Reporter in Gefahr Im Schattenreich der Unfreiheit

Fließbandarbeit in der Leichenhalle. Demonstranten mit blutigen Händen. Flüchtlinge treten eine tödliche Reise an - zum Tag der Pressefreiheit zeigt ein neuer Bildband Szenen aus einer Welt, die keine Pressefreiheit kennt. Viele wurden unter größten Gefahren aufgenommen.

Von Kerstin Schulz


Berlin - Ein letztes Mal schauen sie zurück auf den Strand von Schimbero. 120 somalische Flüchtlinge waten durch das Wasser, sie haben das Boot, das sie über den Golf von Aden bringen soll, fast erreicht. Zurück lassen sie neben Hab und Gut ihre Familien. Auf diese beschwerliche Reise nehmen sie nur das Nötigste mit - die Kleidung an ihren Körpern und die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Der Jemen ist ihr Ziel. Nur elf werden das Land am Ende erreichen.

Die Berichterstattung über solche Schicksale wäre nicht möglich ohne den engagierten Einsatz von Reportern. Nicht selten riskieren sie bei ihren Recherchereisen ihr Leben. Alixandra Fazzina ist eine von ihnen. Als Fotografin dokumentierte sie die Reise somalischer Flüchtlinge, die von Menschenschmugglern in den Jemen gebracht wurden. Sie wurde Zeugin von Schlägereien und Vergewaltigungen. Mehrfach schlugen Kugeln neben ihr in den Sand, als sie unbedacht ihr Kameraobjektiv in die falsche Richtung hielt.

"Ich traue dir nicht", habe einer der Menschenschmuggler zu Beginn ihrer Recherche gesagt. "Ich dir auch nicht", war ihre Antwort. Ihre Ehrlichkeit beeindruckte den Schmuggler, sie durfte die Reise fortan begleiten, dabei ausschließlich die Geschichte der Flüchtlinge dokumentieren.

Dass sie ihr Leben riskiert hat, sei ihr bewusst - doch die Gefahr könne sie nicht abhalten, sagt sie. "Ich versuche die Gefahren von vornherein zu minimalisieren." Und trotzdem, ihren Eltern und Freunden erzählt sie immer erst nachher von ihren Reisen. Die aus London stammende Fotografin arbeitete zunächst als Kriegsberichterstatterin in Bosnien, seit 2002 lebt sie im Mittleren Osten, heute in Pakistan.

Repressionen gegen Blogger nehmen zu

Ihre Geschichte und die weiterer Korrespondenten erzählt der neue Bildband "Fotos für die Pressefreiheit 2010" von Reporter ohne Grenzen (ROG). Jährlich zum Tag der internationalen Pressefreiheit veröffentlichen sie einen "Bericht über die Lage der Pressefreiheit", in dem sie die 40 größten Feinde der Pressefreiheit ausrufen - und eben jenen Bildband: Auf 104 Seiten dokumentiert er eindrucksvoll und sehr persönlich Geschichten aus Regionen, die fernab der hiesigen Medienaufmerksamkeit geschehen. "Die Betonung in diesem Band liegt auf der journalistischen Arbeit der Reporter. Er ist ein Nachschlagewerk für Journalisten, die sich über bestimmte Regionen informieren möchten", sagt Astrid Frohloff, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der ROG Deutschland.

Die Menschenrechtsorganisation kämpft weltweit für die Meinungs- und Pressefreiheit. Sie agiert mit einem Korrespondentennetzwerk von 120 Journalisten in neun Sektionen und zwei Büros. Sie recherchieren und dokumentieren die Verletzung der Pressefreiheit und unterstützen verfolgte und politisch bedrohte Journalisten und Medien.

Auf Initiative der Unesco hat die Uno-Generalversammlung 1993 den 3. Mai zum Internationalen Tag der Pressefreiheit erklärt. ROG nutzt diesen Tag, um auf Verstöße gegen die Meinungs- und Pressefreiheit aufmerksam zu machen. Allein in diesem Jahr wurden schon neun Journalisten getötet, außerdem 167 Journalisten, neun Mitarbeiter und 120 Online-Dissidenten inhaftiert. Besonders die Übergriffe auf Blogger nehmen zu: "Autoritäre Regime spüren immer mehr, dass das Internet ein Forum für oppositionelle Stimmen ist. Daher ist auch nicht absehbar, dass sich bei den Repressionen in diesen Ländern etwas ändern wird", sagt Anja Viohl von ROG.

Besonders in Kriegs- und Krisengebieten, in Ländern mit einer hohen Banden- und Drogenkriminalität oder bürgerkriegsähnlichen Zuständen sei die Pressefreiheit bedroht. "Davon gibt es momentan sehr viele", sagt Viohl. Schlimm ist die Lage zum Beispiel in Mexiko, El Salvador, Somalia und im Sudan.

Dänemark vorbildlich, Eritrea am gefährlichsten

Dänemark, Finnland und Irland stehen an der Spitze der Rangliste der Pressefreiheit - Iran, Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea bilden das Ende. Deutschland liegt auf Platz 18, die USA auf Platz 20 und Russland auf Platz 153. Ministerpräsident Wladimir Putin zählt zu den 40 größten Feinden der Pressefreiheit, wie 16 andere Staats- und Regierungschefs.

Alixandra Fazzina bereitet derzeit ihre nächste Recherchereise vor. Wo es genau hingehen soll, möchte sie nicht sagen, vielleicht zum Schutz ihrer Angehörigen. Dass sie sich in Somalia einem großen Risiko ausgesetzt hat, bereut sie nicht. Nur zu denselben Menschenschmugglern fahren würde sie nicht mehr.

Jetzt, nach der Veröffentlichung, würde sie ihr Engagement dort wahrscheinlich mit ihrem Leben bezahlen.

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matthias_b. 03.05.2010
1. Ein Beispiel nehmen
Die hiesige Journaille könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Das Feuilleton braucht nicht über Wege aus der Zeitungskrise diskutieren, solange investigativer Journalismus, kritisches Nachfragen und differenzierte Meinungen hierzulande Mangelware sind. Wieviel einfacher ist aber die Arbeit der Journalisten hierzulande im Vergleich zu den Diktaturen und Terrorregimen dieser Welt? Mir scheint, der Großteil ist sich zu bequem geworden. Die Vierte Gewalt plappert den anderen dreien alles nach.
stanis laus 03.05.2010
2. Missbrauch der Pressefreiheit
Bei dem Zeigen mit dem Zeigefinger auf die Mächtigen der Welt, die die Pressfreiheit beschneiden, sollten Journalisten nicht ganz vergessen, das dabei 3 Finger zurückweisen. 1. Finger: servile Hofberichterstattung und enge Verknüpfung mit den Mächtigen bis hin zur gezielten Desinformation der Leser. 2. Finger: Kampagnenjournalismus bis hin zur Beweisfälschung. Diffamierungen von Andersdenkenden in der Tendenzpresse, die manchmal an ganz dunkle Zeiten in Deutschland erinnern. 3. Zensur in den Internet-Foren, wo unter Vorschiebung von Netiquette jede unbeliebige Meinung unterdrückt wird. Auch im Spiegel. Die Meinungsfreiheit ist ein zu hohen Gut der Menschheit, als dass man sie nur als eine Freiheit der Presse, jeden Mist drucken zu dürfen, missversteht.
wmerkel 03.05.2010
3. Und im übrigen ...
Journalist ist ein Beruf wie Bäcker oder Schlachter. Der Bäcker kann sich hinstellen und prahlen, wie viel Freude er den Menschen bereitet. Im Endeffekt will er aber insbesondere Geld machen. Und da ist kein Unterschied zum Journalismus: es geht ums Geldverdienen, auch wenn man das mit so schönen leeren Phrasen wie "Pressefreiheit" verkauft. Es geht um viel viel Geld für die "optimale" Nachricht zur "optimalen" Zeit. Nichts weiter. Das unter den Journalisten Korruption, Bestechung, Geheimnisverrat und Gewalt ihren Platz finden, ist selbstverständlich.
glücklicher südtiroler 03.05.2010
4. Medienlandschaft... ;(
Zitat von stanis lausBei dem Zeigen mit dem Zeigefinger auf die Mächtigen der Welt, die die Pressfreiheit beschneiden, sollten Journalisten nicht ganz vergessen, das dabei 3 Finger zurückweisen. 1. Finger: servile Hofberichterstattung und enge Verknüpfung mit den Mächtigen bis hin zur gezielten Desinformation der Leser. 2. Finger: Kampagnenjournalismus bis hin zur Beweisfälschung. Diffamierungen von Andersdenkenden in der Tendenzpresse, die manchmal an ganz dunkle Zeiten in Deutschland erinnern. 3. Zensur in den Internet-Foren, wo unter Vorschiebung von Netiquette jede unbeliebige Meinung unterdrückt wird. Auch im Spiegel. Die Meinungsfreiheit ist ein zu hohen Gut der Menschheit, als dass man sie nur als eine Freiheit der Presse, jeden Mist drucken zu dürfen, missversteht.
Ich kann mich Ihnen... ...nur anschliesen und besonders der Kampagnenjournalismus; insbesondere der Bildzeitung; gegen Griechenland bediente die niedrigsten Instinkte... Umso schöner, wenn man sich mit der Berichterstattung in Bürgerkriegsregionen vergleicht; aber ist es der Anspruch der deutschen Medienlandschaft nur etwas besser als die zu sein? Der durchschnittliche Berliner Hofberichterstatter wird jene Regionen ohnehin nie zu Gesicht bekommen... In einem der Bilder sah man eine Szene aus dem schlechtesten Programm aus Italien; Niveaulevel irgendwo bei DSDS... http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-54467-5.html Leider muß ich den Deutschen die unschöne Wahrheit vermitteln; und ich sehe Programme beider Sprachen; daß die politische Berichterstattung in D wohl kaum besser ist als in I; in Italien ist sie bestenfalls "bunter"... Ein Beispiel... Die Sendung... http://www.daserste.de/farbebekennen/default.asp ...war eine tolle Werbung für die Kanzlerin und ihre Koalition eine Woche vor der NRW-Wahl... Und die Hintergründe, die zur Abwahl Brendersals ZDF-Chefredakteur führten, werfen ein Schlaglicht auf Presse- und Meinungsfreiheit in D... "Wahrscheinlicher hingegen scheint zu sein, dass Koch wie auch Ex-CSU-Chef Edmund Stoiber die Unabhängigkeit Brenders auf die Nerven ging. Gezeigt hat sich nun, dass Ministerpräsidenten die Macht haben, den Chefredakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders abzulösen." http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,663847,00.html Gut informieren kann man sich am besten noch im Netz und in internationalen Medien; auf deutsch auch gerne in den österreichischen und schweizer Medien... Für Südtirol und Italien gilt das Gleiche... Viele Grüße aus Südtirol...
meinungsherrscher 04.05.2010
5. Spiegel
Zitat von sysopFließbandarbeit in der Leichenhalle. Flüchtlinge, die eine tödliche Reise antreten. Regimes, die millionenfachen Jubel inszenieren. Zum Tag der Pressefreiheit zeigt ein neuer Bildband Szenen aus einer Welt, die keine Pressefreiheit kennt - viele wurden unter größten Gefahren aufgenommen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,692618,00.html
Man sieht insbesondere am Spiegel, das Pressefreiheit allein nicht ausreicht um gegen massive Propaganda gefeit zu sein. Der Grund warum es in Deutschland nur geringe Zensur gibt, ist, weil die Massenmedien die kleinen wiederstände mit ihrer erdrückenden Übermacht wegwischen können. Würden die gegenstimmen in Deutschland zensiert werden, würde man den gegenteiligen Effekt erreichen: Man würde den alternativen Stimmen durch die Zensur Glaubhaftigkeit geben, die sie allein nicht erreichen können.
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