Richter Gehrke Frankfurts Mann für schwere Fälle


Frankfurt/Main - Das Landgericht in Frankfurt am Main ist eines der personalstärksten der Bundesrepublik, dennoch scheint es nur einen Richter für spektakuläre Fälle zu haben: Heinrich Gehrke. Der Vorsitzende Richter der 21. Strafkammer hat schon den Milliarden-Pleitier Jürgen Schneider, die Kindsmörderin Monika Böttcher und gerade eben den Opec-Attentäter Hans-Joachim Klein hinter Gitter gebracht. So richtig im Zentrum des Medien-Hurrikans steht der 61-Jährige aber wegen seines bislang prominentesten Zeugen, Bundesaußenminister Joschka Fischer.

Mit seiner Erfahrung ist Gehrke einiges gewohnt in seinem Gerichtssaal, und er ist sich auch durchaus der Wirkung seiner manchmal starken Worte in der Öffentlichkeit bewusst. Nach dem Freispruch eines Arztes 1989 erhielt er etliche Drohungen, weil er dessen Tucholsky-Zitat "Alle Soldaten sind Mörder" als von der Meinungsfreiheit gedeckt angesehen hatte.

Im Opec-Verfahren mag Gehrke schon am Anfang das Kommende geschwant haben, als er davor warnte, aus dem Prozess "ein historisches Seminar" oder ein Tribunal über noch aktive Politiker zu machen. Es schmerzt den Juristen nach eigenem Bekunden, dass über den Trubel um die prominenten Zeugen der eigentliche Prozessgegenstand in den Hintergrund tritt. In seiner Urteilsbegründung hat er daher bewusst die Klein-Freunde Fischer, Daniel Cohn-Bendit und Matthias Beltz in Schutz genommen.

Im Prozess gegen den schlitzohrigen Milliarden-Pleitier Schneider glänzte Gehrke mit witzigen Bonmots und deutlichen Worten gegen die Banken, die trotz "Warnsignalen von der Größe eines Scheunentors" dem Luftikus Schneider die Millionen hinterher getragen hätten. Der gegenüber Fehlleistungen seines eigenen Hauses uneinsichtige Dresdner-Bank-Vorstand Hans-Günter Adenauer entging damals nur knapp einem Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage. "Wie will man so aus Fehlern lernen?", fragte Gehrke den Banker. Lockerer ging es bei der Zeugenaussage des Deutsche-Bank-Aufsichtsrats Hilmar Kopper zu, der mit Gehrke über seinen rhetorischen "Peanuts"- Missgriff flachste. Schneider kam mit einer vergleichsweise milden Strafe von sechs Jahren und neun Monaten davon.

Bei der dritten Auflage des Prozesses gegen Monika Böttcher, geschiedene Weimar, um den Tod ihrer Töchter erwies sich der arbeitsame Jurist hingegen als kompromissloser Exekutor des Willens höherer Instanzen und konzentrierte den düsteren Mordprozess auf die wenigen Zeugen der unmittelbaren Tatvorgeschichte. Die milde gestimmte Öffentlichkeit erinnerte Gehrke daran, dass Mord nicht verjährt. Die Angeklagte bekam eine lebenslange Haftstrafe.

Hinter der Konzentration spektakulärer Prozesse bei ihm stecke kein System außer dem der üblichen Geschäftsverteilung, beteuert Gehrke, dem gelegentlich Eitelkeit unterstellt wird. "Nach Schneider" wechselte Gehrke von der Wirtschaftskammer in die "normale" Strafkammer. Zuständigkeitsbereich: "Mord und Totschlag". Als Schwurgericht ist seine Kammer für Angeklagte mit den Anfangsbuchstaben M bis Z zuständig, also für das immer noch "Weimar" heißende Verfahren gegen Böttcher und für Rudolf Schindler, den älteren der beiden Angeklagten im Opec-Prozess.

Christian Ebner, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.