Religionsstudie über Muslime Raus aus den Koranschulen

Muslime in Deutschland sind sehr religiös - und offenbar toleranter, als manche Menschen glauben. Das hat eine Bertelsmann-Studie ermittelt, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Eine Forderung der Forscher: raus aus den Koranschulen, her mit dem Islamunterricht.

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Berlin/Gütersloh - Ein eigener islamischer Religionsunterricht für muslimische Kinder - das fordert Martin Rieger von der Bertelsmann-Stiftung. Er leitet die Studie "Muslimische Religiosität in Deutschland", die er am Freitag vorstellt und die SPIEGEL ONLINE vorliegt. 90 Prozent der befragten Muslime bezeichnen sich in der Studie als religiös. Zum Vergleich: Nur 70 Prozent der gesamtdeutschen Bevölkerung gaben gegenüber der Bertelsmann-Stiftung an, religiös zu sein. "Wir müssen die jungen Muslime aus den Koranschulen rausbekommen und ihnen einen qualifizierten Islamunterricht anbieten", sagt Projektleiter Rieger.

Islamkundeunterricht in der Freiherr-vom-Stein-Realschule in Bonn: 90 Prozent der Muslime in Deutschland sind religiös
DDP

Islamkundeunterricht in der Freiherr-vom-Stein-Realschule in Bonn: 90 Prozent der Muslime in Deutschland sind religiös

Für Yunus Ulusoy vom Essener Zentrum für Türkeistudien, das immer wieder die Religiosität der türkischen Muslime untersucht, ist das eine Forderung, "die wir seit Jahrzehnten haben, denn gerade der Glaube ist für die Muslime eine wichtiges Element ihrer Identität". Wenn der Staat das bei der Erziehung vernachlässige, fördere das die Integration der Muslime nicht.

Auch der Katholiken-Chef Robert Zollitsch nannte am Donnerstag zum Abschluss der Tagung der Deutschen Bischofskonferenz die Forderung nach einem islamischen Religionsunterricht sowie den Bau "würdiger, in den jeweiligen Städtebau gut eingepasster muslimischer Gotteshäuser".

Rieger glaubt, dass die Mehrheit der Deutschen lediglich Vorstellungen über die Muslime in Deutschland hat: "Die meisten wissen nichts über den Glauben der Muslime. Es gibt überhaupt keinen Grund für Islamophobie." Etwa 3,5 Millionen Muslime leben in Deutschland, etwa zwei Millionen stammen aus der Türkei. Die Bertelsmann-Studie sei die erste umfassende wissenschaftliche Studie zum Glauben der Muslime, sagt Rieger. Bisher habe es nur Befragungen in Ballungsräumen oder einzelnen Gruppen, wie den Türken, gegeben.

So weist die Bertelsmann-Studie nicht nur Zahlen für die verschiedenen Sprachgruppen - Türkisch, Arabisch, Persisch und Bosnisch -, sondern auch für die Glaubensrichtungen aus. Demnach ist die Religiosität unter den hier lebenden Sunniten überdurchschnittlich ausgeprägt: 92 Prozent geben an, gläubig zu sein. Unter den Schiiten sind 90 Prozent und unter den Aleviten nur 77 Prozent religiös. "Der Islam in Deutschland ist kein einheitlicher Block, sondern sehr vielfältig", sagt Rieger. Für seine Studie wurden 2000 Muslime ab 18 Jahren befragt.

"Überraschend" empfindet Martin Rieger von der Bertelsmann-Stiftung, dass der Islam nur bei einer kleinen Gruppe von Muslimen die politische Einstellung beeinflusst. Nur 16 Prozent sagen, der Glaube habe eine Wirkung auf ihre politische Haltung, rund zwei Drittel lehnen sogar eine eigene islamische Partei ab.

Rieger betont die hohe Toleranz der Muslime in Deutschland. 67 Prozent bejahen für sich, dass jede Religion einen wahren Kern hat. 86 Prozent der Befragten finden, man sollte offen gegenüber allen Religionen sein. "Dieser Wert ist bei allen untersuchten Gruppen, egal welches Geschlecht, Alter, Glaubensrichtung oder Herkunft gleich hoch", betont der Projektleiter.

Die Bertelsmann-Studie spricht von einem "eher pragmatischen Umgang" mit dem Islam. Das Tragen eines Kopftuchs lehnt über die Hälfte der Befragten ab, dafür sind nur 33 Prozent. "Allerdings bedeuten solche Ergebnisse nicht, dass das Kopftuch dann wirklich getragen wird", sagt Ulusoy. Es ginge nach seinen Erfahrungen darum, "die Religiosität in Einklang mit dem Arbeitsalltag" zu bringen. Für Ulusoy ein Zeichen dafür, dass sich die Muslime nicht abschotten.



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