Erfolgreicher Grünen-Politiker aus dem Norden Haha-beck

Die Urwahl zum Spitzenkandidaten der Grünen verlor Robert Habeck extrem knapp - jetzt bekommt er Genugtuung: Sein Erfolg in Schleswig-Holstein macht ihn für die Partei unverzichtbar.

Robert Habeck
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Robert Habeck

Von und Lea Utz


Nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein musste Grünen-Chef Cem Özdemir seinen Rivalen loben. Ein großartiges Ergebnis sei den Grünen vor Ort gelungen, sagte Özdemir am Montag. Robert Habeck, der als Umweltminister erheblich zum guten Resultat im Norden beitrug, sei "einer der beliebtesten Politiker" im Bundesland.

Özdemir, der sich bei der Grünen-Urwahl nur knapp gegen Habeck durchsetzte, klang professionell, erleichtert sogar. Gute Nachrichten für die Grünen konnte er schon lange nicht mehr kommentieren. Doch Euphorie strahlte er nicht aus.

Klar, Habeck werde auch im Bundestagswahlkampf mit "anpacken", versprach Özdemir. Wie genau, ließ er offen. Es schien, als wolle er nur nicht den Eindruck erwecken, die Bundespartei sei auf einen Lokalstar wie Habeck angewiesen.

Dabei hat Habeck geschafft, woran das Bundesspitzenduo um Özdemir und Katrin Göring-Eckardt bislang scheitert: Menschen begeistern. Während sich die Grünen im Bund am Rande der Wahrnehmungsgrenze bewegen, holte Habeck ein entspannt zweistelliges Ergebnis.

Zwar war Habeck gar nicht offiziell Spitzenkandidat der Grünen in Schleswig-Holstein, Spitzenkandidatin war die 58-jährige Monika Heinold. Doch Habeck ist populär, die Grünen brauchten ihn. Und so zeltete er für Wahlkampfzwecke am Meer, ging auf Lesereise, ließ sich plakatieren. Am Ende nannte die "Süddeutsche Zeitung" Habeck Spitzenkandidat, und niemand protestierte dagegen. Warum auch, es lief doch super.

Nur 75 Stimmen fehlten zum Durchbruch

Die Wahl ist auch eine persönliche Genugtuung für Habeck. Denn eigentlich wollte er mehr, viel mehr bei den Grünen reißen. Habeck hatte sich im Januar in der Urwahl um die Spitzenkandidatur auf Bundesebene beworben. Nur 75 Stimmen fehlten zum Sieg.

Eine Neuauszählung konnte er nicht verlangen, dann hätte er wie ein schlechter Verlierer ausgesehen. Das Angebot dazu hätte höchstens von Özdemir selbst kommen können. Aber der hielt still. Und wurde als Gewinner ausgerufen.

Doch während sich das Spitzenduo vergeblich abstrampelt, zieht plötzlich Habeck alle Aufmerksamkeit auf sich. Er gilt jetzt, neben Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, als einer der letzten Erfolgsgaranten.

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Und Habeck weiß um seine Wirkung. "Das Lied vom Ende der Grünen ist vorbei", sagte er SPIEGEL ONLINE am Montag. Seine kleine Wahl im Norden definiert er also selbst als prägend für den Rest der Partei.

Schon vor der Wahl waren die Rufe nach mehr Verantwortung Habecks lauter geworden, nun konnte er sein Potenzial konkret beweisen. Seine Möglichkeiten in der Bundespartei sind allerdings ziemlich eingeschränkt:

  • Spitzenkandidat: so gut wie ausgeschlossen. Die Partei verlöre massiv an Glaubwürdigkeit, wenn sie ihre Spitzenkandidaten nach Wetterlage austauschen würde. Cem Özdemir hat ohnehin kein Interesse daran, seinen Platz zu räumen.
  • Schatten-Spitzenkandidat: schwierig. Habeck könnte sich in Debatten einschalten und in Talkshows rumsitzen. Allerdings wird die Partei alles dafür tun, die Aufmerksamkeit auf das Spitzenduo zu lenken. Wie genau Habeck da reinpassen soll, ist unklar. Zwar betont Özdemir immer wieder, Habeck müsse eine "stärkere Rolle" spielen - konkrete Pläne dazu gibt es bislang nicht.
  • Parteichef: vielleicht. Die Grünen wählen im Spätherbst eine neue Parteispitze. Ausgeschlossen hat Habeck eine Kandidatur nicht. Als Notfalloption wäre unter Umständen auch ein Wechsel im Juni möglich. Doch sonderlich attraktiv ist das Amt nicht. Fahren die Grünen im September ein mieses Ergebnis ein, dürfte er eine desorientierte Truppe aufräumen. Landen sie in der Regierung, wäre Habeck als Parteichef eingeklemmt zwischen Fraktion und Ministern, müsste der Basis umstrittene Beschlüsse verklickern.
  • Perspektiven offenhalten: wahrscheinlich. Wer weiß, ob sich nach der Bundestagswahl nicht auch eine Ministeroption in Berlin auftut. Und wenn nicht: Die nächste Bundestagswahl kommt bestimmt. Jung genug für einen zweiten Anlauf als Spitzenkandidat wäre er jedenfalls.

Habeck hält sich zu seinen Plänen bedeckt, für den Moment genießt er seinen Triumph. "Wir haben hier im Land bewiesen, dass wir eine Politik für die Menschen machen, nicht nur für das eigene Milieu", sagte er weiter. Das kann man als kleinen Seitenhieb gegen die Bundesspitze verstehen. Habeck hatte im Urwahlkampf darum geworben, die Grünen für breite Wählerschichten zu öffnen und von Grund auf zu erneuern.

Habecks Anhängerschaft dürfte sich jetzt noch verfestigen. In Nordrhein-Westfalen, wo am Sonntag gewählt wird, kommen Özdemir und Göring-Eckardt zum Wahlkampfendspurt, Kretschmann war schon da.

Wen sich die NRW-Grünen noch explizit wünschten? Habeck. Verzichten will man, trotz Anwesenheit der Bundesprominenz, nicht auf ihn.




insgesamt 24 Beiträge
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2623 09.05.2017
1. Fehler der Grünen
Das Ergebnis der Urwahl der Grünen empfand ich als großen Fehler. Herr Ozdemir kommt mir schon immer vor als spiele er Politik, nichts, in keiner Frage oder politischen Feld habe ich den Eindruck, dass er einer eigenen politischen Agenda folgt - alles Kalkül. Natürlich braucht es Strategie, Bedachtheit usw. aber wenn der einzige Referenzstandard die eigene Karriere ist, dann überzeugt das halt nur eine kleinere Gruppe an Menschen. Meine Vorbehalte beruhen zwar auch auf seiner damaligen persönlichen Bereicherung in der Flugmeilengeschichte, jedoch ist dies nicht ausschlaggebend, weil der Meileneinsatz in vielen Institutionen zu dieser Zeit nicht hinreichend geklärt war. Jedoch vor dem Hintergrund, dass er auf mich den Eindruck macht, egal mit welcher Partei oder Agenda Hauptsache Karriere, interpretiere ich diese Verhaltensweise anders. Zugegeben, diese Argumentation ist eher oberflächlich und auch eher auf der Ebene Vertrauen, Art und Weise, Sympathie geführt und daher angreifbar und zu vernachlässigen. Andererseits beobachte ich Herrn Habeck schon geraume Zeit und komme zu dem Schluss, dass er auf der Ebene dieser Bertrachtung weit vorne liegt und darüber hinaus in seinem politischen Koordinatennetz klar, überzeugend und für die Grünen exakt der Politiker wäre, der ihr eigentliches Anliegen glaubwürdig und nachhaltig vermitteln wurde - wahrscheinlich mit Erfolg. Ein Gedanke noch zur Spitzenkanidatin im Norden, Frau Hainold, welch eine erfrischend, klare und glaubwürdige und leistungsstarke Politikerin, diese Frau macht mir wirklich Eindruck - Glückwunsch Schleswig-Holstein.
Mittelalter 09.05.2017
2. Welches Aufatmen!
Endlich kann auch SPON wieder über Erfolge der Grünen berichten. Die Erleichterung darüber ist dem Artikel deutlich anzumerken. Dabei konnten die Grünen ihr Ergebnis nicht halten. Von der Auflösung der Piraten konnten sie laut den veröffentlichen Grafiken zu Wählerwanderungen genau Null profitieren. Die Abwanderung zu anderen Parteien wurde durch die Aktivierung von Nichtwählern kompensiert. Das ist so untypisch, dass man hier von einem SH-Phänomen sprechen kann, dass so nicht auf den Bund zu übertragen ist. Den Habeck hat als Person sicher gezogen, was aber nur in SH gelingen kann. Bundesweit kennt den keiner und die grüne Parteispitze alles, dass das so bleibt. Ich kann mich jedenfalls an die Kommentare nach dem parteiinternen Votum zu den Spitzenkandidaten erinnern. Die Linken, die auch bei den Grünen den Ton angeben haben sich diebisch gefreut, den verhindert zu haben. Das macht auf ein allgemeines Problem aufmerksam. Der linke Flügel hat die Partei thematisch geentert. Und die sind, nach Selbstreflektion, gerade nicht der "heiße Scheiss". Ohne thematische Umsteuerumg in Richtung Habeck wird das für die Grünen nix. NRW wird dafür sicher den Beleg liefern, wo die Grünen Linken auch personel den Ton angeben. Und selbst wenn Habeck bundespolitische stärker in Erscheinung tritt - dann steht dem Wähler mit der CDU thematisch noch immer ein "Original" zur Verfügung. Warum Habeck wählen, wenn ich Merkel haben kann? Der Weg der Grünen in die thematische Bedeutungslosigkeit hat in SH nur eine Atempause. Das lag sicher an den zur Wahl stehenden Personen. Aber die politischen Mitbewerber ber haben den Grünen alle Themen abgenommen.
viwaldi 09.05.2017
3. Warum ist man bei minus 0,3% ein Gewinner?
Eine Partei verliert leicht zur Vorwahl, die Bundespartei ist ziemlich auf dem Niveau der Vorwahl angekommen, und dann wird über die Presse jemand als Heilsbringer und großer Gewinner dargestellt??? Diese Logik ist schon eine sehr eigene - und beruht dann wohl vorwiegend auf zuvor selbst-veröffentlichten Umfragen (!), - aber nicht auf Wahlergebnissen. Nun könnte man Herrn Habeck dafür loben, dass Ergebnis gehalten zu haben, ein Gewinner ist er noch lange nicht. Es ist genau diese unsaubere, zuneigungsgefärbte Berichterstattung, die einen an der deutschen Presse verzweifeln lässt. "Sagen was ist", - das war mal Augsteins Motto, nicht: "schreiben, wie ich es gerne hätte".
Central Park 09.05.2017
4. Verzerrte Wahrnehmung
Wir sehen das Bild, lesen die Überschrift und die ersten Zeilen - und denken: muss wohl 'ne tolle Leistung hingelegt haben, der Gute. Dann sehen wir die nüchternen Zahlen (gegenüber der vorherigen Wahl hat seine Partei Prozente verloren), wissen, dass die Regierung, der er angehört, abgewählt wurde, und fragen uns: Wie grundlegend ist die Wahrnehmung von Journalisten eigentlich verzerrt, wenn es um "ihre" Partei, also die Grünen geht. Der "Erfolg" von Habeck besteht darin, weniger stark verloren zu haben, als man vorab vermutet hatte. Erfolg ist aber etwas anderes.
alice 09.05.2017
5. Habeck
wäre der richtige Spitzenkandidat für die Grünen gewesen. Özdemir ist durch die Hunzinger Affäre und durch die Bonusmeilen Affäre nicht mehr glaubwürdig und auch politisch abgenutzt. Das bittere Erwachen der Grünen kommt dann zur Bundestagswahl.
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