Neues Rezo-Video Jetzt ist die Generation Ü50 dran

Schon wieder geht es gegen die CDU: In seinem neuen YouTube-Video rechnet Rezo mit der unzureichenden deutschen Klimapolitik ab. Zielpublikum sind dieses Mal Silver Ager statt Gen Z – leider misslingt die Ansprache.
Australiens Waldbrände auf Deutschland übertragen: Videoblogger Rezo im Klimavideo

Australiens Waldbrände auf Deutschland übertragen: Videoblogger Rezo im Klimavideo

Foto: Renzo / YouTube

Dass es für die Union nicht gut ausgehen wird, weiß man bei Rezo natürlich schon, bevor man auf »Play« klickt. Der YouTuber hat die Reihe seiner Anklagevideos fortgesetzt. Nach der »Zerstörung der CDU« vor anderthalb Jahren und einem Video zu »Inkompetenz« vor zwei Wochen, schaltet er sich erneut in den Wahlkampf ein – mit einer Analyse politischer Verfehlungen rund um die Klimakrise.

»Wir werden in diesem Video sehen, dass die aktuelle Regierung nicht nur in ihren eigenen Zielen scheitert, sondern auch verfassungswidrige Gesetze beschließt und sogar Fortschritt aktiv verhindert«, fasst Rezo eine seiner Hauptthesen gleich zu Beginn des Videos zusammen. Er werde sich dabei alle Parteien vornehmen, verspricht er.

33 Minuten im gewohnten Rezo-Style

In knapp 33 Minuten arbeitet sich der Videoblogger in gewohntem Rezo-Style mit schnellen Schnitten und kleinen Rollenspiel-Nummern durch Fakten zur Klimakrise, Nebeneinkünfte von Politikerinnen und Politikern und der Regierungsbilanz von Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen. Wie üblich bei seinen Werken gibt es ein Quellenverzeichnis , 13 Seiten umfasst es dieses Mal.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ungewohnt jedoch der Schluss des Videos: Anstatt Wut mit Ansage kommt ein Appell an Wählerinnen und Wähler über 60. »Ihr, also die Älteren, entscheidet«, sagt Rezo in die Kamera, »ihr entscheidet über die Zukunft der jungen Generationen«. Für den Blogger ist das ein überraschender Move – für gewöhnlich spricht er nur über die Alten, nicht mit ihnen.

Frontalangriff auf die Union

Rezo gehört in Deutschland zu den relevantesten politischen Stimmen der jungen Generationen. Obwohl – oder gerade weil – er primär Unterhaltungsvideos auf YouTube präsentiert, ist er für junge Zuschauende glaubwürdig. Was er gelegentlich über Politik sagt und belegt, hinterlässt entsprechend Eindruck. Spätestens seit seiner »Zerstörung der CDU«  wird er auch weit über seine Followerschaft hinaus diskutiert. Der YouTuber kann sich sicher sein: Ein Frontalangriff auf die Union, noch dazu kurz vor der Bundestagswahl, wird auf jeden Fall wahrgenommen.

Und es stimmt natürlich wieder vieles, was Rezo im neuen Video zusammenträgt: Zunächst bringt er die Zuschauenden noch mal auf Stand, was es mit der Klimakrise auf sich hat. Rezo führt an, dass die Erderhitzung keine ferne Zukunftsmusik mehr ist, sondern real und längst lebensbedrohlich. Waldbrände haben in Australien eine Fläche vernichtet, die der Hälfte Deutschlands entspricht, 500 Millionen Tiere seien an den Folgen der Feuersbrünste gestorben. Dass der Mensch dafür verantwortlich zeichnet, daran lässt Rezo keinen Zweifel – und beruft sich auf seriöse Quellen des Weltklimarates IPCC.

Das Alarmlevel hochschrauben

Für Expertinnen und Experten, oder auch nur für aufmerksame Zeitungslesende mag das nichts Neues sein – in der Schärfe und Kürze wühlt es trotzdem auf.

Dann schraubt Rezo das Alarmlevel hoch. In der Politik gebe es viele, die »wissenschaftsfeindlich oder sogar verschwörungsmäßig« agieren würden. Wer Erkenntnisse der Expertinnen und Experten des IPCC leugne, der sei kein Skeptiker mehr – sondern auf dem gleichen Niveau »wie andere Aluhutträger, die meinen, dass Bill Gates kleine Kinder isst«. Im Video sind das vor allem: Politikerinnen und Politiker von AfD, FDP und der Union.

»Ja Armin, laber einfach nicht!«

YouTuber Rezo über die Klimapolitik des Unions-Kanzlerkandidaten

Damit macht es sich Rezo allerdings denkbar einfach. Die Liberalen werden am Beispiel eines älteren Tweets der FDP-Frau Nicole Beer kritisiert. Die Vizepräsidentin des EU-Parlaments hatte darin einmal Extremwetterereignisse als »Fake News« bezeichnet. Die Union hingegen wird zunächst für Aussagen der WerteUnion in Geiselhaft genommen – einem Zusammenschluss besonders konservativer Unionsmitglieder, der jedoch kein offizieller Parteikörper ist. Die WerteUnion behauptet unter anderem, dass die Sonne, nicht der Klimawandel, für die Erderwärmung verantwortlich sei – obwohl nachgewiesen ist, dass die Sonnenaktivität sogar abgenommen hat, während es auf der Erde immer heißer wird. Hans-Georg Maaßen wird als Beispiel für jene CDU-Politiker eingeblendet, die über die Klimakrise »so einen wissenschaftsfeindlichen Bullshit verbreiten«.

Besonders hart wird NRW-Ministerpräsident Laschet angegangen. Rezo wirft ihm eine zu große Nähe zur Wirtschaft – vor allem zum Energiekonzern RWE sei man bei der CDU »sehr close« – und eine vernichtende Bilanz beim Klimaschutz in Nordrhein-Westfalen vor. So sei der Ausbau der Windkraft unter Laschets Amtszeit deutlich zurückgegangen, die Energieagentur geschlossen worden. Laschet selbst hatte vor wenigen Monaten vor »zu vielen« Maßnahmen beim Klimaschutz gewarnt. Rezo darauf: »Ja Armin, laber einfach nicht!«

In einem anderen Beispiel führt Rezo an, dass allein in Rheinland-Pfalz ein Drittel der Landräte im Jahr 2020 vier- bis sechsstellige Euro-Beträge von Energiekonzernen erhalten hatten. Einer davon, der CDU-Politiker Günther Schartz aus Trier-Saarburg, soll zum Beispiel 129.000 Euro von RWE bekommen haben.

Auch hier wieder: Fokus auf die CDU. Dem Versprechen, sich »alle« Parteien anzuschauen, wird Rezo damit nicht ganz gerecht. Denn natürlich stehen auf der Nebeneinkünfte-Liste aus Rheinland-Pfalz auch Abgeordnete von SPD und Freien Wählern. Auch erwähnt Rezo nur in einem Nebensatz, dass das vom Bundesverfassungsgericht als in Teilen verfassungswidrig gebrandmarkte Klimaschutzgesetz auch aus SPD-Feder stammt. Oder verschweigt, dass es auch in der Union junge Politikerinnen wie Wiebke Winter gibt, die die Klimakrise ernst nehmen.

Rezos neue Zielgruppe: Silver Ager

Für seine gewöhnliche Zielgruppe mag das nicht weiter von Belang sein. Nur: Dieses Mal hat sich Rezo nicht an die Millennials und die Generation Z der Republik gewandt – sondern an die sogenannten Silver Ager. »Wenn ihr jetzt gerade über 50 seid, werdet ihr die Klimakrise nur in ihren Anfängen mitbekommen«, sagt Rezo am Ende seines Videos. »Wenn ihr also entscheidet, dass euch das Thema gar nicht so wichtig ist, dann kann ich das ein Stück weit verstehen. Denn letztlich ist sich jeder am nächsten.«

Aber sollte jenen über 50 doch das Wohl der eigenen Kinder und Enkel am Herzen liegen, dann sei diese Wahl eine Richtungsentscheidung. An den Älteren liege es nun, ob ein Weiter so gewählt werde oder eine Partei, die den Klimaschutz ernst nimmt. Rezo muss dabei keine eindeutige Wahlempfehlung aussprechen, um deutlich zu machen, was (oder wen) er meint. Es sei am Ende eine Wahl zugunsten der Jungen. Das seien im Übrigen »dieselben Generationen, die während der Coronakrise ihre Freiheiten für die Älteren eingeschränkt haben.«

Zu »sus«, um gehört zu werden

Auf Twitter wird der Appell am Ende bejubelt , auch ältere Politiker loben Rezo  für die Ansage – jüngere empfehlen, das Video nun dringend an Oma und Opa weiterzuleiten . Der Anteil der Wählerinnen und Wähler über 50 Jahren liegt laut Bundeswahlleiter  bei knapp 58 Prozent. Wo sie ihr Kreuzchen machen, ist relevant.

»Ihr, also die Älteren, habt die Wahlmacht«, spricht Rezo nach knapp 31 Minuten sein Zielpublikum erstmals direkt an. Bleibt nur die Frage, wer von ihnen Rezo abonniert hat – oder ihn versteht, wenn er oder sie das Video von Enkeln weitergeleitet bekommt. Weiß Oma, was es bedeutet, wenn der Blogger Laschet unterstellt, »sus« zu sein? Das Wörtchen ist die verkürzte Form von »suspekt«.

Und genau so dürften viele ältere Zuschauende den Blogger mit den blauen Haaren leider noch immer einschätzen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.