Grüne wollen Volkspartei sein Sehnsucht nach Macht

Wie lange sollen sie noch warten? Die Grünen haben sich über die Jahre hübsch gemacht fürs Regieren, können links wie rechts - von Rot-Rot-Grün bis Jamaika. Für manchen Vorkämpfer aber wird die Zeit knapp.
Robert Habeck, Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt

Robert Habeck, Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Robert Habeck fliegt zum Hermannsdenkmal. Er steuert den Hubschrauber über die Felder von Bückeburg nach Süden, weiter über den Teutoburger Wald. Da taucht die Statue des Cheruskerfürsten vor ihm auf. Der Grünen-Chef sitzt im Pilotensessel, neben ihm ein Soldat der Bundeswehr.

Der Flugplatz, die Felder, das Denkmal: Das ist alles nur eine Simulation in der Bückeburger Kaserne nahe Hannover, wo Hubschrauberpiloten ausgebildet werden. Habeck ist hier zu Besuch, beginnt seine politische Sommerreise - ausgerechnet - beim Militär. Und ein Motto hat der Grüne seiner Reise auch noch gegeben: "Des Glückes Unterpfand", ein Zitat der deutschen Nationalhymne.

Passt das alles noch zu den Grünen?

Der vermeintliche Gegensatz ist Programm. Habeck und seine Co-Chefin Annalena Baerbock wollen in diesem Sommer Orte besuchen, die kontrovers, aufgeladen sind. Das Herrmannsdenkmal oder das Hambacher Schloss oder die Wartburg. Und immer so weiter. Man wolle diese Orte nicht den Rechtspopulisten überlassen, sagen die Grünen, man wolle den Erzählungen der Nationalisten etwas entgegensetzen.

Die Orte nicht und auch die Begriffe nicht. So versuchen die Grünen bereits seit Monaten, den Begriff von der Heimat zu okkupieren. Schon 2009 schrieb Habeck ein Buch mit dem Titel: "Patriotismus: Ein linkes Plädoyer". Ihre österreichische Partnerpartei hat mit dieser Strategie sogar eine Präsidentschaftswahl gewinnen können. "Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht", sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt nach der Bundestagswahl.

Robert Habeck im Flugsimulator

Robert Habeck im Flugsimulator

Foto: SPIEGEL ONLINE

Dahinter steckt der Kampf um neue Mehrheitsfähigkeit. Nur einmal haben die Grünen für knapp zwei Legislaturperioden auf Bundesebene mitregiert, seit nunmehr 13 Jahren stecken sie in der Opposition fest. Dabei sind sie mittlerweile wohl der flexibelste Koalitionspartner im deutschen Parteiensystem, können links wie rechts.

Habeck sagt, die Grünen sollten neue Konstellationen nach Wahlen möglich machen: "Diese Rolle nehmen wir an, auf allen Ebenen, mit einer gewissen Suchbewegung, aber mit dem Wissen, dass wir breitere gesellschaftliche Bündnisse brauchen und es nicht mehr ausreichend ist, im eigenen Milieu mehrheitsfähig zu sein."

Andere in der Partei nennen diese Suchbewegung längst beim Namen: Sie wollen Volkspartei werden.

Ein paar Stunden nach dem Helikopterflug sitzt Habeck vor dem Herrmannsdenkmal im Gras, um ihn herum die Mitglieder des örtlichen Kreisverbands. Das Bild ist schwer von Pathos, im Hintergrund der Cherusker mit dem gen Himmel gereckten Schwert, als Sinnbild der Germanen, die die Römer in der Varusschlacht besiegten. Habeck redet über Mitte und Stabilität und wie wichtig die sei. Die Grünen seien nicht mehr die Partei des Chaos.

Habeck mit Grünen vor dem Herrmannsdenkmal

Habeck mit Grünen vor dem Herrmannsdenkmal

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der traditionsreiche Streit zwischen den Flügeln der Partei, zwischen Linken und Realos, spielte in den vergangenen Monaten eine untergeordnete Rolle. So wollen es Habeck und Baerbock. Sie appellieren stattdessen an Gefühlswelten. Heimatgefühle für die bayerischen Berge oder das norddeutsche Wattenmeer, patriotische Gefühle für Europa. Oder auch Mitgefühl für Menschen, die flüchten müssen.

Früher wollten die einen linker werden, um Wahlen zu gewinnen. Die anderen setzen für dieses Ziel eher auf bürgerliche Akzente. Unter der neuen Führung aber scheinen die Grünen einfach in beide Richtungen wachsen zu wollen.

Ohne die Fraktionschefin Göring-Eckardt und den früheren Parteichef Cem Özdemir allerdings wäre diese Neuausrichtung nicht möglich gewesen. Über Jahre haben die beiden Realos die Grünen für neue Mehrheiten, für neue Bündnisse geöffnet. Ironie der Geschichte: Die Früchte ihrer Arbeit werden sie wohl nicht ernten können.

Weimar, ein kühler Sommermorgen Anfang Mai. Um sieben Uhr steht Katrin Göring-Eckardt draußen vor dem Tagungszentrum, wo sich die grünen Bundestagsabgeordneten zum Abschluss ihrer Fraktionsklausur versammelt haben. Die Chefin hat Kaffeebecher zum Mitnehmen aus Porzellan für die Kollegen besorgt. Sie hat Bekannte in der Stadt, die die Tassen kurzerhand organisierten, denn Grüne mit To-go-Pappbechern, das geht ja nicht.

Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt auf dem Bundesparteitag 2017. Damals war Özdemir noch Parteivorsitzender.

Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt auf dem Bundesparteitag 2017. Damals war Özdemir noch Parteivorsitzender.

Foto: Ralf Hirschberger/ dpa

Göring-Eckardt kann das: Die richtigen Bilder platzieren. So mancher in der Partei wirft ihr dafür Haltungslosigkeit vor. Sie wurde im Jahr 2002 Fraktionschefin, drei Jahre später wieder abgewählt. Im Jahr 2013 wurde sie Spitzenkandidatin neben Jürgen Trittin und machte einen Wahlkampf mit Veggie-Day und linken Steuerkonzepten.

Danach wurde sie - trotz eines eher mauen Ergebnisses - wieder zur Fraktionschefin gewählt. Im vergangenen Jahr dann wieder Spitzenkandidatin, dieses Mal mit Cem Özdemir an ihrer Seite. Ihre männlichen Pendants traten nach den Wahlen jeweils aus der ersten Reihe zurück. Trittins Wort hat zwar noch immer Gewicht, doch er spielt eher im Hintergrund eine Rolle; Özdemir ist jetzt der Vorsitzende des Verkehrsausschusses. Das sagt alles.

Doch eine dritte Spitzenkandidatur für Göring-Eckardt ist unwahrscheinlich, eine Ablösung als Fraktionschefin im kommenden Jahr denkbar. Sie wäre wohl Ministerin geworden, wenn nicht die FDP die Jamaika-Koalitionsverhandlungen im letzten Jahr hätte platzen lassen. Und noch einmal schien es jüngst eine Chance für Göring-Eckardt zu geben, als die CSU über die Flüchtlingsfrage eine Regierungskrise provozierte. Ein paar Tage sah es so aus, als brauche Angela Merkel einen neuen Regierungspartner.

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Özdemir ist derweil im ZDF-Politbarometer zum beliebtesten Politiker des Landes aufgestiegen, doch bei seinen Grünen hat er derzeit keine Perspektive. Özdemir war der erste und bislang einzige türkischstämmige Parteichef in Deutschland. Fast wäre er Außenminister geworden. Es wäre eine gute Geschichte gewesen: Deutsch-türkisches Arbeiterkind wird Chefdiplomat.

Nun gibt es bei den Grünen eine Menge Mutmaßungen über seine künftige Rolle. Er könnte in seine Heimat Baden-Württemberg gehen und dort als Kretschmann-Nachfolger aufgebaut werden. Denkbar, dass er in drei Jahren statt Fritz Kuhn zur Oberbürgermeisterwahl von Stuttgart antritt.

Auf Bundesebene wird er wohl an Robert Habeck schwerlich wieder vorbeiziehen können. Der steht am Ende seines ersten Tages auf der Sommerreise in Bielefeld vor der Leinwand eines Freiluftkinos. Die Kreisverbandsmitglieder hatten eigentlich einen Saal gemietet, sie rechneten mit 150 Leuten. Es kamen 400, sie mussten umdisponieren. Fragt man sie nach Habeck, fangen sie an zu strahlen.

Habeck sagt, natürlich wolle er eine grüne Regierungsbeteiligung. "Sollen das denn die anderen machen? Dann wird es auch nicht besser!"

Er sagt nicht, mit wem er denn regieren möchte. Doch darum geht es jetzt ja auch nicht.

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