NRW-Wahl Landesmutter bezwingt Exil-Berliner

Es ist ein Abend der Extreme in Düsseldorf: Hannelore Kraft bejubelt in einer Disko ihren Wahltriumph in NRW, bei der CDU herrscht Untergangsstimmung. Norbert Röttgen hat die Christdemokraten im Westen tief in die Krise manövriert.

Wahl-Matadoren: Enttäuschung bei CDU-Mann Röttgen, Freude bei Kraft (SPD)
dapd

Wahl-Matadoren: Enttäuschung bei CDU-Mann Röttgen, Freude bei Kraft (SPD)

Von und , Düsseldorf


Als sich die Feuerschutztür am Rande der Tanzfläche öffnet und ein bulliger Zivilpolizist die Lage sondiert, wird es laut in der Düsseldorfer Diskothek 3001. Die Jusos grölen, dass es in den Ohren schmerzt, schnell bilden sie eine Gasse, durch die Hannelore Kraft nun gehen muss. Die Ministerpräsidentin klatscht ab, umarmt, sie sieht gerührt aus und irgendwie auch gelöst.

"Liebe Freundinnen und Freunde", sagt sie und wischt sich Tränen aus den Augen, "was für ein toller Abend!"

Sie stockt für einen Moment, wartet, bis der Jubel sich gelegt hat. Sie trägt ein lilafarbenes Kleid, eine helle Jacke, ihr Mann und ihr Sohn stehen neben ihr, schüchtern lächelnd. "Wir werden unser Bestes geben, das verspreche ich. Es ist ein tolles Gefühl, nach zwölf Jahren das erste Mal wieder vorne zu sein", ruft Kraft. Ihre Stimme ist sanfter als sonst, der Ruhrpott-Sound aus dem Wahlkampf kaum zu hören. 600 Menschen singen: "So sehen Sieger aus, schaaalalalala."

Hannelore Kraft ist bei der Landtagswahl ein Triumph geglückt, wie ihn in seiner Deutlichkeit vorher niemand für möglich gehalten hatte. Etwa vier Prozentpunkte legte ihre SPD zu, landete bei rund 39 Prozent.

Bitter wurde es dagegen für die CDU unter Norbert Röttgen, die mehr als doppelt so viel einbüßen musste. Auf gerade noch 26 Prozent kamen die Christdemokraten, schlechter waren sie bei einer Wahl in NRW noch nie.

Rot-Grün, das ist am Sonntagabend sehr schnell klar, wird künftig eine deutliche Mehrheit im Düsseldorfer Landtag haben, aus der Wackelkoalition ohne eigene parlamentarische Mehrheit dürfte ein solides Bündnis erwachsen.

Zugleich schafft die auf Bundesebene schwer angeschlagene FDP den lange Zeit bezweifelten Wiedereinzug ins Parlament. Auch den Piraten gelingt der nächste Coup: Zum vierten Mal in Folge entern sie mit über sieben Prozent ein Landesparlament. Die Linke (2,6 Prozent) hingegen kann die Fünf-Prozent-Hürde nicht knacken.

"Klares Signal nach Berlin"

13,2 Millionen Menschen waren im bevölkerungsreichsten Bundesland aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen, die Abstimmung galt als das wichtigste Signal vor der Bundestagswahl im Herbst 2013 (lesen Sie die Höhepunkte des Wahlabends im Minutenprotokoll nach). Der Aufwind für die rot-grüne Opposition bei der "kleinen Bundestagswahl" dürfte es Kanzlerin Angela Merkel und ihrer schwarz-gelben Koalition noch schwerer machen - auch wenn sich im Bundesrat praktisch nichts ändert. Kraft sagt: "Das ist ein klares Signal nach Berlin."

Für die nordrhein-westfälische CDU indes ist es ein "bitterer Tag", wie ihr Spitzenkandidat Norbert Röttgen bekennt. Niemals zuvor hat die Partei an Rhein und Ruhr derart schlecht abgeschnitten, den bisherigen Minusrekord von Jürgen Rüttgers unterbot der Bundesumweltminister noch einmal sehr deutlich.

"Eine totale Scheiße", rutscht es einem älteren Herren raus, als er die CDU-Ergebnisse sieht. Neben ihm steht Wolfgang Schulhoff, 72 Jahre: "Herr Röttgen hat sich einfach nicht entscheiden wollen für NRW, das war ein gravierender Fehler", so der langjährige Bundestagsabgeordnete. Aber auch Kanzlerin Merkel sei nicht unschuldig an dem Debakel: "Ihre Regierung regiert einfach nicht, das schadet der Partei."

Nur wenige Minuten später, um 18.10 Uhr, tritt Spitzenkandidat Norbert Röttgen vor die Kameras. Blass und ernst schaut der Bundesumweltminister drein, neben ihm steht seine Ehefrau Ebba. "Ich habe die CDU angeführt, ich war der Spitzenkandidat. Und darum ist dies zuallererst meine persönliche Niederlage", sagt Röttgen. "Und die tut richtig weh." Sein Amt als Landeschef gebe er deshalb auf.

Röttgen am Boden - zusammen mit der West-CDU

Um den 46-Jährigen herum scharen sich Mitglieder des Landesvorstands, auch Armin Laschet ist dabei, Vize der NRW-CDU, und Karl-Josef Laumann, Fraktionschef. Beide werden schon als Landeschef-Nachfolger gehandelt. Nach fünf Minuten ist Röttgens Ansprache vorbei, höflicher Applaus. "Wenigstens zeigt er Stärke", sagt ein junger Christdemokrat. Doch es werde lange dauern, bis die Partei wieder auf die Beine kommt.

Der Wahlkampf in Nordrein-Westfalen war über weite Strecken ein Zweikampf zwischen der Landesmutter Hannelore Kraft, die volksnah und bodenständig auftrat, und dem Minister aus Berlin, der sich im Kontakt mit dem Wähler schwer tat. Der Kopfmensch Röttgen versuchte, an die Vernunft der Menschen zu appellieren, er sprach von Nachhaltigkeit und Verantwortung, doch Herzen gewann er damit nicht.

Zudem konnte der gebürtige Rheinländer das Image, eigentlich ein Exil-Berliner zu sein, niemals ablegen. Hinzu kamen zahlreiche Ungeschicklichkeiten im Wahlkampf.

Röttgen sei "ein Traum" für die SPD gewesen, so formuliert es ein Sozialdemokrat, der für den Landtag kandidiert hat: "Von fünf möglichen Fehlern hat er sieben gemacht. Sonst passiert sowas nur uns."

Zufriedene Grüne - beseelte Piraten

Sehr souverän hingegen segelten die Grünen durch die Kampagne - und landeten am Ende etwa bei ihrem Ergebnis aus der Landtagswahl 2010. Die Spitzenkandidatin der Partei, Sylvia Löhrmann, gilt als versierte Bildungspolitikerin, vollmundige Visionen für eine bessere Welt, Revolutionsrhetorik gar, ist die Sache der gebürtigen Essenerin nicht. Nach einer ARD-Umfrage erwarten die Wähler jedoch zu 47 Prozent am ehesten von den Grünen, dass sie ihre Versprechen halten.

Für die Piraten gerät die Landtagswahl zum neuerlichen Triumph: Trotz Mini-Budgets und Laienpersonals kapern sie das vierte Landesparlament. Ergebnisse um die acht Prozent werden den Freibeutern in den Hochrechnungen beschieden, zwischen 16 und 18 Sitze sind damit im Düsseldorfer Parlament künftig orange besetzt. "Wir werden eine starke Opposition sein", so Spitzenkandidat Joachim Paul. "Heute wird gefeiert, morgen wird geliefert."

Lindner bejubelt "großartiges Ergebnis"

Ein weiterer Sieger des Wahlabends ist Christian Lindner: Der 33-Jährige hat die FDP über die Fünfprozenthürde gehievt, die für die Liberalen in Umfragen lange als unüberwindlich galt. Erst nachdem der 33-Jährige die Spitzenkandidatur übernommen hatte, ging es für sie bergauf. "Das ist ein großes Ergebnis für die FDP in Nordrhein-Westfalen", so Lindner am Sonntagabend unter dem Jubel seiner Parteifreunde auf der Wahlparty im Düsseldorfer Zollhof.

"Jawoll, jawoll, jawoll", ruft ein Freidemokrat, als die ersten Zahlen über die Bildschirme laufen. 20 Abgeordnete für die FDP, heißt es in der ersten Hochrechnung, in der zweiten sind es schon 21. Die Liberalen singen: "Einer geht noch, einer geht noch rein."

Mitarbeit: Björn Hengst, Annett Meiritz



insgesamt 12 Beiträge
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juergendi 13.05.2012
1. Kein Wunder.
Norbert Röttgen hat das von Anfang an nur als möglichen Karriereschritt gesehen. Er hat aber nicht damit gerechnet, dass die Wähler ihn da durchschauen.
forumundthreadkritiker 13.05.2012
2. optional
Beide Kandidaten hatten keinen Inhalt. Der Wähler konnte zwischen Kümmermuttchen mit Herz und spendablen Mitgefühl oder Karrierestenz auf der mit Patzern gepflasterten Durchreise entscheiden - der Ausgang der Wahl deshalb doch sehr vorhersehbar. Die Quittung bekommt NRW in den nächsten fünf Jahren. Die Frage wird dann irgendwann stellen, ob es möglich sein wird ein einzelnes Bundesland aus dem Euro auszuschließen und dort die Drachme einzuführen?
morpholyte 13.05.2012
3. Tja ...
Zitat von sysopDPAEs ist ein Abend der Extreme in Düsseldorf: Hannelore Kraft bejubelt in einer Disko ihren Wahltriumph in NRW, bei der CDU herrscht Untergangsstimmung. Norbert Röttgen hat die Christdemokraten im Westen tief in die Krise manövriert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832945,00.html
Nicht Röttgen allein ist dafür verantwortlich, obwohl der tölpelhaft durch die Gegend stolpert, sondern vor allem "Mutti" in Berlin. Herrlich, niemand scheint in der CDU zu bemerken, daß deren Machtgeilheit in den letzten 10 Jahren so gut wie jeden brauchbaren Nachfolger (Merz, Koch usw.) vertrieben hat. Noch schlimmer für die CDU: sie hat alle weggebissen. Merkel wird die Schuld tragen, wenn die CDU auch im Bund an die Wand fährt. Und das ist auch gut so ! Ich, als langjähriger SPD-Wähler und Gewerkschaftsmitglied freue mich schon auf diesen Tag !!
sonnigegruesse 14.05.2012
4.
Zitat von sysopDPAEs ist ein Abend der Extreme in Düsseldorf: Hannelore Kraft bejubelt in einer Disko ihren Wahltriumph in NRW, bei der CDU herrscht Untergangsstimmung. Norbert Röttgen hat die Christdemokraten im Westen tief in die Krise manövriert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832945,00.html
Gegen die diffuse, politische Wundertüte der Piraten hilft nur klare Kante: Konzepte, aussagekräftige Programme, was wollen wir (Energiewende, Schulreform) und was nicht (Betreuungsgeld, Atomenergie) Einzig beim Punkt Kohle KRAFT Werke zeigt sich Dissens. Hier wäre Frau Kraft gut beraten, wenn Sie diese Ruhrpott typische Kohle Affinität ablegen würde. Denn selbst hochmoderne KKW stoßen CO2 aus, wir sollten alles tun, um den Klimawandel (Club of Rome Studie) und die damit verbundene Erderwärmung abzumildern. Ansonsten "Glück auf" liebe Hannelore Kraft und viel Erfolg in der gemeinsamen Power Frau Koalition mit den der Grünen "Powerfrau" Löhr!
sonnigegruesse 14.05.2012
5.
Zitat von sysopDPAEs ist ein Abend der Extreme in Düsseldorf: Hannelore Kraft bejubelt in einer Disko ihren Wahltriumph in NRW, bei der CDU herrscht Untergangsstimmung. Norbert Röttgen hat die Christdemokraten im Westen tief in die Krise manövriert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832945,00.html
@Röttgen wer Wähler für dumm verkauft (Freudscher Versprecher.. "leider entscheiden die Wähler...) und einen halbherzigen Wahlkampf mit Rückfahrkarte betreibt, ansonsten einen unglaublichen handwerklichen Murks (Solarkürzung) hinlegt, muss sich nicht wundern wenn er die rote Karte bekommt! Im Fussball würden die Fans singen: "Ihr (Röttgen & CDU) könnt nach Hause gehn.... Mit sonnigen Grüßen aus Franken Werner Thoma
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