Hamburg - Ein Großteil der Deutschen nimmt Sinti und Roma nicht als gleichberechtigte Mitbürger wahr. Das ist das Ergebnis einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die Befunde seien "dramatisch", sagte die Behördenchefin Christine Lüders am Mittwoch: "Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Ablehnung bilden zusammen eine fatale Mischung, die Diskriminierungen gegenüber Sinti und Roma den Boden bereiten."
Die wichtigsten Ergebnisse der Erhebung im Überblick:
Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, zeigte sich besorgt: "Die Studie zeigt, dass es eine hohe Ablehnung von Sinti und Roma gibt und dass tiefsitzende Vorurteile immer wieder reaktiviert werden können." Das Feindbild "Zigeuner" sei in Deutschland hoch virulent.
"Wir alle müssen handeln"
"Die Studie ist ein Warnsignal", sagt auch Behördenchefin Lüders. Besonders auffällig sei, dass Sinti und Roma in allen sozialen Schichten und über Altersgrenzen hinweg nicht als gleichberechtigt wahrgenommen würden. "Das heißt, wir alle müssen handeln, um die Minderheit besser zu integrieren", so Lüders.
Um Risiken von Ausgrenzung besser sichtbar zu machen, fordere die Antidiskriminierungsstelle einen regelmäßigen Bericht zu Rassismus und ethnischer Diskriminierung in Deutschland. Durch Öffentlichkeitskampagnen wolle man das Thema besser bekannt machen. "Abschottung bringt uns nicht weiter", sagt Lüders. "Die Studie hat gezeigt, dass viele überhaupt nichts über Sinti und Roma wissen."
Nach Meinung des Zentralratsvorsitzenden Rose gab es aber "auch positive Aspekte" der Studie: "81 Prozent der Befragten wussten, dass Roma und Sinti im Nationalsozialismus verfolgt wurden". Allerdings weicht das Wissen darüber stark nach Altersgruppen ab (siehe Bilderstrecke). Der Geschichtsunterricht in der Schule müsse das Schicksal der Sinti und Roma umfassender berücksichtigen.
Die Studie "Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung - Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma" basiert auf einer Forsa-Umfrage. Das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität in Berlin und das Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung ließen dafür 2001 Deutsche befragen.
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Ein Großteil der Deutschen nimmt Sinti und Roma nicht als gleichberechtigte Mitbürger wahr. Das ist das Ergebnis einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
Die Vorurteile sind groß, die Ängste ebenso: Jeder dritte Deutschen fände nach Angaben der Studie Sinti und Roma als Nachbarn "sehr oder eher unangenehm". Im Berliner Stadtteil Neukölln leben Hunderte Roma, hier ein Bild von einem Hinterhof in der Harzer Straße.
Dabei haben sich nur wenige Menschen mit Sinti und Roma näher beschäftigt - die meisten Befragten kannten nicht den Unterschied zwischen beiden Bezeichnungen. Bei den deutschen Sinti und den deutschen Rom (oder Roma) handelt es sich um Gruppen unterschiedlicher Volkszugehörigkeit mit eigener Sprache, Kultur und sozialer Gemeinschaftsordnung (Quelle: Verband deutscher Sinti und Roma).
Die Macher der Studie fordern auch, den Geschichtsunterricht in Schulen anzupassen. Das Wissen darüber etwa, dass Sinti und Roma im Nationalsozialismus verfolgt wurden, weicht je nach Altersgruppe stark voneinander ab.
Außerdem fordern sie mehr Aufklärung und Integrationsprogramme, auch um das gegenseitige Verständnis zu fördern. Viele Kommunen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren eine neue Welle von Zuwanderern erlebt - die neue Herausforderungen mit sich bringt.