Robert Zollitsch Der Übergangshirte

Es war eine kleine Überraschung: Statt den Überflieger Reinhard Marx ins Amt zu heben, entschieden sich Deutschlands Bischöfe bei der Wahl ihres Vorsitzenden dafür, die Ära Lehmann fortzusetzen - unter Robert Zollitsch.

Von Dominik Baur


Hamburg - Nein, es stieg kein weißer Rauch auf über dem Exerzitienhaus Himmelspforten in Würzburg. Eine schnöde Presseerklärung verkündete den Wahlsieger: Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch wird neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Und damit ist klar: Der Generationswechsel muss warten.

Der alte und der neue Lehmann: Kardinal Karl Lehmann mit seinem Nachfolger Robert Zollitsch
DPA

Der alte und der neue Lehmann: Kardinal Karl Lehmann mit seinem Nachfolger Robert Zollitsch

Zollitsch ist mit seinen 69 Jahren gerade einmal zwei Jahre jünger als Karl Lehmann, dessen Amt er am kommenden Montag übernehmen wird. Lehmann war  aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Zum Schluss hatten sich die 69 in Würzburg versammelten Bischöfe für das Modell Ratzinger entschieden: Nach der langen und prägenden Amtszeit des beliebten Lehmanns wählte die Bischofskonferenz einen schon älteren Amtsbruder zu ihrem Vorsitzenden, einen für den Übergang. Ganz so wie in Rom vor knapp drei Jahren ein betagter Joseph Ratzinger nach dem 26-jährigen Pontifikat von Johannes Paul II. Papst wurde.

Dabei hätte so mancher einiges darauf verwettet, dass Reinhard Marx, der derzeitige Überflieger des deutschen Katholizismus, die Lehmann-Nachfolge antreten würde. Marx siedelte gerade erst von Trier nach München über und übernahm dort als Erzbischof eine der wichtigsten deutschen Diözesen. Mit seinen 54 Jahren ist er nur unwesentlich älter, als es Lehmann bei seinem Amtsantritt als Vorsitzender der Bischofskonferenz vor über 20 Jahren war. In den ersten beiden Wahlgängen, in denen eine Zweidrittelmehrheit nötig gewesen wäre, war das Rennen zwischen Marx und Zollitsch dem Vernehmen nach auch durchaus noch knapp. Erst der dritte Wahlgang - hier reichte die absolute Mehrheit - brachte die Entscheidung.

Marx gilt als besonders ehrgeizig - manchen vielleicht als zu ehrgeizig. Schließlich erwartet man in der katholischen Kirche auch von dem obersten Hirten vor allem eines: Demut. So könnte ein Beweggrund der Bischöfe der Gedanke gewesen sein, Marx möge sich erst einmal in seine neuen Ämter als Erzbischof und als Vorsitzender der Bayerischen Bischofskonferenz einarbeiten. Und in sechs Jahren bei der nächsten turnusmäßigen Wahl sei er dann der ideale Nachfolger für Zollitsch. Der Münchner Weihbischof Engelbert Siebler sagte nach der Wahl sogar offen, er glaube, dass Marx in sechs Jahren gewählt werde. Ähnlich äußerte sich auch der Augsburger Weihbischof Anton Losinger. Marx seinerseits kündigte Zollitsch bereits an: "Ich helfe Dir."

"Sie schickt der Himmel"

Einen Paradigmenwechsel im deutschen Katholizismus wird es mit Zollitsch nicht geben. Nach seiner Wahl betonte der Bischof, dass es ihm vor allem um Kontinuität im Amt gehe. Auch die Adjektive, mit denen der künftige Vorsitzende für gewöhnlich beschrieben wird, gleichen jenen, die seinem Vorgänger anhaften: offen, freundlich, verbindend. Und liberal.

So bekannte Zollitsch nach der Wahl auch selbst: "Wir sind uns theologisch und menschlich so nah, dass es schwer sein wird, Unterschiede zu erkennen." Katholische Laien und Jugendliche zeigten sich höchsterfreut. "Sie schickt der Himmel", gratulierte der Bund der Deutschen Katholischen Jugend.

Ohnehin ist der Einfluss des Vorsitzenden der Bischofskonferenz bescheiden. Der Oberste der deutschen Oberhirten ist kein kleiner Papst. Er ist nicht das Oberhaupt der rund 25 Millionen deutschen Katholiken. Seine Rolle ist mehr die eines Sprechers und Vermittlers des Episkopats. Denn die Diözesanbischöfe sind weitgehend selbständig und nur an die Weisungen aus Rom gebunden. Aber als Vermittler genießt der konsensorientierte Zollitsch bereits einen guten Ruf. Seit 2004 ist er Vorsitzender des einflussreichen Verwaltungsrates des Verbandes der Diözesen Deutschlands, und damit eine Art Finanzminister des deutschen Episkopats.

Er sehe sich als Brückenbauer, hatte Zollitsch bei seiner Ernennung zum Erzbischof gesagt und es vermutlich bescheiden gemeint - wenngleich das Amt des Brückenbauers (lateinisch: Pontifex) in der katholischen Kirche für gewöhnlich mit einem anderen assoziiert wird.

Wer ist Zollitsch?

Einen Unterschied zu Lehmann gibt es aber vielleicht doch: Zollitsch zeigte sich bisher vor allem still und unauffällig. Erst vor gut vier Jahren wurde er überhaupt zum Bischof geweiht - von Oskar Saier, seinem Vorgänger in Freiburg, und Kardinal Lehmann. Ohne zuvor Weihbischof gewesen zu sein, übernahm er sofort das zweitgrößte deutsche Erzbistum. Aber: Wer ist Zollitsch, fragten sich damals selbst in Freiburg viele.

Robert Zollitsch wurde im August 1938 in Filipovo (Philippsdorf) im heutigen Serbien geboren. Hier wird er im Alter von sechs Jahren Zeuge eines Massakers durch Titos Partisanen, bei dem über 200 Menschen ermordet werden, darunter sein älterer Bruder. 1946 flieht der Donauschwabe mit seiner Familie und landet schließlich in Oberschüpf, einem Dorf in der Erzdiözese Freiburg. Hier und in Mannheim wächst er auf, studiert dann in Freiburg und München Theologie und wird 1965 zum Priester geweiht. Mitte der Siebziger promoviert er zum Thema "Amt und Funktion des Priesters in den ersten zwei Jahrhunderten". Vor seiner Ernennung zum Bischof war er 20 Jahre lang als Personalreferent enger Mitarbeiter von Erzbischof Saier.

Öffentlich trat Zollitsch bislang wenig in Erscheinung. Die größte Aufregung um ihn mag es vor zwei Jahren gegeben haben, als ihm die ARD bei der Übertragung eines Gottesdienstes mitten im Segen das Wort abschnitt und zur "Tagesschau" schaltete. Nach dem Tod von Johannes Paul II. hat er sich nicht für Landsmann Ratzinger als dessen Nachfolger stark gemacht, sondern meinte, der neue Mann im Vatikan solle aus Lateinamerika kommen.

Bei aller Unauffälligkeit gehört Zollitsch jedoch nicht zu den streng Rom-Treuen wie Marx. Leise, aber deutlich vertritt er auch eigene Standpunkte, und die dürften nicht immer nach dem Gusto des Vatikans sein. So hätte er keine Einwände gegen eine Lockerung des Zölibats. Dieser sei zwar für die Priestertätigkeit positiv, theologisch aber nicht zwingend.

Schwerpunkt Ökumene

Bei anderen heiklen Fragen - wie etwa dem gemeinsamen Abendmahl mit Protestanten - hielt sich Zollitsch bislang jedoch eher bedeckt. Dennoch stellte er nach seiner Wahl das Vorantreiben der Ökumene als einen der Schwerpunkte seiner Arbeit als Vorsitzender der Bischofskonferenz heraus. "Was uns Christen verbindet, ist weit größer als die Unterschiede."

Arbeit wird es auch darüber hinaus genug geben für den neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz: Die katholische Kirche in Deutschland hat trotz einer durch den deutschen Papst angefachten Aufbruchstimmung mit massiven Problemen zu kämpfen. Die Zahl der regelmäßigen Kirchenbesucher sank in den letzten 20 Jahren um mehr als drei Millionen, die der Mitglieder um zwei Millionen. Allerorts fehlen Priester; die, die noch da sind, sind hoffnungslos überlastet. Angesichts knapper Kassen und rückläufiger Besucherzahlen droht in manchem Bistum jeder fünften Kirche der Verkauf oder die Abrissbirne.

Mit etwas Neid mag Zollitsch da nach Ungarn blicken. Die dortige Bischofskonferenz hat derzeit vor allem ein Problem: die neue 0,0-Promille-Regel auf Ungarns Straßen. Sie zwinge Priester, die hintereinander in mehreren Gemeinden die Messe zelebrieren müssen, gegen das Gesetz zu verstoßen. Schließlich könne auf den Messwein nicht verzichtet werden.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.