Rita Süssmuth Beliebteste Außenseiterin der Republik

Neustart für die Professorin für Erziehungswissenschaften: Rita Süssmuth stieg in den achtziger Jahren zur beliebtesten Politikerin überhaupt auf - bis sie von Kanzler Kohl auf das repräsentative Amt der Bundestagspräsidentin weggelobt wurde. Aber auch dort setzte sie Akzente.

Von Johanna Klatt


Rita Süssmuth stieg nur zwei Jahre nach ihrem Amtsantritt kometenhaft zur "Frau des Jahres" auf und galt fast ein Jahrzehnt lang als die beliebteste Politikerin der Republik. Doch als Süssmuth im September 1985 zur Ministerin berufen wurde, musste die Bonner Journalistenriege erst noch zur Recherche ins Archiv aufbrechen.

Rita Süssmuth: Popularität war ihre stärkste Machtressource
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Rita Süssmuth: Popularität war ihre stärkste Machtressource

Denn die Dortmunder Professorin für Erziehungswissenschaften war nur den Wenigsten bekannt, ihr CDU-Parteibuch zu diesem Zeitpunkt erst ein paar Jahre alt. Umso mehr erstaunt es, wie schnell es Süssmuth gelang, öffentlich so außerordentlich bekannt und beliebt zu werden.

Dabei war die Übernahme des Bundesministeriums für Gesundheit, Familie und Jugend eine außerordentlich undankbare Aufgabe. Nur ein halbes Jahr nach ihrem Amtsantritt erschütterte die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl die Bevölkerung. Zudem verbreitete sich zusehends die Infektionskrankheit HIV. Im Umgang mit dem Aidsvirus setzte Süssmuth auf Aufklärung und Eigenverantwortung.

Ihr Ansehen als Wissenschaftlerin war ein Vorteil

Das war keine Selbstverständlichkeit zu einer Zeit, als ihre politischen Gegner die Kennzeichnung HIV-Erkrankter, Zwangstests oder Einreise-Stopps bestimmter Risikogruppen vorschlugen. Sicherlich von Vorteil waren dabei Süssmuths beruflicher Hintergrund und ihr Ansehen als Wissenschaftlerin, denn in einer zunehmend verunsicherten westdeutschen Gesellschaft schien der Rat von "Experten" gefragter denn je.

Ein anderer, vielleicht sogar wichtigerer Grund, weshalb Süssmuth sich die Aufmerksamkeit und den öffentlichen Rückhalt für ihre Politik verschaffen konnte, war ihr Talent, sich in den Medien zu behaupten. Dies ging sogar so weit, dass sie sich für die Titelseite des SPIEGEL ein überdimensionales Kondom über den Kopf streifte und in die Kamera lächelte.

Natürlich stießen derartige Aktionen vor allem in den eigenen Parteireihen auf wenig Gegenliebe, im Amt der Bundesministerin "durfte" Süssmuth dann auch nur gute zwei Jahre verweilen, bis sie 1988 vom damaligen Parteivorsitzenden Helmut Kohl in das vornehmlich repräsentative Amt der Bundestagspräsidentin weggelobt wurde.

Ihre Andersartigkeit machte sie so beliebt

Doch zu Beginn ihres politischen Werdegangs verfügte die Seiteneinsteigerin noch über weitreichende Freiheiten. Der Presse und den Medien galt Süssmuth als eine willkommene Abwechslung zu den typischen Politikern in Bonn. Und ihre Andersartigkeit wurde in der Öffentlichkeit zu einer Quelle der Sympathie.

Süssmuth war jahrelang die beliebte Ausnahme. Eine Umfrage des Playboy kürte sie zu der deutschen Politikerin, der die meisten Befragten "ohne Bedenken" ihr Auto anvertrauen würden, und laut der Neuen Revue hätten sich die meisten Bundesbürger mit ihren Problemen unter allen Politikern noch am ehesten an Rita Süssmuth gewandt.

Im Grunde war ihre stärkste politische Machtressource damit eine genuin demokratische: die der öffentlichen Popularität. Sie profitierte davon, in der Öffentlichkeit nicht als typische Politikerin wahrgenommen zu werden. Zudem blieb sie durch die Position als Bundestagspräsidentin nicht nur dem gewöhnlichen Parlamentsbetrieb, sondern gleichfalls dem durchschnittlichen Politikerimage immer ein Stück weit enthoben.

Der Quereinsteiger-Status half ihr in dem Maße, in dem sie in der Bevölkerung als "eine von uns" und weniger als "eine von denen" in Bonn oder später in Berlin wahrgenommen wurde.

Darauf stützte sich die junge und ambitionierte Politikerin, vielleicht auch in dem Bewusstsein, gewisse innerparteiliche Defizite aufgrund der mangelnden "Ochsentour" kompensieren zu müssen. Denn so beliebt Süssmuth in der Öffentlichkeit auch war und so effektiv es ihr gerade in frauenpolitischen Fragen gelang, Bündnisse zu schmieden, so gezwungenermaßen einzelgängerisch war ihr Agieren innerhalb der CDU und in der Bundestagsfraktion. Mit ihrer öffentlichkeitswirksamen Agenda und bisweilen provokanten Auftritten stieß sie in den eigenen Reihen beständig auf Widerstände und Neider - und fand schließlich in der Öffentlichkeit mehr Zustimmung als in der eigenen Partei.



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Seite 1
Satiro, 19.02.2009
1.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Weil die Karriere von Berufspolitern mit dem Kleben von Wahlplakten bereits im frühen Jugendalter beginnt.
jajokat 19.02.2009
2.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Klar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
stefkarr 19.02.2009
3. Ich frage mich
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
wer denkt sich immer diese Themen aus? Wie kann man nur annehmen, dass "Berufspolitiker" eine Selbstverständlichkeit wären? Es hat sich so eingebürgert, dass sich einige Herrschaften in unsrem Land auf den gut bezahlten Sesseln bequem gemacht haben. Der Eid den sie schwören "Schaden vom deutschen Volke ab zuwenden", wird alleine dadurch gebrochen, dass die Herrschaften so lange in Ihren Ämtern verweilen. In unserer Verfassung gibt es den "Berufspolitiker" nicht, auch nicht in den einschlägigen Gesetzen. Berufspolitiker sind Menschen, die das nicht einhalten, was Sie von der Masse erwarten: Flexibilität und Mobilität im Arbeitsleben. Berufspolitikter sind im Laufe der Zeit weg vom Alltagsleben, das 95% der Bevolkerung leben. Berufspolitiker sind Marionetten der Lobby. Sie sind mit Sicherheit alles das, was die Gründerväter unserer Repuplik nicht wollten: Fern vom Volk, gekauft von Lobbyisten. Für mich sind Sie des weiteren, genau dass was Sie selbst glauben was Harz-IV-Empfänger seien: Sozialschmarotzer, aber mit weit aus höheren monatlichen Bezügen. Und mit dem Unterschied, dass Sie mit Ihrer Machtfülle großen Schaden anrichten, was man von Harz-IV-Empfängern nicht sagen kann. Wir brauchen keine Quereinsteiger, sondern einfach nur Politiker die sich spätestens nach 2 Legislaturperioden verabschieden, dann ist das Thema Ouereinsteiger gelöst, und wir brauchen Quoten im Parlament, vom Handwerksmeister über Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftlern, und nicht wie heute einseitig meist beamtete verschiedener Berufszweige und Juristen. Das Argument, dass damit zuviel Kompetenz verloren ginge, kann so nicht gelten, sonst hätten wir heute nicht den Wirtschaftsminister den wir heute haben!
ANDIEFUZZICH 19.02.2009
4.
Zitat von jajokatKlar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
Klasse! Was ist eigentlich aus dieser deutschen Version (ja, ja, bei den Medien kopieren wir alles, da es uns an eigener Fantasie mangelt) von "spitting image" geworden? Mit dieser Besetzung könnte man den Brüller des Jahres landen!
bürger mr 19.02.2009
5. Ii
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Warum? - Da sitzen doch zum Großteil Beamte .
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