Grünenchef Habeck Wahlkampf im Wald

Wie über Klima reden, ohne das Leid der Hochwasseropfer zu instrumentalisieren? Beim Waldgipfel in der Flutregion geht Robert Habeck in die Offensive – und hofft auf Entlastung im grünen Pannen-Wahlkampf.
Von Gerald Traufetter, Wershofen
Wahlkämpfer Habeck (am Dienstag in Biesenthal, Brandenburg): »Der Wald ist ein Sehnsuchtsraum«

Wahlkämpfer Habeck (am Dienstag in Biesenthal, Brandenburg): »Der Wald ist ein Sehnsuchtsraum«

Foto: POOL / REUTERS

Unter normalen Umständen ist es ein Auftritt, der wie geschaffen ist für einen Grünenvorsitzenden. Der oberste deutsche Walderklärer Peter Wohlleben hat in sein Heimatdorf Wershofen zum Nationalen Waldgipfel eingeladen. Es geht um einen deutschen Mythos, vielleicht den deutschen Mythos überhaupt, und dieser Mythos ist in großer Gefahr. Durch den Menschen, der ihn für seinen Holzhunger ausbeutet und die Klimakrise, die ihn verdorren lässt.

Robert Habeck ist als einer der Hauptredner eingeladen, und er weiß die Vorlage zu nutzen. »Der Wald ist ein Sehnsuchtsraum«, dichtete er gleich zu Beginn seines Vortrages. »Es riecht anders, der Wind hört sich anders an, als wenn er durch die Straßen rauscht.«

Für Habeck und seine Partei könnte der Waldgipfel nicht gelegener kommen. Das Thema zieht, auch bis tief in bürgerlich-konservative Wahlschichten. Dort wollen die Grünen als selbst ernannte Volkspartei hinein, nur so können sie über 20 Prozent bei den kommenden Bundestagswahlen landen. Und der Termin lenkt ab von den lähmenden, öffentlichen Debatten über die Pannen und Fehler der grünen Kanzlerkandidatin, Habecks Co-Vorsitzender Annalena Baerbock

Doch so einfach ist das für Habeck und die Grünen nicht, sich über Kahlschlag und Dürre im Holz zu empören. Denn der Waldgipfel findet in der Waldakademie Wohllebens statt, und die liegt nur ein paar Kilometer Luftlinie vom Epizentrum der Flutkatastrophe, dem Ahrtal. Das Eifeldörfchen Wershofen, in der sich das Tagungszentrum des Bestsellerautors befindet, ist nur deshalb von den Fluten verschont geblieben, weil es auf dem Hügel liegt und nicht in den engen Talschluchten, durch die die zerstörerischen Wassermassen gerauscht sind.

Die Nähe zwischen diesen beiden Orten steht für das Problem, das die Grünen gerade haben: Wie lässt sich über Umwelt und Klima sprechen, jetzt, wo gerade etliche Menschen hier ihr Leben verloren haben? Oder muss man es gerade jetzt? Wie aber redet man dann darüber, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, das Leid der Opfer zu instrumentalisieren und dem politischen Gegner die Gelegenheit zu bieten, der Partei wahltaktisches Kalkül zu unterstellen?

In Wershofen zeigt sich, wie schwer es für die Grünen in diesem Wahlkampf geworden ist, in die Offensive zu kommen, selbst bei einem Thema, das ihr ureigenes ist.

Robert Habeck versucht es, indem er sein Dilemma offensiv anspricht: »Ich kann hier nicht sein, ohne mich auch mit den Leuten auszutauschen, die betroffen sind von dieser Katastrophe«, sagt er und entschuldigt sich, nicht den ganzen Tag bleiben zu können. Er werde zu den Menschen, den Betroffenen fahren.

Nach seinem Vortrag, kurz bevor er in die Hochwassergebiete aufbricht, wird er noch deutlicher. Er spricht von einer »Beklommenheit«, die ihn überkomme, wenn er an die Tragödie denke, die sich gleich im nächsten Tal abgespielt habe. Und er erzählt davon, wie sonderbar sich seine Wahlkampfreise in Schleswig-Holstein angefühlt hatte. Dort habe er im Sonnenschein gestanden, während weiter im Süden die Menschen gegen die Fluten gekämpft hatten.

Die Spielräume für die Grünen in diesem Wahlkampf sind klein geworden seit der Kontroverse über die Kanzlerkandidatin. CDU-Chef Armin Laschet und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder haben wie selbstverständlich gesagt, dass das Flutdesaster etwas mit dem Klima zu tun hat. Doch Habeck muss vorsichtiger sein.

Habeck verspricht Waldfonds

Deshalb schickt er vorweg, dass es bei diesem Starkregen-Ereignis den Unterschied ausgemacht hat, dass es so lange an einem Ort geregnet habe, ein Wetterphänomen. Und dass es so katastrophal wurde, habe eben auch an dem Zufall gelegen, dass die enormen Regenmengen über engen Tälern niedergegangen seien. Insofern sei diese Katastrophe ein singuläres Ereignis.

Erst nach dieser Vorrede kann er dann über die Klimaerwärmung sprechen, die solche Ereignisse häufiger machen würde, und die natürlichen Wälder, die hätten helfen können, das Wasser zurückzuhalten und Menschen zu schützen.

Den Rest erledigt zum Glück der Gastgeber, Peter Wohlleben. Der ehemalige Förster will die Flutkatastrophe ganz bewusst zu einer Debatte über eine neue Art von Waldbewirtschaftung nutzen. Wohlleben erzählt von einem gesunden Buchenwald ganz in der Nähe seiner Akademie. Der stehe an einem Steilhang, an dem er keinerlei Spuren herabfließenden Wassers habe entdecken können.

Habeck nutzt den Auftritt, die Konkurrenz mit weiteren politischen Vorstößen aus der Reserve zu locken. Am Dienstag war ihm das zusammen mit Baerbock schon bei der Vorstellung eines Sofortprogramms für den Klimaschutz ganz gut gelungen. Darin enthalten war die Idee, ein eigenes Klimaschutzministerium zu gründen, ausgestattet mit einem Vetorecht gegenüber den anderen Ressorts bei neuen Gesetzen – ein Affront für jede Partei, die nach den Wahlen mit den Grünen koalieren könnte.

Genüsslich beobachtete Habeck in der Folge, wie die anderen Parteien über den Vorschlag herfielen. Eine inhaltliche Kontroverse ist genau das, was die Grünen gebrauchen können, um sich Entlastung zu verschaffen.

In Wohllebens Waldakademie versucht es Habeck weiter mit Offensive. Er stichelt gegen das von der Union geführte Bundeslandwirtschaftsministerium und das von der SPD geführte Bundesumweltministerium, zwei Ressorts, die in Sachen Wald »gegeneinander gehandelt haben«, sodass am Ende nichts vorangegangen sei, befindet Habeck.

Mit den Grünen an der Macht würde das selbstverständlich anders, lautet seine Botschaft. Habeck stellt einen Waldfonds vor, den seine Partei nach der Wahl einrichten wolle, ausgestattet mit einer Milliarde Euro. »Der Waldfonds soll Besitzer entschädigen, die ihren Wald nicht nutzen«, erklärt der Grünenchef. Auf diese Weise solle ein gesunder Mischwald entstehen, der Dürre und steigenden Temperaturen widerstehen könne. Das sei eine Investition in die Natur, »die altehrwürdigste Infrastruktur«, die die Menschheit habe, so Habeck.

Der Grünenchef wirkt in Wershofen so, als habe er den Spaß am Wahlkampf wiederentdeckt, allen Widrigkeiten zum Trotz. Demonstrativ unbekümmert gibt er sich, als wolle er keine Rücksicht nehmen auf irgendeinen Shitstorm in den sozialen Medien oder Lästereien des politischen Gegners. Als ihn ein Reporter nach seinem schönsten Erlebnis im Wald fragt, antwortet er: »Das kann ich ihnen nicht erzählen.« Dann grinst er vielsagend und fügt hinzu: »Aber es war sehr schön.«

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