Regime-Kritik Sahra Wagenknecht distanziert sich von der DDR

Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht galt lange als vehemente Verteidigerin der DDR. Diese Einstellung hat sie nun in einem Interview mit der "taz" als Trotzreaktion auf die Stimmung im Westen beschrieben. Themen wie die Stasi habe sie einfach ausgeblendet.

Sahra Wagenknecht: Ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Plattform wird sie demnächst ruhen lassen
DDP

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Hamburg - Sie habe die DDR nie rosarot gesehen, sagt Sahra Wagenknecht, die im Juni für das Amt der stellvertretenden Parteivorsitzenden der Linken kandidiert. Anders als andere habe sie auch bereits zu DDR-Zeiten ihre Kritik geäußert, erklärte sie der "tageszeitung" vom Freitag. Dass sie direkt nach der Wende fast nur positiv über die DDR geredet hat, bezeichnet sie nun als "Trotzreaktion auf dieses gesellschaftliche Klima, in dem ein Schauermärchen über die DDR das nächste jagte"."

Sie habe die DDR gelobt, wie ihr das vor 1989 nie in den Sinn gekommen wäre. "Ich wollte einfach nichts gemein haben mit jenen, die pünktlich ab 1990 begannen, die DDR in schwärzesten Farben zu malen, während ihnen in der DDR kein kritisches Wort über die Lippen kam."

Ihr Bild von der DDR sei heute zwar nicht grundsätzlich anders als früher. "Ich habe Anfang der Neunziger einfach bestimmte Sachen weggelassen. Ich habe nie gesagt: Die Bespitzelung der Leute durch die Stasi war sinnvoll. Ich habe einfach nichts zur Stasi gesagt."

Ihre Überzeugungen hat Wagenknecht dem Interview zufolge nicht über Bord geworfen. Aber einiges hat sich in ihrem Blick wohl relativiert. "Na ja, wer sich in zwanzig Jahren überhaupt nicht verändert, ist wohl ziemlich borniert." Mit moderner Ökonomie etwa habe sie sich erst in den vergangenen zehn Jahren beschäftigt, und deshalb verstehe sie den Kapitalismus heute besser. "Aber die Grundüberzeugung, dass Kapitalismus Kriege produziert, Armut und soziale Kontraste, warum hätte ich die verändern sollen?"

Trotz ihres kritischen Blicks auf die DDR vor der Wende hat es sie nie in den Westen gezogen, sagte sie der "taz". "Ich habe mir die DDR anders gewünscht, nicht dass sie kaputtgeht." Die Bundesrepublik sei für sie nie eine Alternative gewesen. "Ich wollte nicht im Kapitalismus leben."

ler



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