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Staatsakt für Richard von Weizsäcker "Als sei die alte Bundesrepublik gestorben"

Ein großer Deutscher, Versöhner, Vorbild: Mit dem Staatsakt für Richard von Weizsäcker wurde der frühere Bundespräsident gewürdigt. Eine Rednerin erinnerte daran, was mit ihm verloren geht: die alte BRD.

Berlin - Angela Merkel hat wirklich keine Zeit in diesen Tagen. Für sie geht es von einem Krisentreffen zum anderen - nächstes Ziel Minsk. Aber nun ist es früher Mittwochnachmittag und die Kanzlerin steckt mit ihrer Limousine mitten in Berlin fest: Raus aus dem Berliner Dom, wo die CDU-Chefin am Staatsakt für Richard von Weizsäcker teilgenommen hat, und los - das funktioniert jetzt nicht. Erst mal müssen die Musiker und die Ehrenformation der Bundeswehr zurück zu ihren Bussen, minutenlang schleicht die Kanzlerkarosse im Schritttempo hinterher.

Wenn die Republik zum Staatsakt ruft, ist eben auch die Regierungschefin nur eine von vielen. Neun Jahre ist es her, dass einem ehemaligen Repräsentanten dieses Landes solche Ehre zuteilwurde, damals war es Altbundespräsident Johannes Rau. Nun also der Staatsakt für Richard von Weizsäcker, der am 31. Januar mit 94 Jahren verstorben war.

Viel mehr Pomp hat Deutschland einem Verstorbenen nicht zu bieten, mehr als 1200 Gäste aus dem In- und Ausland sind gekommen. Und wer hätte es mehr verdient als Weizsäcker, von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident des Landes? Viele halten ihn für das bedeutendste Staatsoberhaupt seit 1949. Mit Sicherheit bekommt diesen Eindruck, wer den Reden im Berliner Dom lauscht.

Gauck: "Er sagte und tat das Richtige"

Das aktuelle Staatsoberhaupt Joachim Gauck nennt den Verstorbenen "einen großen Bundespräsidenten, der, als es an ihm war, das Richtige sagte und das Richtige tat". Weizsäcker habe "der Welt neues Vertrauen in unser Land gegeben", sagt Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der ihn noch aus gemeinsamen Tagen im Bundestag kennt, sah in Weizsäcker "eine besonders beeindruckende Form von Politik selbst".

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Trauerfeier für Weizsäcker: Letzte Ehre für den großen Staatsmann

Foto: Pool/ Getty Images

Es ist ein bewegender Abschied. Und wohl auch ein weiteres Abschiednehmen von der alten BRD. Die Grünen-Politikerin und frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer erinnert sich im Berliner Dom so an ihre Reaktion auf die Nachricht vom Tod Weizsäckers: "Es war, als sei die alte Bundesrepublik gestorben." Und tatsächlich: Auch wenn Weizsäcker noch drei Jahre im vereinten Deutschland amtierte - seine größte Wirkmächtigkeit hatte er in der Bonner Republik. Dort lieferte er sich - zwischen Villa Hammerschmidt und Kanzleramt - eine Art Privatduell mit seinem ehemaligen Förderer Helmut Kohl. Und in diese Zeit fällt auch Weizsäckers berühmteste Rede.

Am Ende kreisen alle Würdigungen um seine Rede am 8. Mai 1985, als er das 40 Jahre zurückliegende Kriegsende den "Tag der Befreiung" nannte. Ein ungeheurer Satz zu dieser Zeit. Die Rede "hatte eine ähnliche Wirkung wie der Kniefall von Willy Brandt in Warschau", sagt Antje Vollmer. "Beide Politiker erlaubten uns, den damals jüngeren, ganz vorsichtig wieder einzuwandern in das eigene Land, in dem wir gelebt hatten wie Fremde." Und die Ewiggestrigen und Verdränger schubste der Bundespräsident zur ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich.

Weizsäcker war alles andere als perfekt

Dabei besaß Weizsäcker selbst keine lupenreine Biografie: Als Offizier hatte er in der Wehrmacht gekämpft, den Vater - auch unter Hitler hoher Diplomat - bei den Nürnberger Prozessen verteidigt. Aber gerade deshalb wirkte seine Rede wohl so glaubwürdig. Andere mögliche persönliche Fehler hat er nicht eingestanden oder dazu geschwiegen. Etwa zu seiner Rolle als Geschäftsführer eines Unternehmens, das an der Produktion des berüchtigten Entlaubungsmittels "Agent Orange" im Vietnamkrieg beteiligt war. Gauck nennt ihn dennoch eine Identifikationsfugur. Nicht einmal ein Richard von Weizsäcker ist eben perfekt.

Nun also der Staatsakt: Am Tag zuvor haben die Soldaten stundenlang geübt, wie der mit der Bundesdienstflagge bedeckte Sarg tadellos anzuheben und aus dem Dom zum sogenannten Sargwagen zu tragen ist; er bringt den Verstorbenen zum Privatbegräbnis auf dem Waldfriedhof Dahlem. Der für ein protestantisches Gotteshaus erstaunliche üppige Berliner Dom blitzt und glänzt, ein Ensemble der Berliner Philharmoniker spielt zauberhaften Mozart und Mendelssohn.

Ein bisschen ist es auch wie ein großes Klassentreffen: Der Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger sitzt zwischen den Grünen-Chefs Simone Peter und Cem Özdemir, Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Otto Schily sind genauso da wie Rainer Brüderle und Philipp Rösler, die noch lebenden Altbundespräsidenten natürlich auch.

Nur von den alten Protagonisten der Bonner Republik ist kaum noch jemand da.

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