Roland Koch Der Überlebenskünstler

Die vielen politischen Leben des Roland Koch: Wahlkampf mit ausländerfeindlichen Zuspitzungen? Überlebt er gleich zwei Mal. CDU-Spendenaffäre? Ausgesessen. Wahlpleite im Januar? Gerettet von Andrea Ypsilanti. Kaum ein deutscher Politiker hat solch ein Auf und Ab hinter sich.

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"Ich ermahne dich, Ikarus, dich auf mittlerer Bahn zu halten, damit nicht, wenn du zu tief gehst, die Wellen die Federn beschweren, und wenn du zu hoch fliegst, das Feuer sie versengt. Zwischen beiden fliege!" Doch Ikarus hörte nicht auf seinen Vater. Er flog zu nah an die Sonne, seine aus Wachs und Federn gebastelten Flügel schmolzen. Ikarus stürzte ab.

Hessens CDU-Chef Koch: "Vielleicht auch ein bisschen Demut"
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Hessens CDU-Chef Koch: "Vielleicht auch ein bisschen Demut"

Soweit der Mythos bei Ovid. In der deutschen Politik gibt es auch solch einen Ikarus. Er heißt Roland Koch. Und die "mittlere Bahn" war noch nie sein Ding.

Nur: Komme was da wolle, Überflieger Koch stürzt nicht ab. Offenbar hat der Mann sieben politische Leben.

Eins davon geht so: Bei der Landtagswahl im Januar kassiert Koch ein Minus von zwölf Prozentpunkten, mit einem Wahlkampf gegen kriminelle ausländische Jugendliche verspielt er krachend die absolute Mehrheit, fährt das mieseste Ergebnis seit 1966 ein. Roland Koch hat zu viel riskiert, ist zu hoch geflogen.

Doch was passiert? Kochs hessische Stahlhelm-CDU, sein "Kampfverband" (Ex-Parteichef Alfred Dregger), nennt ihn "unseren besten Mann". Und dank Andrea Ypsilantis forsch angestrebtem und grandios gescheitertem Bruch des Wahlversprechens ist Koch zehn Monate später noch immer geschäftsführender Ministerpräsident.

"Experte für Nudeln mit Hackfleischsoße"

Mehr noch. Seine x-te politische Wiederauferstehung steht an. Nach Ypsilantis vorerst letztem Scheitern am Montag wollen CDU, FDP, Grüne und Linke Neuwahlen. Koch hat gute Chancen, seine Januar-Niederlage exakt ein Jahr später in einen Sieg umzumünzen. Laut einer Infratest-dimap-Umfrage kommt die CDU derzeit auf 41 Prozent und könnte mit der FDP eine Regierung bilden. Die SPD dagegen schmiert um zehn Punkte auf 27 Prozent ab. In einem Interview mit der in Kassel erscheinenden "Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen" sagt Koch auf die Frage, ob er gern noch einmal Ministerpräsident werden wolle, dementsprechend knapp und bestimmt nur "Ja". Witzig findet das niemand in Hessen. Nur skurril.

Denn wann gab es das schon mal in der deutschen Politik, dass einer so oft vorm Absturz stand wie Koch? Da ist vielleicht Helmut Kohl, der Meister des Aussitzens und bewunderter Lehrherr Kochs. Oder der neue CSU-Vorsitzende Horst Seehofer, den man so wunderbar als unverzagtes Stehaufmännchen beschreiben kann. Aber keiner von ihnen hat es vermocht, die Generierung rückzugsreifer Situationen derart zu maximieren wie Roland Koch in den vergangenen zehn Jahren. Er ist der Überlebenskünstler.

Als Koch sich 1998 anschickt, als CDU-Spitzenkandidat gegen Rot-Grün in Hessen anzutreten, da hat er null Chancen. Gerade ist Kohl im Bund abgewählt worden, der hessische Ministerpräsident und biedere Sozialdemokrat Hans Eichel liegt in Umfragen deutlich vor Koch. Was soll er tun? Den eigenen Mitgliedern empfiehlt sich Koch als "Experte für Nudeln mit Hackfleischsoße" und als Mann, der "Wert aufs gemeinsame Frühstück" mit der Ehefrau legt. Das erste Scheitern des gerade mal 40-Jährigen scheint so programmiert.

"Das kann fürchterlich in die Hose gehen"

Doch Koch setzt letztlich alles auf eine Karte, geht weit über die vom Ikarus-Vater beschworene "mittlere Bahn" hinaus: Eine Unterschriftenkampagne gegen die von der Bundesregierung geplante doppelte Staatsbürgerschaft. Es ist ein Va-banque-Spiel. Der Journalist Hajo Schumacher berichtet in seiner Koch-Biografie von den vorausgehenden Diskussionen im engsten CDU-Kreis: "Das kann fürchterlich in die Hose gehen. Die Medien werden über uns herfallen, die Kirchen, die Gewerkschaften, die Ausländerbeiräte - aber die Bürger werden auf unserer Seite sein", wird Koch zitiert. Und dessen Vertrauter Dirk Metz soll es auf den Punkt gebracht haben: "Wenn wir das machen, kriegen wir entweder 32 oder 45 Prozent. Wenn wir es nicht machen, holen wir 37 und bleiben in der Opposition."

Roland Koch holt 43,4 Prozent. Er ist alles andere als abgestürzt. Er ist jetzt der neue CDU-Star.

Jedenfalls für ein paar Monate. Dann schlägt die Parteispendenaffäre auf die hessische CDU durch. Deren Schatzmeister erfindet die Legende von den angeblichen jüdischen Vermächtnissen, aus denen das Geld stamme. Koch verspricht "brutalstmögliche Aufklärung", die Opposition bezichtigt ihn der Lüge. "Es gab Morgen, da war vom Machtwillen nicht mehr viel übrig, da wusste ich nicht, ob ich diesen Tag politisch überlebe", vertraut er Biograf Schumacher an.

Doch Roland Koch überlebt ein weiteres Mal.

Und wie. Drei Jahre später holt er für seine CDU mit 48,8 Prozent die absolute Mehrheit der Mandate in Hessen. Ein noch nie dagewesener Triumph im traditionell sozialdemokratisch regierten Hessen. Koch scheint damit der geborene Kanzlerkandidat der Union. Doch es wird Angela Merkel.

"Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer"

Koch muss in Hessen bleiben. Als die SPD eine Frau namens Ypsilanti zu seiner Herausforderin für den Wahlgang im Januar 2008 bestimmt, sagen viele in Hessen: Die hat keine Chance. Doch Ypsilanti dreht auf im Wahlkampf, macht Koch zu schaffen. Der warnt vor Rot-Rot-Grün - und flüchtet sich wie neun Jahre zuvor in die Ausländerthematik. Weil in München zwei Jugendliche - ein Grieche, ein Türke - einen Rentner in der U-Bahn-Station fast zu Tode prügeln, bläst Koch das Thema auf: "Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer."

Diesmal hat er sich verrechnet. Am Wahltag fällt seine CDU auf 36,8 Prozent. Doch dann rettet ihn Andrea Ypsilanti, als sie im April das erste Mal mit ihrem Linksexperiment scheitert. Koch umgarnt die Grünen für eine Jamaika-Koalition. Vergeblich. Als geschäftsführender Ministerpräsident kann er das Land nicht mehr regieren, nur noch verwalten. Es geht dem Ende entgegen.

"Sie können sicher sein, es gibt einen Plan B", sagt er immer wieder. Doch wie sieht der aus: ein Wechsel ins Bundeskabinett? Als EU-Kommissar nach Brüssel? Kochs Vertrauter Metz scherzt schon über den Posten des Uno-Generalsekretärs. Oder will sich Koch aus der Politik verabschieden? Am vergangenen Wochenende jedenfalls, als er seine Sachen in der Staatskanzlei schon gepackt hat, sagt Koch: "Es ist alles so vorbereitet, dass wir sofort raus können. Aber auch sofort wieder rein."

So ist es gekommen. Andrea Ypsilanti hat Roland Koch mit ihrem zweiten Scheitern ein zweites Mal gerettet. Dem hessischen Ikarus hat ausgerechnet die SPD-Frau (Slogan: "Koch muss weg") neue Flügel verpasst.

Und plötzlich hält Koch die "mittlere Bahn". Häme über die SPD sei nicht angebracht, sagt er. Es sei eine Richtungsentscheidung getroffen worden, "die wir jetzt mit Geduld, vielleicht auch ein bisschen Demut, begleiten müssen".



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