Risiko Terroranschlag Deutsche Katastrophenschützer schlagen Alarm

Deutschlands Kernkraftwerke sind gegen Attentate wie in New York nicht ausreichend geschützt, warnt Bundesumweltminister Trittin. Doch nicht nur das: Katastrophenschützer sehen generell schwarz, würde sich ein vergleichbarer Anschlag in der Bundesrepublik ereignen.


Horrorvision deutscher Umweltminister: Was wäre, wenn... ein Flugzeug auf ein KKW (wie hier in Biblis) gesteuert würde?
DPA

Horrorvision deutscher Umweltminister: Was wäre, wenn... ein Flugzeug auf ein KKW (wie hier in Biblis) gesteuert würde?

Frankfurt/Köln - Deutschland ist für Katastrophen wie jüngst in den USA nach Ansicht von Experten nicht ausreichend gerüstet. Bei einer ähnlich großen Zahl von Verletzten wie nach den Anschlägen in New York und Washington wären deutsche Krankenhäuser "sowohl von der Kapazität als auch von den organisatorischen Anforderungen her meist überfordert", heißt es in einer Erklärung der Ständigen Konferenz für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutz (SKK) in Köln.

Angriffe könnten auch mit chemischen oder biologischen Waffen geführt werden, doch auch davor fehle der Schutz. Den Bedarf an funktionsfähigen Hilfsorganisationen habe die Politik nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr ausreichend berücksichtigt. Ein Unglück mit Dimensionen wie in den USA wäre nur mit einer Länder übergreifenden Kooperation zu bewältigen, doch ein einheitliches Einsatzkonzept von Bund und Ländern stehe noch aus.

50-prozentige Mittelkürzungen

Der SKK-Vorsitzende Norbert Burger beklagte, dass der Zivil- und Katastrophenschutz in den vergangenen Jahren immer weniger Geld erhalten habe. Der Haushaltsplan der Bundesregierung sehe für 2002 nur noch 86 Millionen Mark (rund 44 Millionen Euro) für den Zivilschutz vor, in diesem Jahr seien es noch 127 Millionen Mark. Das bedeute seit 1993 einen Rückgang um 50 Prozent. Außerdem fehle es zunehmend an freiwilligen Helfern.

Trittin lässt KKWs neu überprüfen

"Bei der Genehmigung eine solche Gefahr nicht gesehen": Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne)
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"Bei der Genehmigung eine solche Gefahr nicht gesehen": Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne)

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) kündigte zeitgleich in Frankfurt am Main an, die Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke würden überprüft. Die deutschen Atomkraftwerke seien auf solche Attentate nicht vorbereitet. Er habe bei der Reaktorsicherheitskommission einen entsprechenden Bericht angefordert. Bei der Genehmigung der Anlagen sei man nicht von einer solchen Gefahr ausgegangen.

Beim Erörterungsverfahren für das am unterfränkischen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld geplante Zwischenlager beklagten Umweltschützer mangelnde Sicherheitsvorkehrungen gegen Terrorakte. Die Anschläge in den USA erforderten völlig neue Überlegungen und Gutachten, ohne die eine Erörterung keinen Sinn mache, argumentierten der Bund Naturschutz in Bayern und der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz.

Der Genehmigungsprozess müsse mit aktualisierten Unterlagen völlig neu beginnen. Das Bundesamt für Strahlenschutz hielt dagegen, diese Fragen sollten gerade im Erörterungstermin besprochen werden. Aus Protest verließen alle Vertreter der Umweltgruppen geschlossen die Anhörung.

Am Freitag beginnt mit 1200 Teilnehmern eine zweitägige Katastrophen-Übung rund um das Kernkraftwerk Biblis, aus der sich auch neue Erkenntnisse über Sicherheitslücken ergeben sollen.

Ute Vogt fordert KKW-Abschaltung

Auf Grund der Terroranschläge in den USA hat sich die baden-württembergische SPD-Vorsitzende Ute Vogt für die Abschaltung des Atomkraftwerkes in Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis) ausgesprochen. Die Landesregierung solle ferner die Sicherheit aller Atomkraftwerke überprüfen, forderte Vogt am Donnerstag in Stuttgart.

Zwar gebe es für eine akute Gefährdung der Atomkraftwerke in Baden-Württemberg derzeit keine Anzeichen, sagte Vogt. Die Landesregierung müsse sich auf Grund der veränderten Lage dennoch stärker mit Sicherheitskonzepten befassen. Konkret nannte Vogt die Überwachung der Flugbewegungen im Umkreis von Reaktoren und die Überprüfung der Sicherheitstests. Beim ältesten deutschen Atomkraftwerk in Obrigheim sei eine Stilllegung "das Nächstliegende". Das bedeute "aber nicht, dass jetzt panisch alles abgeschaltet werden soll".

Holger Kulick (mit dpa)



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