Rita Süssmuth "Ich habe geglaubt, dass die Union weiter ist"

"Gebärmaschinen", afrikanische Erziehungsvorstellungen, Potential der Einwanderer: Im Interview spricht die ehemalige Familienministerin und Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) über die abstoßende Kinderbetreuungs-Debatte um "Rabenmütter" und Solidarität mit muslimischen Frauen.


SPIEGEL ONLINE: Frau Süssmuth, Sie haben eine Tochter. Konnten Sie Ihr Kind in eine Kita geben?

Süssmuth: Nein, sie ist 1967 geboren. Ich war angewiesen auf familieninterne Organisation - auf die Teilung der Betreuung zwischen meinem Mann, mir und den Großeltern. Und ich habe damals eine Kinderfrau eingestellt.

CDU-Politikerin Süssmuth: "Unsere Nachbarländer haben viel früher begriffen, dass ein Kind nicht in eine Katastrophe schlittert, wenn seine Eltern berufstätig sind"
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CDU-Politikerin Süssmuth: "Unsere Nachbarländer haben viel früher begriffen, dass ein Kind nicht in eine Katastrophe schlittert, wenn seine Eltern berufstätig sind"

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich hat sich doch seitdem nicht viel geändert - heute gibt es in vielen Teilen Westdeutschland nur für vier Prozent aller unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz. Ein Grund zur Resignation?

Süssmuth: Nein, ganz im Gegenteil. Ich erinnere mich gut an die Diskussionen um die Tagesmütterbetreuung Anfang der siebziger Jahre. Damals gehörten zu den absoluten Gegnern Kinderärzte, Kirchen und traditionelle Familienverbände - ähnliche Kreise wie heute. Fünfzehn Jahre später war die Tagesmutter die anerkannteste familienergänzende Erziehungsform. Und seitdem sind wir weiter gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Mit durchschnittlich acht Prozent Betreuungsquote in Westdeutschland?

Süssmuth: Ja, die Einstellungen haben sich geändert. Ursula von der Leyen setzt sich mit aller Energie für die notwendige familienergänzende Kinderbetreuung und Bildungsförderung ein. Sie begründet das auch sehr gut, wenn sie mit dem afrikanischen Sprichwort argumentiert: "Um ein Kind zu erziehen, braucht es die Unterstützung eines ganzen Dorfes." Kinder und Eltern brauchen heute mehr Außenunterstützung, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Süssmuth: Die Welt hat sich grundlegend verändert. Viele Eltern sind heute so tief in ihre eigenen Konflikte verstrickt - ob es die Beziehungen sind, Arbeitslosigkeit oder finanzielle Probleme - dass das Kind oft den Eindruck bekommen muss: Ich bin zuviel.

SPIEGEL ONLINE: Hat es sie erschreckt, dass viele CDU-Politiker so scharf auf Ursula von der Leyens Vorstoß zum Ausbau der Krippenplätze reagiert haben?

Süssmuth: Ja, es hat mich erschreckt, aber es ist heute eher eine Minderheit, nicht mehr die Mehrheit. Unsere Nachbarländer haben viel früher begriffen, dass ein Kind nicht in eine Katastrophe schlittert, wenn seine Eltern berufstätig sind. Sondern, dass es darauf ankommt, ob sich die Gesellschaft kümmert, welche Rahmenbedingungen geschaffen werden und dass Erwachsene verlässliche Bindungen zu Kindern eingehen. Heute sind doppelt so viele Frauen berufstätig wie vor 30 Jahren - und das Denken in der deutschen Gesellschaft hat sich geändert.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht in der Union.

Süssmuth: Auch dort, aber ich habe geglaubt, dass die Union insgesamt weiter ist. Begriffe wie "Gebärmaschinen" von Bischof Mixa - aber auch das Wiederaufleben von "Rabenmüttern" – das sind abstoßende Begriffe. Viele Mütter und Väter sind heute hin und her gerissen zwischen dem Wunsch beim Kind zu sein und dem, arbeiten zu wollen oder zu müssen. Abgestoßen hat mich auch, dass immer noch von der "Naturrolle" der Frau die Rede ist - als gäbe es eine biologische Festlegung. Die Lebens- und Familienlagen sind so unterschiedlich. Und das bedeutet: Wir sollten aufhören, erwerbstätige und nichterwerbstätige Mütter oder Väter gegeneinander auszuspielen.

SPIEGEL ONLINE: Das Kabinett hat vor einigen Wochen die Reform des Zuwanderungsgesetzes beschlossen. Geduldete sollen unter bestimmten Bedingungen ein Bleiberecht bekommen. Ist das die humanitäre Geste, die viele gefordert hatten?

Süssmuth: Damit wird Menschen, die lange in Deutschland leben, die Chance geben, sich eine Arbeit zu suchen und damit einen geregelten Aufenthaltsstatus zu erhalten. Diese Menschen sind entwurzelt, bislang konnten sie ihr Leben nicht planen, weil ihre Perspektive nicht über drei Monate hinausging - und nur bis zur nächsten Verlängerung der Duldung reichte. Das Problem ist aber weiterhin: Was passiert mit denen, die keine Arbeit finden oder nicht arbeiten können?

SPIEGEL ONLINE: Wieso sind es aus der Migrantencommunity vor allem Frauen wie Necla Kelek und Seyran Ates, die Zwangsehen und Verbrechen wie Ehrenmorde, sowie die fehlende Gleichberechtigung von Frauen, anprangern?

Süssmuth: Ich frage zurück: Was haben denn unsere Männer vor 40 oder 50 Jahren getan, um uns zu helfen? Manchmal konnte man sie an einer Hand abzählen. Die Mehrheit in den muslimischen Verbänden sagt, genau wie unsere Männer damals gesagt haben: Es soll doch alles beim Alten bleiben. Es ist doch alles gut, wenn wir das Sagen haben, die Frauen zuhause bleiben. Und Kelek hat Recht, wenn sie sagt: Ihr habt über Jahre versäumt, Eure Werte und Normen für Menschen aus anderen Kulturen geltend zu machen. Aber: Nationen, die sich so sehr ihrer Gleichberechtigung rühmen und darauf Wert legen keine Zwangsehen zu haben, sollten nicht vergessen, woher wir kommen. Sogenannte Abspracheehen hat es bei uns über Jahrhunderte gegeben. Wir waren kein Inbegriff von Toleranz.

SPIEGEL ONLINE: Das ist in Deutschland aber Vergangenheit.

Süssmuth: Es ist trotzdem wichtig, zu wissen, wo Strukturen herkommen. Menschen sind aus Südostanatolien hierher gekommen und hatten keinerlei Rückhalt - außer in den Moscheegemeinden. Übrigens haben wir Deutschen früher mit sehr viel Begeisterung Kinder in Koranschulen gehen lassen. Das erschien bequem, und wir gingen offiziell davon aus, dass diese Kinder in ihr Herkunftsland zurückwandern.

SPIEGEL ONLINE: Vor vierzig Jahren konnten auch in Deutschland Frauen von ihrem Ehemann gezwungen werden, ihren Beruf aufzugeben, wenn das Wohl der Familie gefährdet war. Kann man die Probleme, die viele muslimische Frauen in ihren Familien haben, mit denen vergleichen, die deutsche Frauen damals hatten?

Süssmuth: Zum Teil ja, und auch die Reaktionen sind ähnlich. Necla Kelek und andere haben öffentlich ihr Leid und ihre Probleme publiziert und damit Öffentlichkeit hergestellt. Diese engagierten Frauen kämpfen für ihre Leidensgenossinnen. Mich fragen häufig türkische Frauen aus Istanbul: "Wie kommt ihr mit den Männern und Frauen aus Südostanatolien klar? Wir kommen es nicht. Warum setzt ihr euch nicht mehr ein gegen Gewalt in deren Familien?" Unsere Antwort ist oft: Der Zugang in diese Familien ist sehr schwer. Aber genau dort setzt solidarisches Handeln ein. Wir müssen unterdrückten Frauen helfen und sie in ihrem Kampf nicht alleine lassen.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 wollte man die Elite der Welt holen - ein paar Hundert kamen. Ist die Idee, Deutschland auch zu einem Einwanderungsland Hochqualifizierter zu machen, gescheitert?

Süssmuth: Bisher ist sie zumindest nicht erfolgreich. Deutschland hat die Anforderungen für Hochqualifizierte sehr hoch gesetzt - auch beim Einkommen. Außerdem ist die Arbeitslosigkeit kein Attraktivitätsfaktor. Die Wirtschaft jedoch sagt: Uns fehlen gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland. Die Politik entgegnet: Dann bildet doch die Deutschen aus. Das ist eine sich selbst blockierende Diskussion. Wir reduzieren die Frage der Migration immer darauf: Zuwanderung von Qualifizierten erst dann, wenn wir eigene Arbeitslosigkeit reduziert haben, statt gleichzeitig zu fragen: Was können Migranten beitragen, um Arbeitslosigkeit zu senken?

Das Interview führte Anna Reimann



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