Grüne Bundestagskandidatin Die Befreiung der Ricarda Lang

Sie musste Hass und Häme über sich ergehen lassen, dann machte Ricarda Lang ihren Kampf für Toleranz zur Marke. Nun will die stellvertretende Grünenchefin in den Bundestag – und zeigen, welche Themen ihr wirklich wichtig sind.
Ricarda Lang, stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen: »Ich bin nicht in die Politik gegangen, um beleidigt zu werden und dann darüber zu sprechen«

Ricarda Lang, stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen: »Ich bin nicht in die Politik gegangen, um beleidigt zu werden und dann darüber zu sprechen«

Foto: Jacobia Dahm / DER SPIEGEL

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Ricarda Lang steht auf dem Bahnhof im baden-württembergischen Waghäusel und beißt in einen Muffin.

Es gibt Menschen in Deutschland, die dieser Satz anstachelt. Es sind dieselben Menschen, die ein Bild der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Grünen geteilt haben, wie sie mit einer McDonalds-Tüte im ICE saß. Menschen, die Lang nach Fernsehauftritten Nachrichten schreiben und sie beleidigen, ihr drohen. Mit Vergewaltigungen oder mit dem Tod. Gegen einige dieser Menschen hat Ricarda Lang dieses Jahr schon Strafanzeige gestellt, 19 insgesamt.

Lang ist in Deutschland nicht deshalb bekannt geworden, weil sie eine gute Rednerin ist, fachlich kompetent oder politisch talentiert. Die 27-Jährige kennen viele im Land vor allem durch die Shitstorms, die über sie hereinbrechen, und die Solidaritätsbekundungen, die darauf von allen Seiten folgen.

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Bis zur Bundestagswahl nehmen wir uns nacheinander große Fragen aus Politik und Gesellschaft vor – und laden zum Diskutieren und Mitmachen ein. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage: Wie wird Deutschland gerechter? 

Nun will Lang am 26. September für ihren Wahlkreis Backnang/Schwäbisch Gmünd in den Bundestag gewählt werden. Gerade ist sie deshalb nur selten zu Hause in ihrer WG am Berliner Herrmannplatz und viel in Deutschland unterwegs, wuchtet den großen Rollkoffer der Familie in Züge, Straßenbahnen und Taxis. Auf dem Koffer steht die Adresse des Hauses ihrer Oma in Nürtingen, Langs Heimat in Baden-Württemberg. Den Wahlkreis direkt zu gewinnen, dürfte für Lang aussichtslos sein, dort wählt man CDU. Aber sie hat einen aussichtsreichen Platz auf der Landesliste: Nummer 10.

Kurz bevor Lang am Bahnhof in den Muffin beißt, hat sie in einer Wahlkampfrede von ihrer unfreiwilligen Bekanntheit erzählt. Lang sprach zu den Leuten über ein Headset, was etwas übertrieben wirkte für die Versammlung vor knapp 20 Menschen bei der Eremitage in Waghäusel. Aber Lang gestikulierte, als füllten sie ein Stadion.

»Lange wollte ich mich damit nicht beschäftigen«, erklärt sie ihren Zuhörerinnen. Dann habe sie bemerkt, dass sie stärker darüber nachdachte, was sie sagte. Dabei sei es ja gerade das Ziel dieser Leute, Menschen wie sie mit ihren Kommentaren mundtot zu machen. »Mir wurde in dieser Zeit immer wieder gesagt, das gehört halt dazu, daran musst du dich gewöhnen. Aber ich will mich daran nicht gewöhnen«, sagt Lang. Dann ruft sie den Anwesenden entgegen: »Meine Resignation bekommt ihr niemals, aber dafür unser aller Widerstand und unser aller Mut.«

Lang hat das Dicksein zu ihrer Marke gemacht, die vermeintliche Schwäche zur Stärke umgedeutet. Viele Politikerinnen ihrer Generation machen es ähnlich: Die jungen Kongressabgeordneten in den USA um die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez zum Beispiel, die über ihre Herkunft aus sozial benachteiligten Schichten sprechen, oder über ihren Haarausfall. Sie sind zu Ikonen einer Authentizität geworden, die vor allem den Zeitgeist junger Wählerinnen trifft.

Auch Lang teilt Alltag und Politik mit 17.000 Abonnenten auf Instagram und mehr als 52.000 Followern auf Twitter. Nachdem body positivity im feministischen Pop dank Sängerinnen wie Lizzo oder Beth Ditto  längst angekommen ist, trägt Lang das Thema nun auch in die deutsche Politik.

Das passt zu einer Partei, die sich als feministisch versteht. Aber irgendwie so gar nicht zu der Partei, die auf Wahlplakaten für gesunde Ernährung wirbt und in der Joschka Fischer seinen Bauch beim Marathonlauf abtrainierte.

Doch Lang hatte damit Erfolg.

»Mein Ziel ist, dass es für mich als Politikerin keine Rolle mehr spielt, wie ich aussehe.«

Ricarda Lang

Kurz vor dem Sprung ins Parlament scheint ihr dieses Bild von sich allerdings auch lästig zu werden. Sie erhalte zahlreiche Anfragen zu dem Thema, erzählt sie, die meisten sage sie ab. Ihre Sprecherin bittet vor dem Treffen, möglichst auch über andere Dinge zu reden als Langs Körper. »Ich bin in die Politik gegangen, um Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern, alles zu geben, um die Klimakrise aufzuhalten, und nicht, um beleidigt zu werden und dann darüber zu sprechen«, sagt Lang. Die Männer in den Parlamenten müssen schließlich auch nicht immer über ihren Körper reden, er wird einfach hingenommen. »Das sollte für Frauen genauso gelten. Ich weiß aber, dass es für Politikerinnen und auch Frauen in anderen Bereichen eine Rolle spielt.«

Lang versucht, sich irgendwie zwischen zwei Welten zu positionieren. Zwischen der, wie sie sein sollte. Und der, wie sie ist.

Den Weg von der einen zur anderen Welt könnten die Grünen vielleicht beschreiten, wenn sie in Regierungsverantwortung kämen. Das Kanzleramt scheint derzeit weit weg, aber es gibt andere Optionen. Lang jedenfalls, das wird deutlich, hofft fest auf ein Linksbündnis und setzt auf Sachthemen.

Sie schwenkt nicht nur große Regenbogenfahnen auf Bildern in ihrem Instagramaccount und demonstriert für Abtreibungsrecht. Sie hat auch das gesundheitspolitische Programm ihrer Partei maßgeblich mitbestimmt und kann sehr ausführlich und auf Knopfdruck über ein neues Krankenhaussystem oder Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen sprechen, über Alleinerziehende, Ehegattensplitting und die Überwindung von Hartz IV.

Überhaupt fragt man sich manchmal, ob Lang in der richtigen Partei gelandet ist. Wäre nicht die Linke die Partei für die Sozialpolitik, die Lang machen möchte? Lang sieht es genau andersherum: Für sie hat alles, was die Grünen machen, eine sozialpolitische Dimension – und verbindet diese mit Klimaschutz. Als sie mit 18 Jahren in die Partei eintrat, hatte ihre Mutter gerade den Job verloren. 14 Jahre hatte die alleinerziehende Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus gearbeitet. Dann wurde es geschlossen. Lang sagt, es habe sie verletzt, dass die Arbeit ihrer Mutter nicht wertgeschätzt wurde. Aber ihr sei klar geworden, dass sich das ändern ließe.

Der erste Schritt dazu war ein grünes Parteibuch. Später wurde sie Vorsitzende der Grünen Jugend, dann stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei und frauenpolitische Sprecherin. Ab September dürfte sie im Bundestag sitzen.

»Meine Generation will nicht, dass sich noch hundert Generationen von Frauen allein durchkämpfen müssen.«

Ricarda Lang

»Veränderung geht nur gemeinsam«, steht auf Langs Wahlplakaten in Schwäbisch Gmünd. Auch wieder so ein Generationending. Früher bissen sich Frauen allein nach oben durch, sagt Lang. Heute überschreibt auch die bekannte Soziologin Jutta Allmendinger ihr Buch über Geschlechtergerechtigkeit mit den Worten »Es geht nur gemeinsam!«. »Meine Generation will nicht, dass sich noch hundert Generationen von Frauen allein durchkämpfen müssen«, sagt Lang.

Das gelte nicht nur im Feminismus. »Die Klimabewegung appelliert nicht mehr an die Leute, anders einzukaufen, sondern an die Politik, einen Kohleausstieg zu beschließen oder den Unternehmer nicht mehr zu subventionieren, der die Umwelt zerstört.« Weg von einem neoliberalen Individualitätsversprechen, hin zu einem kollektiven Politikansatz, erklärt Lang: Das Problem zu individualisieren sei ein Trick, um von der Schuld der Konzerne und der Verantwortung der Politik abzulenken. Die Welt werde nicht besser, weil ein Mensch im Supermarkt keine Avocado kaufe. Die Grünen, findet sie, haben sich da längst weiterentwickelt. Es gehe um bessere Politik, nicht den besseren Menschen.

Feminismus auf die Dorfplätze tragen

Lang will verbinden, was Konservative bei den Grünen gern gegeneinander ausspielen. Umwelt und Sozialpolitik zum Beispiel oder Feminismus und das Land. »Ich bekomme immer wieder zu hören: Feminismus, das interessiert vielleicht die Leute in Berlin, aber doch nicht bei uns auf dem Land«, sagt Lang in Waghäusel. Ihr Verständnis von Feminismus sei aber ein anderes. »Bei Feminismus geht es um das universelle Versprechen der Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Das betrifft uns also alle.«

Dabei gehe es auch um Fragen der Daseinsvorsorge und der sozialen Infrastruktur, um Geburtenstationen, um Kitas und Hebammen. »Ich glaube nicht, dass Menschen auf dem Land gleiche Löhne oder eine gute Versorgung weniger wichtig sind.« Deshalb, erklärt Lang, gehört der »Feminismus auf die Dorfplätze«.

Am Sonntag ist Lang beim Christopher Street Day in Köln unterwegs. Ein Heimspiel: Die LGBTQI-Community liebt die Grünen, und die Grünen geben diese Liebe gern zurück. Lang ist mit Kolleginnen und Kollegen in der Parade mitmarschiert, kurz vor fünf sucht sie den Eingang zum VIP-Bereich. Sie soll gleich auf der Bühne mit Vertretern anderer Parteien über Queerpolitik diskutieren.

Auch Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth ist da – auf der Bühne wird sie gefeiert wie ein Popstar. »Claudia«, skandiert die Menge. Wenig später buht das Publikum Vertreter von SPD, CDU und FDP aus. Als Lang die Bühne betritt, wird wieder applaudiert.

»Menschenrechte sind universell«, ruft sie der Menge später entgegen. Warum sich die SPD bei queerpolitischen Themen immer von der Union blockieren lasse, fragt Lang. Während der Unionsvertreter hilflos versucht, sich zu erklären, lacht Ricarda Lang siegessicher.

Später steht die Grünenpolitikerin im VIP-Bereich des CSD und trinkt einen Aperol Spritz. Gerade hat ihr ein junger Mann entgegengerufen: »You're amazing, thank you!« Lang hat sich freundlich bedankt. Sie weiß, wie beliebt sie bei vielen in ihrer Generation ist. Vielleicht ist sie sogar ein bisschen verwöhnt.

Rückhalt tut gut. So gut, dass sie manchmal fürchtet, dass es anders werden könnte. Dann, wenn sie nicht mehr nur die ist, die vor dem Kanzleramt bei einer Demo die Evakuierung der Ortskräfte aus Afghanistan fordert oder in Ungarn für die Rechte von Homosexuellen demonstriert.

Dann, wenn sie selbst für die eigene Politik verantwortlich ist. Wenn die Grünen regieren sollten.

Lang sagt, sie habe keine Angst vor Kompromissen und wisse, dass sich Wahlversprechen nicht eins zu eins umsetzen ließen. Aber sie hoffe, dass sie es anders machen werde, als die jetzigen Regierungsparteien. Besser.

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