Rostock Polizei rechnet mit Krawallen vor Ausländerbehörde

Tag zwei nach den schweren Krawallen in Rostock: Auch heute ist damit zu rechnen, dass es zu neuen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei kommen wird. Rund 2000 Gewalttäter sollen sich in der Stadt aufhalten. Aktueller Brennpunkt: die Ausländerbehörde.

Rostock - Brisantester Ort in Rostock zur Stunde ist ein Gebäude der Ausländerbehörde in der Werftstraße unweit des Stadtzentrums. Zwischen 500 und 1000 Demonstranten sind am Morgen dorthin gezogen, um gegen die Flüchtlingspolitik der Industriestaaten zu protestieren. "Abschiebeterror stoppen", "Mehr Rechte für Flüchtlinge" ist auf Plakaten zu lesen. Über den G-8-Kritikern kreist ein Hubschrauber der Polizei.

Demonstranten haben sich vor dem Haus zu einer Sitzblockade versammelt. Keiner soll es betreten können. Schwer gesicherte Sondereinsatzkräfte aus Bayern, ganz in schwarz gekleidet, sind durch einen Hintereingang in das Gebäude gelangt und riegeln es von innen ab. Die Polizei ist alarmiert: Im Internet habe es Aufrufe an die Demonstranten gegeben, das Haus zu stürmen. Unter den bisher friedlich Demonstrierenden sind etliche schwarz Gekleidete mit Sonnenbrillen und Kapuzen auszumachen.

Nach Angaben der Polizei hält sich ein Großteil der Krawallmacher vom Samstag weiter in Rostock auf. Die Polizeiführung geht von rund 2000 Gewalttätern aus. "Es handelt sich hierbei größtenteils um dieselben Straftäter, die für die Krawalle in Rostock am 2. Juni verantwortlich zeichneten", heißt es in einer Mitteilung der G-8-Sondereinheit Kavala vom Morgen. Die Personen bereiteten den Beamten große Sorge. Polizeiführer Knut Abramowski forderte alle friedlichen Demonstranten auf, sich künftig deutlich von Gewalttätern zu distanzieren.

Die Lage in Rostock blieb in der vergangenen Nacht laut Polizei ruhig. Gestern Abend hatten mehrere tausend Gipfelgegner ein Rockkonzert am Hafen verfolgt, wo unter anderem Jan Delay aufgetreten war.

Abramowski wies Kritik des GdP-Vorsitzenden Konrad Freiberg an der Einsatzführung vom Samstag zurück. Auch wenn es eine hohe Anzahl an verletzten Polizeibeamten gegeben habe, sei das Ziel erreicht worden, die 3000 Gewalttäter nicht in die Rostocker Innenstadt gelangen zu lassen. Das Konzept der Deeskalation sei sofort nach Beginn der Auseinandersetzungen im Stadthafen durch ein entschiedenes Vorgehen ersetzt worden. Freiberg hatte ein härteres Vorgehen der Polizei gegen die Krawallmacher gefordert.

Abramowski lobte das Verhalten des verantwortlichen Abschnittsführers aus Berlin als besonnen. Personelle Konsequenzen gegen vor Ort agierende Beamter würden nicht erwogen. Damit reagierte Abramowski auf einen Zeitungsbericht, wonach während der Krawalle einer der Führungsbeamten abgesetzt worden sei.

Allerdings hatte die Polizei zuvor Probleme beim Einsatz am Samstag eingeräumt: Der zuständige Unterabschnittsleiter sei zeitweise nicht über Funk zu erreichen gewesen. Daraufhin habe dessen Vorgesetzter direkte Befehle an die Einheiten gegeben, sagte ein Sprecher der G-8-Sondereinheit Kavala gestern Abend.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Wolfgang Speck, forderte unterdessen eine Überprüfung der Polizeistrategie. "Wir müssen uns sehr intensiv Gedanken machen, ob eine Deeskalationsstrategie wie bisher noch angebracht ist", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Im Umfeld von Demonstrationen gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm seien ein energischeres Auftreten und mehr Präsenz erforderlich. Die bisherige Strategie habe nicht funktioniert.

"Mit einer solchen Brutalität, solchem Hass hatten wir nicht gerechnet", sagte Speck. "Es ist schlimm, wie hier auf Polizistinnen und Polizisten losgegangen wurde." Bei den schlimmen Krawallen am Samstag waren mehr als 400 Polizeibeamte verletzt worden, davon 30 schwer. Insgesamt gab es knapp 1000 Verletzte. Die ersten mutmaßlichen Täter sollen noch diese Woche vor Gericht kommen.

Björn Hengst aus Rostock mit Material von AP

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