Spitzenduo Baerbock und Habeck Deutsche Roxette

In der Coronakrise schien es, als verließe die Grünen ihr Umfrageglück. Inzwischen hat man sich stabilisiert, was auch an der Selbstinszenierung des Spitzenduos liegt. Doch manche Parteifreunde sind davon genervt.
Annalena Baerbock und Robert Habeck auf ihrer Sommertour 2020: Hauptsache, das Bild ist "gramable"

Annalena Baerbock und Robert Habeck auf ihrer Sommertour 2020: Hauptsache, das Bild ist "gramable"

Foto: DAVID HECKER/EPA-EFE/Shutterstock

Das Licht in der Bar ist schummrig. Robert Habeck sitzt an der Theke im "Flensburger Volksbad" beim sogenannten Kneipengespräch und trinkt - natürlich – Flensburger. Die Unterhaltung wird auf Facebook übertragen. Der Grünenchef sagt: "Ich will Dinge verändern, und deswegen will ich mit den Grünen in die Regierung. So stark wie es geht."

Ein Dienstag Mitte Juli, es ist ein Termin nach Habecks Gusto: Er darf sich zu Beginn ein Lied wünschen (er entscheidet sich für "No Time to Sleep" von Tina Dico), die Fragen sind bequem, seine Antworten ausführlich. Habeck zeigt sich als netter Typ von nebenan, der sich quasi zufällig in die Politik verirrt hat, weil er einen Radweg habe bauen wollen (den es, so sagt er, bis heute nicht gibt). Aber jetzt, wo er schon mal da ist, will er das Land verändern. Zum Guten natürlich.

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Habeck ist ein Meister der Selbstinszenierung. Wuschelfrisur, Dreitagebart, ausgebeulte Jeans - er hat sich den lässigen Look nicht extra für die Politik zugelegt. Aber nun pflegt er ihn demonstrativ, ein bisschen unkonventionell rüberzukommen kann ja nicht schaden in einem Geschäft, in dem noch immer der Anzug als Uniform gilt.

Während der Coronakrise hat Habeck viel über Instagram kommuniziert, die Plattform ist sein liebstes soziales Medium - und das einzige, das er noch nutzt, seit er sich von Twitter und Facebook zurückgezogen hat. Hier kann er die Bildwelt kontrollieren. Er zeigt, wie er "Normativität und Macht" von Rainer Forst ("heavy stuff", schwere Kost, kommentiert Habeck) und "Die Pest" von Albert Camus ("muss sein") liest. Er lädt ein Bild davon hoch, wie er sich selbst mit einer Maschine die Haare schneidet, vor einem Stuhl, auf den er behelfsmäßig einen Spiegel gestellt hat (Hashtag "#selfmadeFrisur").

Harte Krise, weiche Bilder

Der Grünenvorsitzende hat es perfektioniert, mit Bildern Schlagzeilen zu produzieren. Dabei haben die oft wenig mit politischen Inhalten oder Ideen zu tun. Das gefällt nicht jedem, auch nicht in der eigenen Partei.

Etwa eine Woche ist es her, als Habeck mit dem schleswig-holsteinischen CDU-Ministerpräsidenten Daniel Günther wandern ging, inklusive Fotografin und Kamerateams. Ein politischer Termin, natürlich. Schwarz-Grün in trauter Zweisamkeit, die Zukunft in Bildern.

Hinterher aber kursierten vor allem Fotos von Habeck mit Wildpferden. Auf Instagram lud er ein Bild von sich und den Pferden hoch (ohne Günther): Das sei so "dicht an Magie, wie man kommen kann". Vergessen zu erwähnen hatte er, dass einige der Pferde vom Naturschutzbund so vernachlässigt worden waren, dass sie beinah verhungert wären. Passt ja auch nicht gut zur "Magie". Im Netz spottete vor allem die SPD über ihn und sammelte unter dem Hashtag #wasmitPferden Bilder von Politikern mit allerlei Getier.

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Auch bei den Grünen sind viele von der Habeck’schen Selbstinszenierung zunehmend genervt. Öffentlich will sich niemand äußern, die Umfragewerte der Partei haben sich nach einem kleinen Hänger auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie schließlich wieder stabilisiert. Da will niemand die Harmonie stören.

Doch hinter vorgehaltener Hand frotzeln viele über den Chef. "Albern" und "zu viel" sind Worte, die fallen. Ob das Bild der Habeck'schen Friseurkünste Mitte April, also inmitten der Krise, angemessen war, hat sich so mancher in der Partei gefragt.

Aber auch seiner persönlichen Popularität in der Bevölkerung scheint die ständige Pose weniger zu schaden. Laut ZDF-Politbarometer  sind seine Werte im Juli besser als im Juni. Wobei die Zeiten vorbei sind, in denen Habeck mit den Beliebtheitswerten der Kanzlerin mithalten oder Finanzminister Olaf Scholz hinter sich lassen konnte.

Aber passt Habecks Selbstinszenierung in die Zeit der harten Krise? Seine Bilder sind wie Zuckerwatte. Flauschig, aber eben auch klebrig, ein bisschen zu süß.

Er findet den Vorwurf nicht fair, die Exegese der Pferdebilder schon gar nicht. Das merkt man während des Kneipengesprächs in Flensburg. Die eigene Bekanntheit nerve ihn. Jeder habe ein Handy in der Hosentasche. "Wenn du irgendwo bist oder irgendwas machst, was vielleicht ein bisschen ungewöhnlich ist, musst du damit rechnen, dass das gleich bei Twitter, Instagram und Facebook abgeht", sagt er.  

Klingt, als müsse er sich regelmäßig vor Trauben aufdringlicher Fans in Sicherheit bringen. Wer öfter mit Habeck unterwegs ist, weiß, das dem nicht so ist. Die Bilder, die "abgehen", werden in den allermeisten Fällen auf Presseterminen von professionellen Fotografen geschossen. Oder von Habeck selbst hochgeladen. Wenn sich der Grünenchef über das Interesse an seiner Person aufregt, dann ist das auch Koketterie.

Auch Baerbock beherrscht das Spiel der Selbstinszenierung

Aber Habeck ist ja nur ein Teil der Grünenspitze. Und auch seine Co-Vorsitzende Annalena Baerbock versteht es, sich in Szene zu setzen. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass Baerbock sich für ihren Instagram-Feed unter dampfende Pferdemäuler legen würde. Aber sie wird in einem noch auszustrahlenden Dokumentarfilm Trampolin springen, was sie in Kinder- und Jugendzeiten als Leistungssport betrieb. Aller Voraussicht nach wird das ein ganz schöner Auftritt – denn welche Politikerin, Chefin einer "Quasi-Regierungspartei", steigt mit fast 40 noch eben kurz aufs Trampolin?

Meist aber legt Baerbock in der Selbstdarstellung einen anderen Schwerpunkt als Habeck: Sie profiliert sich vor allem in fachlichen Belangen.

Beispiel Kohleausstiegsgesetz. Jeder, der die Grünenchefin einmal (oder gern auch öfters) über die fallstrickartigen Verästelungen des Gesetzes (das Baerbock ein noch "18 Jahre lang währendes Kohleabsicherungsgesetz" nennt) hat sprechen hören, weiß, wovon die Rede ist. Sie bombardiert die Zuhörenden mit so vielen Fakten, dass sie zum Verständnis des Sachverhalts ab einem bestimmten Punkt nur noch wenig beitragen können. Nun ist es natürlich gut, wenn sich Politiker mit der Materie auskennen, über die sie sprechen. Aber Baerbocks Detailwut wirkt übertrieben.

Dass sich Habeck und Baerbock hier glänzend ergänzen, dürfte allerdings ein nicht unwesentlicher Teil ihrer Erfolgsgeschichte sein.

Baerbock inszeniert sich auch über Rollen. Je nachdem, wo sie auftritt, legt sie Wert darauf, dass sie in Niedersachsen geboren und aufgewachsen ist oder aber aus Brandenburg kommt, wo sie seit 2009 mit ihrer Familie wohnt.

Sie ist immer wieder gern "Mutter zweier noch eher kleiner Kinder", zuletzt quasi hauptberuflich als Projektionsfläche für alle anderen arbeitenden Mütter während der Coronakrise. Baerbock lud gemeinsam mit Wissenschaftlern zum "Kitagipfel" in die Bundespressekonferenz, wo sie – wie nahezu täglich während des sogenannten Lockdowns – an die Notwendigkeiten und Verheißungen der frühkindlichen Bildung erinnerte. Baerbock war die Oppositionsfamilienministerin.

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Doch zur erfolgreichen Selbstinszenierung gehört, das weiß auch Baerbock, nicht nur das zur Schau gestellte Fachwissen, sondern auch der Stil. Bislang setzte sie auf knallbunte Kleider. Seit einiger Zeit aber fehlen die blumigen Flatterkleider im Baerbock’schen Repertoire. Stattdessen sieht man sie jetzt zunehmend gern im Politikerinnen-Sakko oder der Hosenanzug-Kluft. Vielleicht hat sie sich eine Kolumne der "Bild"-Zeitung zu Herzen genommen. Dort schrieb jemand mal entsetzt über ihr "Streublümchen-Kleid" und erteilte folgenden Rat: "Strebt Annalena Baerbock nach der Kanzlerkandidatur, müssen sich ihre Outfits ändern."

Während Baerbock ihr Bild in der Öffentlichkeit inzwischen möglicherweise weniger farbenfroh denkt, hat Habeck an seiner Inszenierung übrigens rein gar nichts geändert: Vor fast genau drei Jahren lud er schon einmal ein Bild von sich und den Pferden hoch. Damals schrieb er dazu: "Mit den Wildpferden flüstern…".

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde der Autor des Buches "Normativität und Macht" fälschlicherweise als Rainer Foster bezeichnet, er heißt Rainer Forst. Wir haben die Stelle geändert.