Roland Koch im Wahlkampf Abwarten und Glühwein trinken

Die SPD hat ihn reich beschenkt: Roland Koch kann darauf hoffen, nach der Neuwahl in Hessen an der Macht zu bleiben. Doch ein Liebling des Volkes wird der CDU-Mann nie - selbst beim Wahlkampf auf heimischen Weihnachtsmärkten wahrt er misstrauische Distanz.

Aus Eschborn berichtet


Von Krise ist in Roland Kochs Heimat nichts zu spüren. Die Besucher des kleinen Weihnachtsmarktes in Schwalbach genießen Adventsmusik, Glühwein und Bratwurst.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch beim Glühweintrinken auf dem Weihnachtsmarkt: "Ducken, abwarten, so übersteht man die Krise"
DDP

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch beim Glühweintrinken auf dem Weihnachtsmarkt: "Ducken, abwarten, so übersteht man die Krise"

Das tastende Vorgehen von Angela Merkel in der Konjunkturkrise stößt auf Lob - auch der hessische Ministerpräsident hat hier keine Anfeindungen zu befürchten. Es ist Kochs Wahlkreis, Main-Taunus nahe Frankfurt.

"Sie haben die richtige Einstellung", lobt ein Rentner-Ehepaar den CDU-Mann. "Ducken, abwarten, so übersteht man die Krise." Koch grinst verlegen - wie stets, wenn er Bestätigung erntet. "Es ist eine schwierige Zeit", sagt er, "aber jetzt machen wir erst mal Weihnachten."

Dass er die Adventszeit nicht im trauten Heim verbringt, sondern mitentscheiden darf, wie CDU und Bundesregierung auf die Rezession reagieren, verdankt der Hesse einem vorweihnachtlichen Geschenk von Andrea Ypsilanti und ihrer Chaos-Partei. Nur wegen des gescheiterten Linksbündnisses blieb Koch im Amt - und darf nun darauf hoffen, aus den Neuwahlen am 18. Januar als klarer Sieger hervorzugehen.

Koch besucht am Samstag vier Weihnachtsmärkte seines Wahlkreises. Es sind durchweg Heimspiele für ihn. Doch deutlich wird auch: Dem CDU-Mann fällt es schwer, sich unter das Volk zu mischen. Selbst beim gemütlichen Bummeln samt Glühwein-Genuss bleibt er distanziert, mustert seine Gegenüber misstrauisch - und wägt seine Worte mit großer Sorgsamkeit.

Nein, ein Wohlfühlpolitiker oder Landesvater wird Koch nicht mehr werden. Vielmehr bleibt er - wie Biograf Hajo Schumacher schrieb - ein Machtmathematiker. Bei ihm wirkt jeder Satz, jede Geste kontrolliert und überlegt. Aber dadurch auch ein wenig streberhaft und phantasielos. Sein Verhalten hilft ihm, kritische Situationen zu überstehen wie die herbe Wahlniederlage im Januar. Es macht ihn aber nicht unbedingt zum Sympathieträger oder gar Wählermagneten.

So wundert es kaum, dass der politische Neuling Thorsten Schäfer-Gümbel im direkten Vergleich viel besser abschneidet als seine Partei gegen die CDU. Der SPD-Spitzenkandidat bekam bei einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen 34 Prozent, Koch nur sieben Punkte mehr.

"Nicht Everybody's darling"

Der CDU-Mann versucht indes, die Zahlen herunterzuspielen. Zu SPIEGEL ONLINE sagte er, er sei nun mal nicht "Everybody's darling". Er sorge "bei Anhängern für eine hohe Mobilisierung und stoße bei meinen Gegnern nicht nur auf freundliche Reaktionen".

Auch sein ständiger Begleiter an diesem Tag, Heinz Riesenhuber, bestätigt diese These. Er ist Bundestagsabgeordneter und teilt mit Koch an diesem Tag Wildschwein-Bratwurst und alkoholische Heißgetränke. Koch sei nie ein großer Sympathieträger gewesen, sagt Riesenhuber.

Im Gegensatz zu Koch hat er immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Warum Schäfer-Gümbel auf so gute persönliche Werte kommt, erklärt der Abgeordnete kreativ: Er erscheine den Wählern wohl "vernünftiger als Ypsilanti". Die Umfragen seien jedoch "insgesamt ermutigend", sagt er. CDU und FDP hätten eine klare Führung.

Tatsächlich strotzen vor allem die Liberalen derzeit vor Selbstvertrauen. Hämisch betonen sie hinter vorgehaltener Hand die mangelnde Beliebtheit von Koch. Doch der hat mit dem Aufplustern der FDP "kein Problem", sagt er: "Ich wollte 2003 ja sogar trotz absoluter CDU-Mehrheit die Koalition mit der FDP fortsetzen. Wir haben inhaltlich eine große gemeinsame Basis."

Koch wirft Ypsilanti Realitätsverlust vor

Die SPD-Chefin hatte am Freitag beim Parteitag des Unterbezirks Hessen-Süd neue Schuldige für ihre Niederlage benannt. Sie habe die Frage nach den Herrschaftsverhältnissen gestellt und viel gewagt. "Es gibt Eliten, die das nicht wollen", sagte sie in Frankfurt.

Koch reagierte darauf mit Unverständnis: Die Vorwürfe seien "ein Beweis für den Realitätsverlust" von Ypsilanti. "Weder sie noch die derzeitige Führung der hessischen SPD haben das Ausmaß des Vertrauensverlustes bislang wahrgenommen." Deshalb dürfe sie "auch weiter als Parteichefin sagen, wo es lang geht", fügte der Ministerpräsident hinzu.

Am Samstag hatte Peter Struck von einem "Neuanfang" bei den hessischen Genossen gesprochen. Der Chef der SPD-Bundestagsfraktion nannte Schäfer-Gümbel einen geeigneten Kandidaten für die Zukunft. Koch sagte dazu: "Wenn Struck es mit dem Neuanfang ernst meinen würde, müsste er Ypsilanti zum Rücktritt auffordern."

Nächste Woche stellen beide Parteien ihre Listen für die Landtagswahl auf. Während es bei der CDU aller Voraussicht nach recht unspektakulär ablaufen wird, gibt es bei den Sozialdemokraten eine Kampfkandidatur um Platz zwei: Gegen Andrea Ypsilanti tritt die Nachfolgerin von Dagmar Metzger aus Darmstadt an, Astrid Starke. Der Bezirkschef Hessen-Süd, Gernot Grumbach, kritisierte den innerparteilichen Streit beim Parteitag hart.

Er sagte, die Zusammenkunft habe sich "zu sehr in den Schmerzen der SPD" verloren, damit müsse jetzt Schluss sein. Das zumindest steht kaum zu erwarten.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.