogramm gemacht, bescheinigt ihm der Bremer Politologe Lothar Probst. Böhrnsen gilt auch als nicht so aktenscheu wie Scherf.

Haushoher Sieg über "Werder-Willi"

Böhrnsen hatte die Nachfolge Scherfs recht überraschend übernommen. Im Herbst 2005 kündigte Scherf seinen Rücktritt an. Für seine Nachfolge gab es zwei Interessenten: Den Bildungssenator Willi Lemke und Böhrnsen. Als beide sich einer Ur-Wahl der Bremer SPD-Basis stellten, wurde deutlich, welche Hausmacht hinter Böhrnsen stand. Lemke, als früherer Manager des Fußballclubs Werder Bremen bundesweit bekannt, hatte keine Chance. Böhrnsen siegte haushoch.

Denn Böhrnsen ist bei den Genossen sehr beliebt und hat auch den Stallgeruch eines echten "Roten". Schon die Eltern waren Mitglied in der SPD. Sein Vater, Gustav Böhrnsen, hatte sich im Widerstand gegen die Nazis engagiert und war später Betriebsratsvorsitzender der Großwerft AG Weser. Er war wie sein Sohn auch einmal Fraktionschef der Sozialdemokraten im Bremer Rathaus.

Seit November 2005 ist Böhrnsen, der Mann aus dem Arbeiterviertel Gröpelingen, nun Chef im kleinsten deutschen Bundesland. Von Scherf erbte er nicht nur die enorme Schuldenlast des Doppel-Städtestaats, sondern auch die Große Koalition. Schon vor seinem Amtsantritt hatte er 2004 mit einem Papier für Aufsehen gesorgt, das zeigte, wie wenig er eigentlich von einem solchen Regierungsbündnis hält. Die Große Koalition bezeichnete er da als "Ausnahmefall der Demokratie" und warf ihr "Lethargie und Stillstand" vor. Der Bündnispartner war darüber gar nicht amüsiert.

Unter Böhrnsen nahm der überaus freundschaftliche Kontakt zu den Christdemokraten ein Ende. Mit dem Kuschelkurs war es vorbei. Böhrnsen scheute sich nicht, die Differenzen mit der Union öffentlich auszutragen. Aber ein vorzeitiges Ende des Bündnisses musste die CDU nicht befürchten. Für den Bürgermeister kam ein Vertragsbruch nie in Frage.

Trotz der Stimmenverluste gab sich Böhrnsen am Wahlabend als Gewinner: "Wer 13 Punkte vor den anderen liegt, ist der Sieger", sagt er. Für die Koalitionsgespräche will er er sich Zeit lassen. Jetzt werden die Karten an der Weser neu gemischt.



insgesamt 121 Beiträge
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Noodles, 03.05.2007
1. Rot Grün oder schwarz gelb
wo ist der Unterschied. Es ist im Grunde egal, wer als Bürgermeister von Bremen im Grunde nix zu sagen hat.
n.p.berlin 03.05.2007
2.
Endlich mal ein Knaller- Thema! (Gähn... .)
mark anton, 03.05.2007
3. Es koennte auf Rot/Gruen hinauslaufen
Deutschlands Waehler haben die Tradition, dass sie, sobald es wirtschaftlich etwas besser geht - Dank der Regierungsarbeit der buergerlichen Parteien - Rot gewaehlt wird, die in alter Tradition Gelder in Projekte vergeuden, die angeblich als "sozial" hochstilissiert werden, in Wirktlichkeit zum Niedergang Deutschlands beitragen, der leider ungebremst auf allen Gebieten (Ausnahme Exportwirtschaft) stattfindet. Dabei sind die schlechten Vorbilder, bei denen die Moral auf der Strecke bleibt, nur ein Anzeichen von vielen.
unimike88 03.05.2007
4. Wohin steuert die Hansestadt
Hallo! Ich denke die SPD wird die Wahl klar und deutlich gewinnen (40 Prozent bis 43 Prozent). Und es werden neben der CDU und den Grünen, auch FDP, Linkspartei und DVU vertreten sein. Die SPD kann es sich in Bremen leisten den Partner für eine zukünftige Regierung auszusuchen. Meiner Meinung nach wird es diesmal nicht die CDU sein; entweder die Grünen (was wahrscheinlicher ist) oder die FDP (wenn sie mehr als 5 Prozent der Stimmen erzielt; 6-7 Prozent). Außerdem glaube ich dass die Christdemokraten bei einem ganz schlechtem Ergebnis (22-25 Prozent) in die Opposition freiwillig gehen werden, um sich so zu erhohlen und dann wieder bei nächsten Wahl anzugreifen.
zaphod1965 04.05.2007
5. Völlig egal
Wer die Wahl in Bremen gewinnt, ist völlig egal. Die große Koalition hat das Land so nachhaltig ruiniert, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann Bremen in einem Nordstaat aufgehen wird (nicht mal die SPD-Alleinregierung und Rot-Grün haben dass vergleichbar gründlich hinbekommen). Ich bin ja zum Glück noch rechtzeitig vor der Wahl nach Bayern ausgewandert. Aus der Ferne ärgert einen das Gemurkse in der Bremer Politik nicht mehr so stark. Und das Wetter ist auch viel besser hier. :-)
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