Gerechtigkeitsdebatte Kardinal Marx fordert höhere Besteuerung von Vermögen und Kapital

In der Gerechtigkeitsdebatte bekommt SPD-Kanzlerkandidat Schulz Beistand von ungewohnter Seite. Im SPIEGEL sorgt sich Kardinal Marx: "Das Empfinden wächst, dass nicht alle die gleichen Chancen haben."
Kardinal Reinhard Marx

Kardinal Reinhard Marx

Foto: Matthias Balk/ dpa

Unter den katholischen Bischöfen ist er der prominenteste Vordenker in Sozialfragen. Nun hat Kardinal Reinhard Marx vor einem wachsenden Gerechtigkeitsproblem gewarnt. "In Deutschland herrscht großer Wohlstand, aber es geht nicht überall gerecht zu", sagte Marx im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Das Empfinden wächst, dass nicht alle die gleichen Chancen haben." (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

In der Debatte um den Zustand des Landes stellt sich Marx damit auf die Seite derer, die eine zunehmende Ungleichheit hierzulande beklagen. Vor allem SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat die soziale Gerechtigkeit zum Wahlkampfthema erklärt.

"Die Menschen sind verunsichert", sagte Marx. "Sie sorgen sich, ob sie auf Dauer einen Arbeitsplatz haben, von dem sie und ihre Angehörigen auskömmlich leben können und der ihnen später eine Altersversorgung oberhalb der Sozialhilfe sichert." Dass alle Menschen eine Chance haben sollten, für sich und ihre Familien zu sorgen und nicht von der sozialen Entwicklung abgekoppelt zu werden, sei schon immer eine Forderung der christlichen Kirchen gewesen. "Wenn diese Frage nun im Wahlkampf thematisiert wird: umso besser", sagte Marx.

Korrekturbedarf erkennt der Sozialethiker vor allem im Niedriglohnbereich: "Wer arbeitet, muss am Ende mehr haben als nur das Nötigste zum Überleben." Nur so könne man den Menschen Ängste nehmen: "Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass heute jeder vierte Beschäftigte im sogenannten Niedriglohnsektor arbeitet."

Marx plädiert für höhere Steuern auf große Vermögen

Außerdem sprach Marx sich für eine höhere Besteuerung von Vermögen aus. Wenn die Vermögensverteilung immer ungleicher werde, könne der Staat nicht so tun, als ob ihn das nichts anginge. "Im Sinne der Gerechtigkeit müssen Vermögen und Erbschaften, aber auch der Kapitalverkehr stärker besteuert werden."

Auch die Entlohnung von Managern habe sich zum Symbol dafür entwickelt, dass "etwas gehörig aus der Balance geraten" sei. "Wenn der Chef hundertmal so viel verdient wie ein Facharbeiter, kann das niemand mehr nachvollziehen", sagte Marx.

In der Rentenpolitik plädierte Marx für längere Lebensarbeitszeiten. "Wenn ein Mädchen, das heute geboren wird, im Schnitt 83 Jahre oder älter wird, dann muss man darüber nachdenken, ob es später nicht auch etwas länger beruflich aktiv bleiben kann." Das sei auch ein Beitrag zur Gerechtigkeit zwischen den Generationen.

klw