Parteitag nach Wahldebakel Röttgen, der Unnahbare

Norbert Röttgen ist tief gestürzt, jetzt hat er auch seinen Platz als CDU-Chef in Nordrhein-Westfalen geräumt. Den größten Landesverband der Partei lässt er traumatisiert zurück - den Büßer will er trotzdem nicht geben.

Röttgen beim CDU-Parteitag in NRW: "Insgesamt haben wir eine gute Arbeit geleistet"
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Röttgen beim CDU-Parteitag in NRW: "Insgesamt haben wir eine gute Arbeit geleistet"

Von , Krefeld


Nein, verziehen haben sie ihm in Nordrhein-Westfalen nicht. "Ob der nun heute da ist oder nicht, ist auch egal", sagt ein Christdemokrat. Gemeint ist Norbert Röttgen. Krefeld, Könighalle, die NRW-CDU trifft sich sieben Wochen nach dem Wahldebakel zum Parteitag. Unter den 671 Delegierten herrscht immer noch tiefer Frust, sie wollen das Kapitel Röttgen einfach schnell abschließen.

Es ist der erste große öffentliche Auftritt des 46-Jährigen, dem einstigen Hoffnungsträger der Christdemokraten, der sogar als Kanzleranwärter gehandelt wurde. Geblieben ist Röttgen nicht viel: Das Amt als Bundesumweltminister hat Kanzlerin Angela Merkel ihm genommen, auch den Posten des NRW-Landeschefs räumt er nun nach der Niederlage.

Röttgen ist im mitgliederstärksten Landesverband allenfalls noch ein geduldeter Gast - mehr ist nicht übrig geblieben nach knapp zwei Jahren an der Spitze. Eine Zeit, in der er nie warm geworden ist mit den Christdemokraten in NRW. Viele werfen ihm vor, den Landesvorsitz nur aus Karrieregründen übernommen zu haben, was dann eben in dem Wahldebakel mit gerade mal 26,3 Prozent mündete. So viel Demütigung tut weh - und sie wird wohl noch lange anhalten.

Röttgen verteidigt Wahlkampfdebakel

Doch so einfach will Röttgen am Samstag nicht von der Bühne in die zweite Reihe abtreten - auch wenn seine Partei längst auf Distanz zu ihm gegangen ist. Er will einen würdevollen Abschied als Landeschef, er will nicht als Büßer in Krefeld dastehen. Und so redet der 46-Jährige lange über Erfolge, die es seiner Meinung nach in seiner kurzen Amtszeit gab, wie den Schulfrieden mit Rot-Grün, und verliert sich dann im Klein-Klein. Es klingt deplatziert in dieser Lage, in der die Partei so am Boden liegt, und recht merkwürdig, wenn er sagt: "Ich glaube, dass wir insgesamt eine gute Arbeit geleistet haben."

Es scheint, als wolle Röttgen die Niederlage ganz weit weg schieben, minutenlang dankt er lieber seinen Mitstreitern - bis hin zur Schülerunion. Erst dann kommt er auf das Eigentliche, das Unangenehme zu sprechen. Es sind wenige Sätze, schuldbewusst hören sie sich nicht an, im Gegenteil: Er habe bis an die Grenzen gekämpft, sagt der Christdemokrat. Ja, er habe Fehler gemacht. Ja, sie hätten den Wahlkampf belastet.

Welche Fehler das waren, sagt Röttgen nicht. Kein Wort darüber, dass er sich nicht voll zu NRW bekennen wollte. Stattdessen verteidigt er seinen Wahlkampf sogar, die Themen seien die richtigen gewesen: Schuldenpolitik, Bildung, Schule. "Ich, wir haben sie entschieden. Ich bin von den Notwendigkeiten und der Richtigkeit dieser Themen tief durchdrungen." Nur sei er eben damit nicht gehört worden. Manchmal brauche es einen zweiten oder dritten Anlauf. Und da ist Röttgens Wahlanalyse auch schon zu Ende.

Angela Merkel soll sich persönlich eingemischt haben

Stattdessen versucht sich Röttgen in der Rolle, die eigentlich die Aufgabe seines Nachfolgers ist: Er versucht die CDU starkzureden, gibt sich kämpferisch: Die Partei habe eine Niederlage erlitten, aber nicht ihr Selbstbewusstsein verloren.

Begeisterung löst das nicht aus. Der Beifall fällt verhalten aus, keine Minute dauert er an. Auch eine Aussprache zum Bericht des Vorsitzenden will kaum einer, gerade mal zwei Delegierte melden sich zu Wort. Es scheint, als wolle die Partei nur ihre Ruhe, Röttgen hat einen Trümmerhaufen in NRW hinterlassen.

Dabei steht im kommenden Jahr die für Bundeskanzlerin Angela Merkel so wichtige Bundestagswahl an, sie braucht die NRW-CDU als stärksten Landesverband. Er muss mehr als die schlechten 26 Prozent holen - sonst sieht es schlecht aus. Deshalb soll Merkel persönlich darauf gedrägt haben, dass es in NRW keine Kampfkandidatur zwischen Armin Laschet und Karl-Josef Laumann gibt, mehrmals soll sie mit beiden telefoniert haben. Und so gibt es eine Zweierlösung mit Laschet als Vorsitzendem und Laumann als Fraktionschef.

Zweitbester als Nachfolger

Allerdings ist das für viele nur ein Kompromiss - und Laschet nur zweite Wahl. Der 51-Jährige hatte vor knapp zwei Jahren den Mitgliederentscheid gegen Röttgen klar verloren. Doch außer Laschet sind eben nicht mehr so viele da in NRW, die für das Führungsamt in Frage kommen. Einfach wird es für ihn jedenfalls nicht, er bekam gerade mal 80,3 Prozent der Stimmen - ein maues Wahlergebnis.

"Solide" nennt es Laschet, aber, wie er zugibt, "keine Krönungsmesse". Aufbruch sieht anders aus, Laschet setzt auf ein Miteinander - selbst mit Röttgen: "Die CDU-Familie braucht dich", sagt der neue Landesvorsitzende. Das ist Balsam für Röttgen, immerhin noch einfacher Bundestagsabgeordneter. Lächelnd steht er neben seinem Nachfolger auf der Bühne und lässt sich zum Abschied ein Foto von sich und seinem Generalsekretär schenken. Er nimmt sich viel Zeit in Krefeld: Lächelnd geht Röttgen durch die Reihen, sucht den Kontakt: Er schüttelt Hände und spricht mit Delegierten.

Aufgeben will Röttgen so schnell nicht, das ist klar. Er kündigt an, auch ohne Posten weiter für die Christdemokraten zu kämpfen - dort, wo es die Partei wolle. NRW wird es wohl kaum sein.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
adam68161 30.06.2012
1. Unbelehrbar
Zitat von sysopNorbert Röttgen ist tief gestürzt, jetzt hat er auch seinen Platz als CDU-Chef in Nordrhein-Westfalen geräumt. Den größten Landesverband der Partei lässt er traumatisiert zurück - den Büßer will er trotzdem nicht geben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,841670,00.html
Der Mann - übrigens nichts als ein karrieregeiler Opportunist ohne parteipolitische oder gar weltanschauliche-ethische Substanz - ist einfach unbelehrbar. Die NRW-CDU wäre gut beraten, ganz schnell ihre Führungsmannschaft zu erneuern. Dann hat sie in 8 Jahren vielleicht wieder eine Chance.
linksdummer 30.06.2012
2. Solche aalglatten Karrieristen
Zitat von sysopNorbert Röttgen ist tief gestürzt, jetzt hat er auch seinen Platz als CDU-Chef in Nordrhein-Westfalen geräumt. Den größten Landesverband der Partei lässt er traumatisiert zurück - den Büßer will er trotzdem nicht geben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,841670,00.html
wirdern mich nur an, egal aus welcher Partei sie sind. Ich verstehe die Krokodilstränen nicht, die nach seinem Rausschmiss geflossen sind. Ich möchte ihn NIE MEHR auf der politischen Bühne sehen!
janne2109 30.06.2012
3.
was heißt-- keine Minute -- eine Minute Applaus ist nicht wenig
Pandora0611 30.06.2012
4. Wer ist Röttgen?
Zitat von sysopNorbert Röttgen ist tief gestürzt, jetzt hat er auch seinen Platz als CDU-Chef in Nordrhein-Westfalen geräumt. Den größten Landesverband der Partei lässt er traumatisiert zurück - den Büßer will er trotzdem nicht geben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,841670,00.html
*War da was?*
wibo2 30.06.2012
5. Der Unnahbare... *LOL*... Größenwahn?
Zitat von linksdummerwirdern mich nur an, egal aus welcher Partei sie sind. Ich verstehe die Krokodilstränen nicht, die nach seinem Rausschmiss geflossen sind. Ich möchte ihn NIE MEHR auf der politischen Bühne sehen!
Wie geht man mit unnahbaren, distanzierten Menschen um? Dass Röttgen sich für einen Kanzlerkandidaten hielt, erscheint mir wie eine Wahnvorstellung. Sein Wahlkampf war unglaublich misslungen: Er hat 10% Wählerstimmen für seine Partei verdummt. Ein Comeback darf es für ihn nicht geben.
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