Nikolaus Blome

Reisechaos Schämen für Deutschland

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Wenn Staat und Markt gleichzeitig versagen, werden pünktliche Flüge und Züge so selten wie Bananen im Kommunismus. Doch es gäbe eine Lösung: die Dienstpflicht.
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Marius Becker / dpa

Flughäfen und Airlines kollabieren , beim Sicherheitscheck ziehen sie die weiße Fahne hoch und am Zielort streiken sie. Die Marktwirtschaft versagt: Nachfrage ja, Angebot nein, das gab es auf deutschem Boden zuletzt in der DDR. Pünktliche Flüge oder Züge sind wie eine Lotterie – das ist die eine, die schicksalsergebene Beschreibung. Sie sind wie Bückware oder Bananen im Kommunismus, das ist der systemische Befund, peinlicher wird's nicht mehr. Das ist nicht Deutschland. Zumindest nicht mein Deutschland. Wir müssen andere Saiten aufziehen.

Vielleicht war nicht voll absehbar, dass die Reisenachfrage nach zwei Jahren Coronaflaute auf einmal so massiv aufbrandet: Wenn alle Chinesen auf einen Stuhl steigen und im selben Moment wieder herunterspringen, schmiert selbst die Erde aus der Umlaufbahn. Andererseits war es kein Geheimnis, wann das bevölkerungsreichste Bundesland (NRW) letzten Schultag hat, und dass man bei Airlines und Flughäfen erheblich Personal abgebaut oder verloren hatte. Unter dem ganzen Schlamassel leidet selbst Bahnchef Richard Lutz »wie ein Hund«, sagt er. Mir werden die Augen feucht. Der Satz könnte auch von Erich Honecker stammen oder vom Chef der Interflug.

Die staatseigene Bundesbahn vermurkst es derweil genauso, aber das ist kein Trost, sondern nur Frustniveaunivellierung. Im Januar fuhren acht von zehn Zügen pünktlich, im Mai waren es sechs von zehn, und der Juni ist noch nicht ausgezählt . Laut SZ bietet die Bahn ihren Mitarbeitern jetzt eine spezielle Schulung an: »Empathische Ansagen. Persönliche und einfache Fahrgastinformationen im Störfall«. Ich freu' mich drauf, ehrlich, aber ich finde: Wenn Staat und Markt gleichermaßen versagen, wird es dunkel in Deutschland. Tertium non datur, ein Drittes gibt es nicht.

Wer sich für unser Land noch mehr schämen möchte, findet nahtlos weitere Anlässe zuhauf. Warum, zum Beispiel, werben wir jetzt aus der Türkei mehrere Tausend Menschen an, die die Reisekoffer aus dem Flieger ziehen und aufs Band stellen sollen? Das Konzept der vermeintlich nur auf Zeit geholten »Gastarbeiter« ist doch wirklich von vorvorgestern. Vor allem: Was ist eigentlich mit den 2,3 Millionen Arbeitslosen im Land? Oft heißt es, sie bräuchten erst Weiterbildung, bis sie dem anspruchsvollen Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stehen. Für Posten als Fluglotsen oder Triebwerksmechaniker mag das gelten, aber mit allem Respekt vor harter Arbeit mit den Händen: Das derzeit gesuchte Flughafenpersonal braucht einen Sicherheitscheck, keine Lehre oder Studium.

Versucht irgendeine Arbeitsagentur im Land, auf die akute Personalnot zu reagieren? Oder gilt schon die neue rot-grüne Regelanweisung, wonach Weiterbildung politisch gewollten Vorrang hat vor der Vermittlung in Arbeit – und sei sie noch so stark nachgefragt? Wer sich also beim Start in seine aus dem Gehaltsnetto bezahlten Ferien erst einmal die Krätze ärgern muss, sollte zugleich wissen, dass seine Abgaben und Steuern ein System finanzieren, das Abhilfe zu leisten außerstande ist. Akute Arbeitsvermittlung in Deutschland, das ist wie keine Klimaanlage im ICE und Chaos am Kofferband zusammen.

Und was hat das mit der Wehr- und Dienstpflicht zu tun? Mehr als man meint, denn wenn nichts mehr ging in Deutschland, half in den letzten Jahren stets die Bundeswehr. Zuletzt rückten die Soldaten in die dampfbetriebenen kommunalen Gesundheitsämter ein, weil die nicht mehr mit dem Faxen ihrer Strichlisten hinterherkamen. Könnte die Bundeswehr nicht auch auf Flughäfen und Bahnhöfen aushelfen? Ich frag' ja nur. Genauso überfordert wie die Ämter sind sie ja.

Und wenn wir schon bei Bundeswehr und allgemeinem Personalmangel sind: Wie steht es eigentlich um die (Wieder-)Einführung einer allgemeinen Dienst- und Wehrpflicht ? Laut einer frischen Umfrage für RTL/NTV wären knapp die Hälfte der Befragten dafür, wenn sie für Männer und Frauen gleichermaßen gelten würde. Und tatsächlich kann man regierungsseitig schlecht ständig von »Kaltem Krieg« und »Zeitenwende« reden, ohne die Gesellschaft zu neuem Gemeinschaftssinn zu bewegen sowie die Zahl der Männer und Frauen unter Waffen wieder zu erhöhen. Aktuell sind es rund 180.000, vor dem Fall der Mauer, im »Kalten Krieg«, waren es über 450.000 – allein auf der Westseite Deutschlands.

Neben dem Wehrdienst stünde selbstverständlich ein Wehrersatzdienst, mit Betonung auf »Ersatz«, wenn ich das aus meiner Sicht hinzufügen darf. Notstand und Personalmangel hat diese Gesellschaft in vielen Bereichen, von den Altenheimen bis zum Flughafenterminal. Und ausgepumpten Familien einen menschenwürdigen Start in die ersten großen Ferien seit zwei Jahren zu ermöglichen, ist meines Erachtens ein guter Dienst an der Gesellschaft, man könnte auch sagen: ein wertvoller Zivildienst.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Texts hieß es, unter dem ganzen Schlamassel leide selbst Lufthansa-Chef Carsten Spohr »wie ein Hund«. Dieses Zitat stammt von Bahn-Chef Richard Lutz.

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