Rente mit 67 "Ich arbeite, bis ich tot umfalle"

Franz Berger ist 72 Jahre alt - und Kurierfahrer. Für ihn ist heute schon Alltag, was auf viele zukommen wird: Jenseits der 65 noch berufstätig zu sein. Seine Rente ist so klein, dass er davon nicht leben kann. Um über die Runden zu kommen, geht er am Wochenende oft auch noch zocken.
Skat-Pokale: Franz Berger bessert seine Rente mit Kartenspielen auf

Skat-Pokale: Franz Berger bessert seine Rente mit Kartenspielen auf

Foto: SPIEGEL ONLINE

Kurierdienst

Hamburg-Harburg - Franz Berger* arbeitet immer spät. Wenn andere Rentner ihr Abendessen hinter sich haben und vielleicht bequem im Sessel eine Quiz-Sendung im Fernsehen verfolgen, dann ist der 72-Jährige unterwegs. Von Montag bis Freitag. Drei Abende bis halb neun, einmal bis halb elf und donnerstags sogar bis halb zwölf. Jeden Tag sitzt er 4,5 Stunden im Auto, klappert für einen die Briefkästen von 15 Filialen einer Bank in Harburg ab und steuert dann die Zentrale in Hamburg an. Weil er Geld verdienen muss.

Von 471 Euro Rente kann er nicht leben. "Mir geht's ganz schön beschissen!"

Der Fahrerjob bringt 660 Euro zusätzlich im Monat. Damit kommt er so gerade über die Runden.

Bundesagentur für Arbeit

Berger teilt sein Schicksal der knappen Bezüge mit einer steigenden Zahl Rentner in Deutschland. Die legte Statistiken vor, wonach im vergangenen Jahr fast 900.000 Menschen jenseits der 65 noch arbeiten gingen. Zwei Jahre zuvor waren es gut 835.000. Der weitaus größte Teil geht einem Minijob nach - bessert damit die Rente auf. Aber immerhin 137.000 Leute im Rentenalter hatten im September 2009 einen sozialversicherungspflichtigen Job. Darunter viele, die das nicht aus finanziellen Gründen tun, sondern ihr Wissen aus jahrzehntelanger Berufstätigkeit als Senior-Experten anbieten. Aber es gibt eben auch immer mehr, die arbeiten gehen müssen. Wer während seines Berufslebens arbeitslos war oder Teilzeit gearbeitet hat, wer Haushalt und Familie gewuppt hat oder schlecht bezahlt war, hat im Alter das Nachsehen. Die Rente reicht oft nicht zum Leben. Also bleibt nur, Grundsicherung zu beantragen oder einen Job zu suchen. Grundsicherung bekommt, wer eine Rente bezieht, die niedriger ist als das Existenzminimum von 359 Euro plus Miete.

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Berger zieht mit seinen langen, schlanken Fingern eine selbstgestopfte Zigarette aus der roten Packung und erzählt: Täglich schiebt er sich 15-mal rein ins Auto, 15-mal wieder raus, sammelt Post ein, schleppt manchmal auch schwere Behälter. Und das mit einem Hüftgelenkschaden. Aber der große, hagere Mann ist trotzdem froh über den Job, denn er muss dabei nicht viel laufen - mehr als 200 Meter am Stück schafft er nicht, dann wird sein linkes Bein taub.

Gegen die Rente mit 67 hat er überhaupt nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil: "Ich finde, man kann gut bis 70 arbeiten. Danach wird's anstrengend."

Viele Jobs - wenig Rente

Die kaputte Hüfte ist die Quittung für über zehn Jahre harte Arbeit als Kellner in einem Ausflugslokal an der Elbe, das es längst nicht mehr gibt. "Die schweren Tabletts immer mit der linken Hand hoch über dem Kopf", erklärt er. Es war einer von den vielen Jobs in Bergers Leben. Er war auch Bäcker, Möbelverkäufer, hat auf einem Bauernhof geschuftet. Er hat Luftbilder verkauft und kurz nach der Wende Werbung in der ehemaligen DDR.

Es gab Jahre, in denen Berger gutes Geld verdient hat - aber oft war ein großer Teil davon schwarz. Damals als Kellner in den Siebzigern etwa: Das offizielle Gehalt für die Steuer und die Sozialversicherung betrug rund 1400 Mark. Die übrigen 1600 Mark wanderten schwarz in die Tasche - bis heute eine weit verbreitete Praxis in der Branche, wie die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten weiß.

Berger hat nichts von dem Geld zurückgelegt. Wer dachte in den Siebzigern schon an private Rentenvorsorge? Berger ganz bestimmt nicht. Er war nicht vernünftig - er war ein Hallodri und hat die Kohle rausgehauen. "Ich habe mir mal einen ganzen Abend eine Bar ganz alleine gemietet. Geschlossene Gesellschaft mit den sechs Damen dort", erzählt der ältere Herr mit dem aus der Mode gekommenen blau-rot-grün-gestreiften Pullover. Und er verzieht keine Miene dabei.

Viel Geld ist im Lauf der Jahrzehnte auch auf Rennbahnen geblieben: Bei Pferdewetten verloren.

Aber Berger hat beim Spielen auch gewonnen. Beim Skat. Preis-Skat. Das ist bis heute seine Leidenschaft, wie überall in seiner Ein-Zimmer-Wohnung zu erkennen ist. Siegerpokale, wohin man auch schaut. Auf den beige-braunen Küchenschränken, Fensterbänken, auf der altdeutschen Eichenholz-Garderobe - überall blinkt geputztes Messing. Er hat sie alle beim Skat gewonnen. Dutzende. Und im Keller, so sagt er, da stehen noch 150 weitere.

Früher ist er am Wochenende bis nach München gereist, um an Turnieren teilzunehmen. Heute fährt er höchstens noch 150 Kilometer weit, weil es sonst zu anstrengend wird. Nach Abzug seiner Fahrtkosten bleiben ihm im Schnitt rund hundert Euro im Monat Gewinn. "Früher hab ich manchmal ein paar tausend Mark gewonnen."

Der Bruch kam mit dem Tod der Freundin

Der Bruch in seinem Leben kam 1992 als seine damalige Freundin starb, mit der er 21 Jahre zusammengelebt hatte. Er brach psychisch und körperlich zusammen. "Ich konnte einfach nicht mehr." Berger bekam Frührente bewilligt. 890 Mark. Das reichte auch damals schon nicht zum Leben - er musste nebenher immer weiter Geld verdienen.

Seit dreieinhalb Jahren arbeitet er nun als Kurierfahrer. "Auch, wenn es anstrengend ist. Aber ich fahre halt gern Auto und damit ist es in Ordnung." Schlimm findet er, dass er trotz der vielen Arbeit ständig auf's Geld achten muss. Große Wünsche treiben ihn zwar nicht mehr, wie er sagt. "Ich hab ja alles gehabt." Aber keine Angst vor der nächsten Autoreparatur haben zu müssen, das wäre schon was. Empfindet er Reue wegen all des Gelds, dass er vertrunken, verprasst, verspielt hat? "Nein", sagt er. "Die Erinnerungen an aufregende Zeiten kann mir schließlich keiner nehmen." Und dass er damals auf Vorschuss gelebt hat, ist ihm klar.

Bevor er diesen Job gefunden hat, war er eineinhalb Jahre lang arbeitslos. Wer stellt schon einen gehbehinderten Rentner ein? Während er suchte, zahlte ihm das Sozialamt 270 Euro Grundsicherung zusätzlich zu seiner Rente. In dieser Zeit ging er oft Skat spielen. Fast als wäre es ein Job. "Aber das Spiel ist ja auch mein Hobby, es macht mir Spaß. Und was hätte ich sonst tun sollen? Die ganze Zeit zu Hause hocken?" Er blickt dem Rauch seiner Zigarette hinterher, der langsam an der nikotinvergilbten Rauhfaser in seiner Küche hochkriecht.

Trotz seiner 72 Jahre will er selber weiterarbeiten, weil er schlichtweg das Geld braucht. "Mein Chef hat mich mal gefragt, wie lange ich das noch machen will." Seine Antwort: "Bis ich tot umfalle."

*Name von der Redaktion geändert
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