Unterkunft für Flüchtlinge Reichertshofen trotzt den Attentätern

Schon wieder gab es einen Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft. Das oberbayerische Reichertshofen hat eine klare Antwort: Die Flüchtlinge kommen trotzdem.

Abgesperrt: Ein ehemaliger Gasthof in Winden am Aign nach einem Brand
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Abgesperrt: Ein ehemaliger Gasthof in Winden am Aign nach einem Brand

Von , München


Verletzt wurde niemand bei dem mutmaßlichen Brandanschlag auf ein künftiges Asylbewerberheim in Winden am Aign. Doch der politische Schaden in dem kleinen Ort in der oberbayerischen Gemeinde Reichertshofen ist enorm: Winden kommt nun wohl auch auf die unrühmliche Liste mit Orten, in denen es zu Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte kam. In den vergangenen Wochen und Monaten wurde sie immer länger: Escheburg, Meißen, Tröglitz, Vorra, Böhlen, Limburgerhof. Zuletzt hatte Bundespräsident Joachim Gauck die Attacken als "widerwärtig" und "unerträglich" bezeichnet.

Die Betroffenheit in Ort und Gemeinde ist groß. Bürgermeister Michael Franken (Junge Wähler Union) und Landrat Martin Wolf (CSU) verurteilten am Donnerstag die Tat, zu der inzwischen eine zehnköpfige Sonderkommission der Kriminalpolizei ermittelt. Es gebe Anhaltspunkte für eine vorsätzliche Brandlegung, so die Ermittler. Ein fremdenfeindlicher Hintergrund sei nicht auszuschließen.

Der Vorfall sorgt für weitere Unruhe in Winden, wo es mit der dörflichen Idylle schon lange vorbei ist. Seit Monaten geht es in dem Ort mit rund 830 Einwohnern fast nur noch um ein Thema: die geplante Unterkunft für Flüchtlinge in einem früheren Landgasthof.

Ursprünglich sollten dort nach dem Plan eines Investors rund 130 Asylbewerber untergebracht werden, was zu massiven Protesten geführt hatte. Damals wurde eine Onlinepetition gestartet, in der gegen die Zahl der Flüchtlinge für den Ort protestiert wurde: "Das lassen wir uns nicht gefallen!!!"

Windener Bürger stellten Plakate in ihre Vorgärten, auf denen sie schrieben, dass "30 bis 40 Asylbewerber reichen" würden. Im März zogen Demonstranten vor das Rathaus, um ihren Unmut zu äußern: "Macht unsere Heimat nicht zum Auffanglager", "15 Prozent Asylbewerber auf 827 Einwohner sind definitiv zu viel".

"Wir müssen Farbe zeigen"

Nach kontroversen Debatten und langwierigen Verhandlungen stand am Ende ein Kompromiss: 67 Asylbewerber sollen ab dem 1. September in dem Gasthof unterkommen. An diesem Vorhaben ändert sich auch nach dem Brandanschlag nichts Grundlegendes, das machten politische Vertreter am Donnerstag deutlich: "Das soll ein Signal an die Täter sein", sagte Landrat Wolf. Der Reichertshofener Bürgermeister Franken sagte, er erhoffe sich, "dass ein Ruck durch den Ort geht nach dem Motto: Jetzt erst recht". Es sei ein erfreuliches Zeichen, dass sich in Winden zuletzt bereits 28 Bürger gemeldet hätten, um an einem Helferkreis mitzuwirken, der Asylbewerber im Ort unterstützen will. "Wir müssen Farbe zeigen", sagte Franken SPIEGEL ONLINE.

Bei dem Brand war ein Schaden in Höhe von rund 150.000 Euro entstanden. Das Hauptgebäude, das als Flüchtlingsunterkunft vorgesehen ist, wurde dabei allerdings nicht übermäßig in Mitleidenschaft gezogen.

Es gebe im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm eine "aktive Willkommenskultur", betonte Karl Huber, Sprecher des Landratsamts Pfaffenhofen, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Rund 900 Asylbewerber würden in 60 dezentralen Unterkünften betreut. Dieses Konzept habe sich bewährt, so Huber. Es sei aber immer schwieriger, kleine Unterkünfte zu finden - entsprechend müsse man auch auf größere Unterkünfte zurückgreifen, dazu zähle auch der frühere Gasthof in Winden.

Etliche Kommunen in Bayern haben angesichts der steigenden Zahl von Asylbewerbern inzwischen Probleme damit, Flüchtlinge angemessen unterzubringen. Der Freistaat nimmt nach Nordrhein-Westfalen gemäß dem Königsteiner Schlüssel die meisten Asylsuchenden auf. Zudem führen etwa Fluchtrouten von Italien und Ungarn über Österreich in den Freistaat, sodass dort viele Flüchtlinge landen.

Bayern will Druck im Bundesrat machen

Die Asylpolitik war an diesem Donnerstag auch Thema einer Aktuellen Stunde im bayerischen Landtag. Innenminister Joachim Herrmann machte dabei deutlich, dass es eine "humanitäre und verfassungsrechtliche Verpflichtung" gebe, verfolgte Menschen aufzunehmen und zu schützen. Es würden aber viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, die keinen Anspruch auf Asyl hätten.

Der CSU-Politiker verwies erneut auf die Linie der bayerischen Staatsregierung: Albanien, Kosovo und Montenegro müssten "unverzüglich als sichere Herkunftsländer anerkannt werden". Herrmann beklagte zudem, dass die Verfahrensdauer bei Asylanträgen auf Bundesebene nicht zufriedenstellend sei. "Wir werden diese Themen im Bundesrat weiter auf die Tagesordnung bringen, in jeder Sitzung wieder." Die Opposition warf der bayerischen Regierung Versagen in der Flüchtlingspolitik und Stimmungsmache gegen Asylbewerber vor.

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