Robert Habeck Es ist zum Heulen

So nett ist kein Mensch: Die penetrante Beschreibung des Grünenchefs Robert Habeck als softer Super-Sympath ist eine Verschwörung der Medien.

Menschlich, uneitel, gebildet und unerträglich: Robert Habeck
DPA / Michael Kappeler

Menschlich, uneitel, gebildet und unerträglich: Robert Habeck

Eine Kolumne von


Ich kann Robert Habeck nicht ausstehen. So, jetzt ist es raus.

Hoffentlich verliere ich jetzt nicht meinen Job. Denn eigentlich müsste mich Robert Habeck doch durch und durch begeistern, jedenfalls scheint das zurzeit Grundvoraussetzung zu sein für die Arbeit als Journalist.

Wo man auch blättert: Robert Habeck spricht "mit leiser, freundlicher Stimme" ("BamS"), er "kommt selbstironisch und sympathisch daher" ("Die Welt") und ist "dem jungen Willy Brandt vergleichbar" ("Stern"). Die "Bild am Sonntag" verschickte am Wochenende gar eine Vorabmeldung mit der Information, Habeck müsse seit der Geburt seiner Kinder angesichts kitschiger Filme weinen und brauche morgens im Bad nur zwei Sekunden, um sein Haar zu richten. Haltet die Druckerpressen an, diese Meldung muss noch rein!

Über uns Journalisten heißt es, wir stünden in überdurchschnittlicher Zahl den Grünen nahe, und ich gebe offen zu: Mit vielen politischen Ideen dieser Partei kann ich mich identifizieren. Ich halte den Klimawandel für das größte Problem unserer Zeit. Ich bin dafür, dass Konsumgüter ökologisch vertretbar hergestellt und fair gehandelt werden. Ich finde, dass Deutschland als reiche Nation eine große Verantwortung hat, denen zu helfen, die weniger haben - sei es mit Entwicklungshilfe oder der Aufnahme von Flüchtlingen.

Trotzdem habe ich einen starken Widerwillen dagegen, diese Partei zu wählen. Und der hat mit Robert Habeck zu tun.

Ich leide unter Misorobertie

In der "Washington Post" habe ich kürzlich einen Text über das Phänomen der "Misophonie" gelesen. Wörtlich bedeutet der Begriff "Hass auf Geräusche" und bezeichnet eine neurologische oder psychische Störung (man ist sich da nicht ganz sicher), die dazu führt, dass Betroffene beispielsweise nicht ertragen können, eine bestimmte andere Person auch nur atmen zu hören. Andere bemerken das Geräusch gar nicht oder finden es sogar angenehm, sie hingegen macht es rasend.

Ich leide offenbar an Misorobertie: Wenn ich Robert Habeck auch nur sehe, stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Die ersten Symptome zeigten sich im September 2016, als ich Habecks Buch "Wer wagt, beginnt. Die Politik und ich" auf den Schreibtisch bekam. Habeck war damals noch Umweltminister von Schleswig-Holstein, das Cover zeigt den "engagierten Familienmenschen" (Verlagswerbung) lächelnd und mit offenen Armen an einem deutschen Nordseestrand. Er sieht aus wie Leonardo di Caprio an der Bugspitze der "Titanic": "Ich bin der König der Welt!" Ja, bis du dann absäufst, habe ich mir gedacht.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
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Robert Habeck
Wer wagt, beginnt

Verlag:
KiWi-Paperback
Seiten:
336
Preis:
EUR 14,99

Meine Abneigung ist gänzlich unpolitisch. Habeck ist gebildet, sagt immer das Richtige und verkörpert den modernen Mann: Soft, aber doch bestimmt. Zart, aber auch hart, wenn's drauf ankommt. Mit anderem Wort: unerträglich.

Ganz offensichtlich bin ich nur eifersüchtig. Auch ich brauche nicht lang im Bad. Auch ich bekomme öfter feuchte Augen, seit ich Vater geworden bin. Aber keine Frau bekommt feuchte Augen, wenn sie von mir spricht. Was hat er, was ich nicht habe?

Zum Haareverwuscheln

Der Gerechtigkeit halber muss ich vermerken, dass auch Robert Habeck selbst der Habeck-Hype unangenehm zu sein scheint. "Die Zuschreibung von Äußerlichkeiten lenkt von den eigentlichen Themen ab. Diese Fragen gehören nicht zu meinen Lieblingsfragen", sagte er der "BamS" auf die Frage, ob gutes Aussehen in der Politik helfe. "Habeck knetet seine Hände, zeigt so sein Unbehagen", kommentiert die Zeitung seine Einlassung in kursiver Schrift. Wie uneitel. Wie menschlich. Es ist zum Haareverwuscheln.

Mittlerweile halte ich die mediale Habeck-Begeisterung für eine Verschwörung. Aber eben nicht für ein Komplott Grünen-freundlicher Journalistinnen und Journalisten, die Habeck unbedingt im Kanzleramt sehen wollen. Nein, ganz im Gegenteil: Es handelt sich dabei um ein abgekartetes Spiel der konservativen Presse, die Robert Habeck durch eine Flut penetrant-schleimiger Beschreibungen selbst jenen verleiden wollen, die ihm potenziell politisch nahe stünden. Habeck kann nichts dafür. Man will ihn auf perfide Weise unwählbar machen.

Übrigens: Viel zu wenig wird zurzeit darüber berichtet, wie freundlich, mitfühlend und sympathisch der junge und gutaussehende FDP-Chef ist.



insgesamt 217 Beiträge
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Seite 1
mitch72 30.04.2019
1. Nicht ganz falsch
was Sie hier so sagen. Es scheint, dass Robert Habeck uns schmackhaft gemacht werden soll - als künftiger Minister einer Art? Ich selbst wähle auch grün, obwohl mir einige Themen zu aggressiv bearbeitet werden (Gendergerechtigkeit und so). Bei mir sind die ausschlaggebenden Personen jedoch Joschka Fischer und Winfried Kretschmann.
Hirschkuh 48 30.04.2019
2. Danke!
für diesen Beitrag - geht mir genauso. Und wenn man mitbekommen hat, wie Herr Habeck zum Tierschutz steht... dann möchte man sein Kreuzchen tatsächlich woanders hin setzen.
spon_7302413 30.04.2019
3. Ein uralter Trick...
... und gefährlicher, als im Gebrauch bereits abgenutzte permanente Brunnenvergifterei, besteht darin, einen potenziell gefährlichen Protagonisten unter Überschwang und Lobhdelei regelrecht zu ersticken, damit die Erwartungshaltung bis ins unerfüllbare zu steigern, um ihn anschließend krachend abschmieren zu lassen. Angesichts der normativen Kraft des Faktischen durchaus denkbar.
BurekTomate 30.04.2019
4. Ganz was Neues
Dass die Medien für die Grünen große Begeisterung hegen, das ist ja nicht neu. Doch so mancher versucht es nicht mal mehr zu verbergen. Ich weiß nicht ob ich diese Ehrlichkeit loben soll, oder die Unverschämtheit so etwas zu tun, obwohl man sich Journalist nennt. Habeck ist ein kluger Schachzug von den Grünen. Einen sympathischen Mann ( zumindest tut er öffentlich so) aufstellen, sodass der Wähler vergisst dass es sich um eine zutiefst feministische Partei handelt. Selbst Habeck hetzt gegen Männer. Hätte er das Gleiche über Frauen gesagt, wäre er sofort aus der Partei geflogen. Er wäre wohl aus jeder deutschen Partei geflogen. Doch so hat niemand darüber berichtet und die Grünen können weiterhin radikale Gesetze vorantreiben, während sie nach Außen hin als sympathisch wahrgenommen werden. Ein Albtraum!
Rechtsrum 30.04.2019
5. Interessant und ehrlich nur der 2. Abschnitt
Wer Nachrichten in Deutschland verfolgt, egal ob im TV, Internet oder Printmedien, kann der Aussage nur zustimmen: Es ist eine Voraussetzung geworden, nur noch positiv über die Blockparteien zu berichten. Auch das Weglassen von Informationen (wie z.B. Nationalität von Straftätern) oder schlicht unwahre Angaben (über z.B. die tatsächliche Zahlen über Einreisende Personen ins Land) sind inzwischen völlig in Ordnung. Ob die Informationen aus dem Hauptquartier in Berlin angewiesen sind oder, wie früher in Merkels richtigem Land, es sich um vorauseilenden gehorsam handelt, ist schwer zu sagen. Wer wirklich relativ objektive Berichterstattung sucht, wird in der ausländischen Presse fündig - und sich wundern, was in diesem Land inzwischen wieder möglich ist.
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