Regierungskoalition Röslers gefährliche Krisen-Rhetorik

Die FDP liegt vor der Berlin-Wahl am Boden. Nun geht Parteichef Rösler mit scharfen Tönen gegen Euro-Bonds und das griechische Krisenmanagement auf Stimmenfang. Doch sein Kurs könnte die Lage der Liberalen nur noch schlimmer machen. 
Koalitionspartner Merkel, Rösler: Warnschuss für den Vize

Koalitionspartner Merkel, Rösler: Warnschuss für den Vize

Foto: THOMAS PETER/ REUTERS

Berlin - Der Wahlkampfslogan, der in diesen Tagen auf den Straßen Berlins zu lesen ist, kommt knackig daher. "Wollen Sie die Zeche für die Schulden anderer zahlen? Nur eine starke FDP verhindert Euro-Bonds", lautet die Botschaft auf den neuen Wahlplakaten der Liberalen in der Hauptstadt. Der Spruch soll vor allem die unentschlossenen Wähler mobilisieren. Frei nach dem Motto: Nur die FDP passt auf's deutsche Geld auf.

Am Sonntag wird die FDP wissen, ob die Botschaft angekommen ist. Dann steht fest, ob die Partei im Abgeordnetenhaus bleibt oder rausfliegt. Scheitern die Liberalen, wäre es für Philipp Rösler die dritte Schlappe innerhalb von nur 14 Tagen: In Mecklenburg-Vorpommern landete seine Partei deutlich unter fünf Prozent, in Niedersachsen bei den Kommunalwahlen ebenso.

Die plakative Attacke gegen die Euro-Bonds in Berlin passt zum derzeitigen Kurs der FDP. Rösler und Co. wollen mit einer Art Anti-Europa-Wahlkampf-light die Stimmung bei den Wählern drehen. Schon in Mecklenburg-Vorpommern hatte die FDP Plakate gegen die Euro-Bonds geklebt. Die Methode erinnert an den Stil des Ex-Parteichefs Guido Westerwelle: Her mit einer einfachen Botschaft, Hauptsache es bringt Stimmen.

Der Euro-Skeptiker-Kurs ist deshalb so verwirrend, weil eigentlich die Jungen um Rösler mit der Westerwelle-Tradition brechen wollten. Nun ist die Not offenbar so groß, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Der 38 Jahre alte Parteichef spielt dabei ein gefährliches Spiel. Es ist völlig offen, ob es zum Erfolg führt - oder den Absturz der Partei nur weiter befördert. Dabei ist Rösler alles andere als ein Anti-Europapopulist - er selbst sieht sich an der Spitze der Partei als Garant dafür, dass die FDP auf europafreundlichem Kurs bleibt.

Immerhin: Der Spitzenkandidat der Berliner FDP, Christoph Meyer, dankt der Bundespartei schon einmal für ihren Euro-Kurs. Er freue sich, dass die Spitze zur Verschuldungskrise "eine sehr deutliche Sprache gefunden hat". Man spüre in "bürgerlichen Hochburgen" einen "gewissen Umschwung." Und: "Diese Stimmung versuchen wir aufzunehmen", erzählt der 36-Jährige. Er rechnet vor - Euro-Bonds würden die Zinslast des Berliner Landeshaushalts um eine weitere Milliarde belasten.

Röslers gewagter Aufsatz

Wie riskant Rösler Kurs jedoch ist, zeigt sich an seinem umstrittenen Artikel in der "Welt". Darin hatte er Anfang der Woche eine geordnete Insolvenz Griechenlands ins Spiel gebracht und sich in diesem Zusammenhang "kurzfristig" gegen Denkverbote ausgesprochen. Das sollte Entschlossenheit demonstrieren - und sorgte sofort für zusätzliche Verunsicherung über die Zukunft des Euro. An den Börsen gingen die Kurse prompt auf Talfahrt, in der CDU zeigte man sich sich entsetzt.

Die Kanzlerin schickte zunächst mit Generalsekretär Hermann Gröhe und Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier zwei CDU-Vertraute vor, dann trat sie selbst auf die Notbremse. Angela Merkel machte am Dienstag im RBB-Inforadio noch einmal deutlich, wo sie in der Euro-Krise steht - zumindest nicht bei jenen, die wie ihr Vizekanzler weitere Aufregung in einer ohnehin unruhigen Lage auslösen: Es gehe um die Zukunft Europas, also um sehr viel, sagte sie. "Und deshalb sollte jeder auch seine Worte sehr vorsichtig abwägen. Was wir nicht brauchen können, ist Unruhe auf den Finanzmärkten. Die Unsicherheiten sind schon groß genug." Wirtschafts- und Finanzpolitik sei zur Hälfte immer auch Psychologie, mahnte die Kanzlerin.

Das ist ein Warnschuss in Richtung Rösler.

Doch in der FDP gibt es durchaus Stimmen, die Röslers offene Worte teilen. Bremens FDP-Landesvorstand fasst einen Beschluss, der in eine ähnliche Richtung geht. "Wenn Griechenland die Bedingungen für die Auszahlung weiterer Hilfen nicht erfüllt, ist eine Umschuldung und ein Austritt aus der Eurozone zu erwägen", erklärte Bremens Liberalen-Chef Hauke Hilz. Daraus könnten sich nicht nur für die Währungsunion, sondern auch für Griechenland bessere Perspektiven ergeben.

Das Nein gegen Eurobonds ist für viele Liberale nicht nur eine Grundsatzfrage. Das Kalkül zielt offenkundig auf die Enttäuschten und Verunsicherten, die das Gefühl haben, Deutschland könnte in der Euro-Krise der große Verlierer sein. 76 Prozent der Bundesbürger sind, so eine ZDF-Umfrage, gegen die europäischen Staatsanleihen. Allein in Berlin sind unter den liberalen Anhängern noch 37 Prozent unentschlossen, ob sie erneut ihr Kreuz bei der FDP machen.

Brüderle: Wir sind solidarisch, aber nicht blöd

Doch so einfach funktioniert das womöglich nicht. Die scharfen Töne der Rösler-FDP passen vielleicht zu einer Oppositionspartei. Für eine Regierungspartei wird es jedoch schnell zum Problem, wenn der Eindruck entsteht, sie trage zur allgemeinen Verunsicherung bei. Von einer solchen Partei erwarten Wähler eher Verlässlichkeit. Und so ist der Kurs gegen die Euro-Bonds gewagt.

Hinzu kommt, dass die FDP gegen ein andauerndes Negativimage zu kämpfen hat. "Wir wissen gar nicht, welches Plakat uns überhaupt noch helfen soll", sagte am Dienstag ein FDP-Wahlkämpfer in der Hauptstadt. Innerlich haben sich viele Liberale schon mit einer Niederlage in Berlin abgefunden.

Röslers Insolvenzüberlegungen zu Griechenland lösten auch in der eigenen Partei ein zwiespältiges Echo aus. Außenamts-Staatsminister Werner Hoyer ging indirekt auf Distanz, Vizebundestagspräsident Hermann Otto Solms hingegen begrüßte sie. Es gehöre zu einer redlichen Diskussion, bereits jetzt an die Möglichkeit einer Insolvenz zu erinnern. Rösler selbst verteidigte in der "Rheinischen Post" seine Aussagen, beteuerte, es sei das Ziel, Athen in der Eurozone zu halten. "Immer mehr Menschen fragen sich, wie es in Europa weiter geht", sagte er. "Zurecht werden ehrliche Antworten verlangt, wie wir mit Staaten umgehen, die ihre Reformzusagen nicht einhalten." Die Wiederherstellung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Griechenlands sei unumgänglich. "Dabei darf es keine Denkverbote geben", betonte der FDP-Chef.

Offenkundig ist: Die Liberalen wollen ein wenig im eurokritischen Lager fischen, aber dabei seriös erscheinen. So verwahrt sich die Parteiführung gegen die Initiative der Euro-Kritiker um den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler, der einen Mitgliederentscheid gegen den permanenten Rettungsschirm ESM herbeiführen will. Die FDP, so beteuert der Rösler-Vertraute und Generalsekretär Christian Lindner, bleibe "proeuropäisch" und werde sich als "europarationale Partei nicht in Zweifel ziehen lassen". Damit will man sich von Schäffler und seinem Anhang abgrenzen.

Auffällig bleibt, wie sich der Tonfall bei den Liberalen gegenüber Griechenland verschärft hat. Dabei wird gern tief in die volkstümliche Wortschatzkiste gegriffen. FDP-Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle hatte sich schon vergangene Woche im Bundestag mit einer Schelte gegen Athen hervorgetan. Im SWR erklärte er nun: "Wir sind solidarisch, aber nicht blöd."

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